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Wintersport:Mit heftigem Bass Richtung Elite

Wintersport - Snowboard - Annika Morgan

Snowboarderin Annika Morgan ist im vergangenen Herbst erstmals ein Cap Double Under gelungen - ein Doppelrückwärtssalto mit halber Drehung.

(Foto: Johannes Jank/SNBGER/oh)

Freestyle-Snowboarderin Annika Morgan machte sich gerade international einen Namen, als Corona ihre Trainingsroutine durchkreuzte. Nun profitiert sie sogar von der unsteten Vorbereitung.

Von Anna Dreher

Die Vorbereitung war natürlich schon irgendwie Murks. Gemessen an den Schneetagen zumindest. Bis März lief noch alles normal. Dann erreichte die Pandemie Europa und es begann eine ungewöhnlich lange Pause, wie sie Annika Morgan in den vergangenen Jahren noch nie einlegen musste: Gleich zwei Monate ohne einen einzigen Tag auf dem Snowboard, bis sie im Juni in Österreich und im Juli in Frankreich auf Gletschern ihr Gefühl fürs Brett etwas auffrischen konnte. Dann wieder ein Monat Pause. Ab September, dachte sie, würde alles wie gewöhnlich laufen. Aber auch im Herbst brachte das Coronavirus die Planungen durcheinander und es gab Wochen ohne Schnee. "Ich steh sonst quasi jeden Tag auf dem Brett", sagt Morgan. "Es tut nicht gut, so lange nicht zu fahren. Jedes Mal, wenn ich wieder eingestiegen bin, hat es sich angefühlt, als ob ich alles neu lernen müsste."

Dabei ist Morgan Deutschlands beste Slopestyle- und Big-Air-Snowboarderin. Die 18-Jährige aus Mittenwald galt schon länger als großes Talent. Vergangene Saison manifestierte sie diese Einschätzung in Ergebnissen. Sie schnitt in Weltcups gut ab, gewann Silber bei den Olympischen Jugendspielen im Big Air. Bei den US Open schaffte sie es ins Finale und erhielt eine Einladung zu den X Games, der größten Extremsportveranstaltung weltweit, die sie wegen einer Schienbeinprellung jedoch nicht annehmen konnte. Hinzu kam im Slopestyle ein vierter Platz bei den renommierten Laax Open. Das 2020 nur knapp verpasste Podium war auch deshalb so erstaunlich, weil Morgan in einem starken Feld die jüngste und unerfahrenste Teilnehmerin war.

Annika Morgan fährt in Konkurrenz zu Szenegrößen wie Titelverteidigerin Julia Marino oder Olympiasiegerin und Weltmeisterin Anna Gasser

Spätestens seit ihrem dortigen Auftritt kennt die Szene auch international ihren Namen. Seit Sonntag trifft sich die Elite nun unter Hygienemaßnahmen wieder in der Schweiz, für Morgan wird es mit dem Halbfinale im Slopestyle ab diesem Mittwoch ernst. Sie fährt in Konkurrenz zu Größen wie Titelverteidigerin Julia Marino (USA) oder Olympiasiegerin und Weltmeisterin Anna Gasser aus Österreich. Mehr als 200 Snowboarderinnen und Snowboarder aus 25 Ländern nehmen dieses Jahr an den Laax Open teil. Der Drang ist besonders groß, sich nach einem von ungeplanten Pausen geprägten 2020 nun in der vorolympischen Saison wieder mit den Besten am Crap Sogn Gion zu messen, dem über 2200 Meter hohen Bergrücken im Kanton Graubünden. Olympia ist auch für Morgan ein großes Ziel, aber für sie geht zunächst darum, ihre Leistung zu bestätigen - und zu verbessern.

