Snowboard-Slopestyle:Vorbild aus Leidenschaft

Lesezeit: 3 min

Snowboard-Slopestyle: Sprung in die Tiefe: Leon Vockensperger beim Performance Camp im schweizerischen Saas Fee.

Sprung in die Tiefe: Leon Vockensperger beim Performance Camp im schweizerischen Saas Fee.

(Foto: Lorenz Richard /Red Bull Content Pool/oh)

Zu alt, zu schlecht: Trotz mieser Prognose hat sich Leon Vockensperger durchgebissen, im Vorjahr war der 22-Jährge Dritter im Gesamt-Weltcup und startet nun bei Olympia in Peking.

Von Thomas Becker

An den Moment, als seine Karriere fast schon vorbei war, bevor sie begonnen hatte, erinnert sich Leon Vockensperger noch gut. Er war 13, bewarb sich um einen Platz am Berchtesgadener Ski-Gymnasium. Sein Traum: Snowboarden und Schule vereinen können. Doch das Feedback nach der Sichtung holte ihn zurück auf den Boden: "Du bist zu alt und im Vergleich zu den Anderen zu schlecht", hieß es. "Ich dachte, mir bleibt die Luft weg", erzählt Vockensperger nun, neun Jahre später. Der Mann, der damals seinen Traum fast torpedierte, ist heute ein ständiger Begleiter, im Weltcup, so wie derzeit in Calgary, und bald auch bei Olympia: Slopestyle-Bundestrainer Friedl May.

Auch er erinnert sich an die Situation: "Dieses Feedback hat ihn härter getroffen, als ich je gedacht hätte." Dann erzählt er: "Vocki war ein, zwei Jahre älter als die anderen Jungs in der Gruppe, sehr selbstbewusst, optimistisch, ein Typ, der gut mit Leuten kann. Ich hatte auch mal Jungs, die mir die Story verkauft haben: 'Hey, ich will das unbedingt!' - dann war aber nicht viel dahinter. Tatsächlich hatte ich Respekt davor, dass der Vocki da hin will, weil das halt cool ist, nicht weil er hundert Prozent Gas geben und lernen wollte. Was ist mit den Jüngeren, wenn er mit 16, 17 auf Partys will? Wie halte ich da die Crew zusammen?" Sein Grundgedanke: ihm einen Dämpfer verpassen - und dann zu fragen: Willst du das wirklich? Mit breitem Grinsen habe Vockensperger gesagt: "Auf jeden Fall!", erzählt May: "Und daran hat sich nichts geändert. Wenn er Knieschmerzen hatte, ist er halt mit gestreckten Beinen gelandet, hat alles mit dem Rücken abgefangen - aber es hat ihn nicht davon abgehalten zu snowboarden. Das ist Leidenschaft, und die zeigt sich jetzt in den Ergebnissen."

Gleich im ersten Wettkampf sichert er sich mit Platz sechs beim Big-Air-Weltcup das Ticket für Olympia

Wohl wahr: Gleich im ersten Wettkampf sicherte sich der 22-Jährige aus Flintsbach bei Rosenheim mit Platz sechs beim Big-Air-Weltcup in Chur das Olympia-Ticket. Die vergangene Saison hatte er als Dritter des Gesamt-Weltcups abgeschlossen, er war mit Rang zwei beim Weltcup in Laax als erster Deutscher auf einem Slopestyle-Podium gestanden. Papa Christian, früher selbst Snowboard-Racer und später Freestyler, streamte den Contest auf die Leinwand in seiner Physiotherapie-Praxis, was Vockensperger später nicht von ihm, sondern von den Angestellten erfuhr: "Er hat mich nur beiläufig gefragt, wie es so war in Laax", erzählt der Junior und grinst.

Snowboard-Slopestyle: Falsche Diagnosen, falsche Behandlung, falsche Ärzte: Leon Vockensperger hatte eine lange Leidenszeit.

Falsche Diagnosen, falsche Behandlung, falsche Ärzte: Leon Vockensperger hatte eine lange Leidenszeit.

(Foto: Lorenz Richard/Red Bull Content Pool/oh)

Der Vater hatte ihn nicht nur mit drei gleich aufs Board gestellt (erst mit 19 schnallte sich Vockensperger erstmals Skier unter), sondern ihm auch aus einer schwierigen Verletzungsphase heraus geholfen. Nachdem es mit dem Ski-Gymnasium geklappt und Vockensperger dort Abitur gemacht hatte, stand nach guten Europacup-Ergebnissen der erste Weltcup im Sommer in Neuseeland an. Der Rookie fuhr und sprang direkt ins Finale: "Das konnte ich selber nicht glauben. Da standen meine Idole neben mir. Olympiasieger Redmond Gerard habe ich aus dem Finale gekickt, das war verrückt. Ich dachte: Das wird meine Saison!" Der Dämpfer kam beim Training in Hintertux: Syndesmosebandriss. Es folgten: falsche Diagnosen, falsche Behandlung, falsche Ärzte. "Hat mich zwei Jahre gekostet", klagt er. Dann endlich das Go der Ärzte - und der nächste Dämpfer: Gleich am ersten Tag schwoll der Fuß erneut an. Der Vater organisierte einen Termin beim Spezialisten in Rosenheim: "Werde ich nie vergessen", erzählt Vockensperger, "der schaut sich das alte und das neue MRT an und fragt mich: 'Siehst du einen Unterschied?' Nö. 'Genau. Das Band ist nie zusammengewachsen.' Dieser Satz fühlte sich an wie ein Stoß ins Herz."

Eine Operation war nötig, danach Reha in Papas Praxis - und schon wieder ein Dämpfer: "Ich bin total erschrocken, hatte kein Gefühl mehr im Sprunggelenk, keine Sicherheit beim Fahren, ein ganzes Jahr noch." Eine schwierige Situation, schließlich wollte er trotzdem Weltcup fahren. Das Dilemma: Um vorn mitzufahren, musste er etwas riskieren, er durfte sich aber nicht schon wieder verletzen. "Die Saison 2019/20 habe ich im Survival-Modus bestritten", sagt Vockensperger, "man muss schon crazy sein, aber ich hatte keine Zweifel, wofür ich das mache." Da ist sie wieder, die Leidenschaft, von der sein Coach sprach. Vockensperger selbst spürt das auch: "Das Feedback von damals hat ein Feuer entfacht, das bis heute anhält und eher noch stärker wird."

Aber die Wettkämpfe rund um Backside Triple 1400 & Co. sind nicht alles für ihn: "Ich sehe Snowboarden eher als Ganzes. Und ich habe noch wirklich große Ziele. Manche lachen darüber, aber ich will mehr als nur Snowboarder sein, will Vorbild sein für die Generation, die nachkommt. Die Kanadier hatten Mark McMorris, die Norweger Marcus Kleveland: Das hatte ich früher eben nicht. Ich nehme mir gern Zeit, um mit den Kids ein paar Runs zu fahren. Ich merke, dass das denen gut tut. Oder die Rückmeldung von Eltern: 'Vielen Dank! Der ist so motiviert jetzt!' So was ist schon erfüllend."

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