Süddeutsche Zeitung

Snowboard:Neue Deko fürs Regal

Bei der Weltmeisterschaft nutzt Selina Jörg die Abwesenheit der Favoritin Ester Ledecka und holt im Parallel-Riesenslalom ihren ersten großen Titel.

Selina Jörg hat früh gemerkt, dass das ein guter Tag für sie werden könnte. Dabei waren die Bedingungen gar nicht so, wie sie eigentlich sein müssen, wenn Jörg auf ihrem Snowboard besonders schnell sein will. Die Sicht war nicht wirklich gut, die Piste auch nicht. Ausgerechnet bei diesen Weltmeisterschaften. Aber am Montag war das egal. Jörg fuhr schneller als alle Konkurrentinnen. Sie gewann die Qualifikation im Parallelriesenslalom von Park City und dann einen Lauf nach dem anderen - bis sie schließlich auch im Finale ungefährdet vor der Russin Natalia Sabolewa über die Ziellinie sauste. Dritte wurde Ladina Jenny aus der Schweiz. "Mir fehlen die Worte, das war ein Wahnsinnsrennen heute", sagte die 31-Jährige nach ihrem ersten Sieg bei einem Großereignis überwältigt. Und: "Weltmeisterin ... das ist der Wahnsinn!"

Wenige Minuten nach der Allgäuerin holte Stefan Baumeister dann noch hinter dem Russen Dmitry Loginov und dem Slowenen Tim Mastnak Bronze. Zuvor waren im Snowboardcross-Mixed auch Hanna Ihedioha und Paul Berg auf Rang drei gefahren. Für den deutschen Snowboard-Verband ist diese WM schon jetzt ein Erfolg - und im Parallelslalom am Dienstag gab es zwei weitere Medaillen: Jeweils Bronze für Ramona Hofmeister und nochmals für Stefan Baumeister.

Selina Jörgs Rolle hatte sich erst ein paar Wochen vor dem Abflug in die USA verändert. Sie hatte in diesem Winter einen von bisher fünf Weltcups gewonnen; das zeigte ihre gute Form, machte sie aber nicht zur großen Favoritin. Diese Position hatte nun mal die Tschechin Ester Ledecka inne. Jene Snowboarderin, die 2018 in Pyeongchang im Parallel-Riesenslalom vor Jörg und der Bischofswieserin Ramona Hofmeister Olympiasiegerin wurde - und davor für eine Sensation gesorgt hatte, als sie diesen Titel auch im Super-G der Skirennfahrerinnen holte. "Wir haben uns alle zur Aufgabe gemacht, Ester ordentlich zu ärgern. Sie ist die Gejagte, ganz klar", hatte Jörg zu Saisonbeginn gesagt. Die von Bedingungen unbeeindruckt schnell fahrende Ledecka aber wollte dann doch lieber bei den Alpin-Weltmeisterschaften in Schweden teilnehmen. Und so wurde Jörg zu einer etwas größeren Mitfavoritin.

Einfach nur mitgefahren wäre die 31-Jährige bei ihrer siebten WM natürlich auch dann nicht, wenn Ledecka sich für ein Brett unter ihren Füßen entschieden hätte. Für Jörg ist es in ihrer Karriere immer auch darum gegangen, endlich bis zum Schluss zeigen zu können, dass sie zu den weltweit Besten bei den Frau-gegen-Frau-Rennen gehört. Lange war das wie ein Fluch für sie gewesen, ständig wurde sie Vierte. Bei großen Wettkämpfen und bei kleineren. "Das hat ordentlich gewurmt. Mir hat was gefehlt", hatte Jörg dazu gesagt. Medaillen holten stattdessen ihre Teamkolleginnen. Bis zu Jörgs Durchbruch bei den Olympischen Spielen 2018. Und nun bei der WM. "Sie war unfassbar an diesem Tag", sagte Sportdirektor Andreas Scheid. "Selina hätte heute auch gegen Ledecka eine Chance gehabt." Im Moment stimme einfach alles: Erfahrung, Selbstbewusstsein und die Bestätigung des eigenen Könnens.

Ewige Vierte ist Selina Jörg nun nicht mehr. Ob das ein größerer Antrieb oder Genugtuung genug ist, ihre vor 14 Jahren im Weltcup begonnene Karriere bald zu beenden? Jörg hatte vor diesem Winter noch ganz entspannt davon erzählt, dass nach Olympia schon einiges los war - ihr Leben als Athletin sich aber nicht groß verändert hatte. Sponsoren würden auch jetzt nicht Schlange stehen. Die Schuhe zum Snowboarden kaufe sie sich selbst. Dabei würden Teile, die an ihrem Schuh verbaut werden, gar nicht mehr produziert. "Von daher muss ich auf diesen Schuh gut Acht geben. Wenn der verloren geht, hab ich ein Problem", sagte Jörg. Ihr Freund habe ihr ein Regal gebaut, an dem ihre olympische Silbermedaille hänge und auch an schwierigen Tagen Motivation spende. Wenn sie aus den USA zurück in Deutschland ist, wird sie mindestens eine weitere Medaille dazu hängen können. Und dann wohl noch mal überlegen, wie es weiter geht. Eine Entscheidung zu ihrer Karriere hatte Jörg für die Zeit nach der WM angekündigt. Da wusste sie natürlich noch nicht, dass sie von dort als Weltmeisterin zurückkehren würde.

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SZ vom 06.02.2019
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