Laax gehört klar zu den Highlights und markiert in dieser speziellen Saison den Auftakt in die Fis Snowboard Weltcup Tour in den Disziplinen Slopestyle und Halfpipe. "Ich möchte es dieses Mal aufs Podium schaffen", sagt Morgan. "Aber ich kann meine Leistung gerade überhaupt nicht einschätzen, weil ich so viel weniger Training hatte als sonst. Letzte Saison habe ich mich jedenfalls viel wohler gefühlt bei den Tricks."

Wenn auf der nördlichen Erdhalbkugel der Schnee in den meisten europäischen Gegenden geschmolzen ist, hat sich Morgan seit zwei Jahren als deutsche Kaderathletin stets auf den Weg nach Neuseeland gemacht, um dort auch im August Snowboarden zu können. 2020 war für sie im Sommer auch wirklich Sommer. "Aber ich glaube, das hat keinen Abbruch getan", sagt Friedl May, deutscher Slopestyle- und Big-Air-Nationalcoach. "Wir haben trotzdem viel trainiert, mehr Athletik, mehr Akrobatik und mehr Sprünge auf Luftkissen. Das kommt sonst zu kurz, obwohl es gerade für komplizierte Tricks effektiv und wichtig ist."

Und so hat die unstete Vorbereitung paradoxerweise dazu beigetragen, dass sich Morgan den Weltbesten mit ihrem nächsten Entwicklungsschritt weiter angenähert hat. Im Slopestyle geht es darum, möglichst spektakulär durch einen Hindernisparcours zu manövrieren. Frauen und Männer fahren die gleiche Strecke über Geländer und Schanzen mit Sprüngen, die kunstvolle Namen tragen wie Backside 900 Melon, Cab Double Underflip Mute oder Frontside 720 Mute. Morgan ist im Herbst erstmals ein Cap Double Under gelungen - ein Doppelrückwärtssalto mit halber Drehung. "Das hat mich viel Überwindung gekostet, ich hatte Angst, mich zu verletzen. Aber ich dachte, ich muss das jetzt mal probieren, sonst ist es auch langweilig", sagt Morgan. "Beim Üben habe ich Techno mit heftigem Bass angehört, das hat gepusht, und irgendwann hat's geklappt."

Wintersport - Snowboard - Annika Morgan

Profi-Snowboarderin und Abiturientin: Noch muss Annika Morgan, 18, mit dieser Doppelbelastung umgehen.

(Foto: Johannes Jank/SNBGER/oh)

Morgan spricht und fährt mit Bedacht. Sie gilt als Snowboarderin, die genau überlegt, wann sie sich was zutrauen kann - und die auch mal nein sagt, was in einem Sport, der sich ständig selbst zu übertreffen versucht, nicht gerade einfach ist. Der Weg nach oben aber geht nur über permanentes Tüfteln an Tricks und das Erlernen von neuen Sprungkombinationen. "Das ist sehr wichtig, weil zum Beispiel ein Double bei den Topfahrerinnen einfach zum Repertoire gehört", sagt Friedl. "In den letzten drei Jahren hat Annika sich extrem entwickelt. Sie ist schon sehr weit, hat ein gutes Gespür und ein extrem gutes Brettgefühl. Sie fährt sehr konstant und der kreative Teil liegt ihr. Aber zur internationalen Spitze ist noch Luft nach oben."

Die nächsten Entwicklungsschritte auf dem Weg dorthin dürfte sie in diesem Jahr machen, vor allem, wenn sie am Sportgymnasium in Berchtesgaden ihr Abitur bestanden hat. Denn noch muss Morgan mit der Doppelbelastung umgehen, Profi-Snowboarderin zu sein und sich gleichzeitig sehr viel Lernstoff selbst beizubringen - weil sie nur selten am Unterricht in der Schule teilnehmen kann. Um Abschlussprüfungen dürften ihre Gedanken gerade aber nicht kreisen: Nach den Laax Open reist sie Ende Januar als Ersatzfahrerin zu den X Games. Und wenn alles läuft wie geplant, findet im März die Weltmeisterschaft in Calgary statt. Da kann so ein Cap Double Under nicht schaden.

© SZ/pps
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