Snowboard:Jenseits der Panini-Alben

Lesezeit: 3 min

Amelie Kober beendet ihre Karriere. Sie hat ihren Sport nicht nur durch den Gewinn von Medaillen geprägt -sondern auch, weil sie versucht hat, ihn zu verändern.

Von Johannes Knuth

Die Zukunft findet Amelie Kober viel spannender, und vielleicht fällt es ihr auch deshalb leicht, jetzt noch mal gelassen auf ihre 15 Jahre in der durchgetakteten Maschinerie des Spitzensports zu blicken. Das Kapitel ist eh durch, vor ein paar Tagen hat sie es selbst zugeklappt. Und die Erkenntnis, dass es für sie nicht mehr weitergehen würde im alpinen Snowboardsport, hatte sie ja auch nicht wie ein Donnerschlag getroffen. Sie war eher langsam gereift wie eine Frucht, die einem irgendwann vom Baum in die Hände plumpst; Kober war zuletzt ja immer wieder verletzt gewesen und hatte festgestellt, "dass man eben doch nicht unsterblich ist". Sie genießt gerade lieber die vielen kleinen Freiheiten, die das neue, echte Leben mit sich bringt. "Einkaufen, was man möchte" zum Beispiel, und zwei Tagen später nicht die Hälfte wieder wegschmeißen müssen, weil ja schon der nächste Trainingslehrgang in Neuseeland ansteht.

Olympia Turin - Snowboard Riesenslalom - Amelie Kober

Erfolgreiche Premiere: 2006 in Turin gewann Amelie Kober Olympia-Silber.

(Foto: Olivier Maire/dpa)

Manche Athleten berichten davon, dass sie nach ihrem Karriereende das Gefühl hatten, ein Teil ihrer Identität zu verlieren, aber bei der 31-Jährigen aus Fischbachau muss man sich da nicht allzu viele Sorgen machen. "Ich habe schon immer versucht, mich nicht ausschließlich über den Erfolg im Sport zu definieren", sagt Kober, das war das eine. Das andere war, dass sie meist auch das erreichte, was sie sich vornahm im Parallelslalom und -riesenslalom: Olympia-Silber 2006 in Turin, Bronze 2014 in Sotschi. Silber bei der WM 2007, noch zwei Mal Bronze bei der WM sechs Jahre später. Der Gesamtsieg im Parallel-Weltcup 2009, zwölf Weltcup-Erfolge, mehr als jede andere deutsche Snowboarderin. Und selbst wenn es 2018 nichts mehr wurde mit ihren vierten Winterspielen, nach einer OP am Sprunggelenk: Sie ist ja ohnehin niemand, die der Vergangenheit zu sehr nachtrauert. Und dass sich ihr Verband Snowboard Germany um die Zukunft der Alpinsparte nicht sorgen muss, weil längst viele starke Athleten nachgerückt sind, hat er auch Kober ein wenig zu verdanken. 15 Jahre war sie das Gesicht ihres Sports, den sie ein wenig aus der Nische zerrte und dabei für Dinge kämpfte, die heute fast selbstverständlich wirken.

Kober war 18, als sie in Turin beinahe Olympiasiegerin wurde. Aufsehen erregte sie aber eher, weil sie ihren Verband öffentlich tadelte Es könne doch nicht sein, dass eine Olympia- und WM-Medailleninhaberin ihr eigenes Sportlerleben querfinanzieren müsse, spottete sie, und tatsächlich wendete sich bald manches zum Besseren, mit besseren Trainingsbedingungen und Fördermodellen. "Dieses Geradlinige war schon immer in mir", sagt Kober heute, "ich denke, das war diesem absoluten Idealismus geschuldet. Wenn man so jung ist, hat man den halt." Heute? Würde sie wohl vieles diplomatischer formulieren. Aber sie habe so auch viel gelernt, sagt Kober, zum Beispiel "dass es nicht gut ist, wenn man Einzelkämpferin ist". Oder umgekehrt: "Wie cool es ist, gemeinsam zu reisen, respektvoll miteinander umzugehen, sich im Training zu helfen. Da haben wir uns im Team erst nach und nach zusammengerauft." Isabella Laböck, Anke Wöhrer, Selina Jörg und Kober gewannen die Medaillen so bald wie im Schichtdienst, vor allem Kober bestach mit einer Konstanz, die im wechselhaften Parallelslalom selten ist. Aber sie schaffte es, trotz vieler Verletzungen. Oder als sie 2010 Mutter eines Sohnes wurde und vier Monate nach der Geburt schon wieder WM-Vierte war.

Snowboarderin Amelie Kober beendete Karriere

Fünf Medaillen bei Großanlässen, mehr Weltcup-Siege als jede andere deutsche Snowboarderin: Amelie Kober war 15 Jahre ein Gesicht des alpinen Snowboardsports.

(Foto: Andreas Gebert/dpa)

Eigentlich, sagt sie heute, war das Vorhaben damals "wahnsinnig": Mutter werden, und fünf Wochen später trainierte sie schon wieder auf dem Gletscher. Aber sie sei im Nachhinein doch glücklich darüber, "als Sportler ist man ja immer sehr auf sich bezogen. Man kriegt schon Panik, wenn man statt acht Stunden nur fünf schläft. Als Mutter dachte ich: Wahnsinn, fünf Stunden Schlaf - ich kann Bäume ausreißen!" Und: "Es relativieren sich viele Dinge, das hat sowohl im Sport als auch im Leben sehr geholfen." Finanziell war sie auch "komplett abgesichert", durch ihren Platz in der Fördergruppe der Bundespolizei; für Mütter im Spitzensport ist das nicht selbstverständlich. Auch das war ein Lernprozess, sagt Kober: Dass das Fördersystem im Sport vielleicht noch immer nicht perfekt ist, "aber ohne dieses Behördensystem gäbe es viele Randsportarten gar nicht", weil sie sich im Garten der freien Wirtschaft kaum behaupten können. Nebenbei genoss sie "ein ganz normales Leben" in dieser Nische, das wäre in manch hoch bezahlter Sportlerblase schwer gewesen. "Ich finde, eine Gesellschaft braucht auch sportliche Vorbilder, die greifbar sind und die man sich nicht nur in ein Panini-Album klebt", sagt Kober: "Die Grundformen der Bewegung sollte jeder in der Gesellschaft können, da fehlt es derzeit an vielen Stellen. Auch an Sportstätten." Einerseits.

Andererseits findet sie, habe sie den Sport eben nie zu wichtig genommen. So eine Olympiamedaille sei "ein wunderschönes Erlebnis an einem Tag. Aber es ist eben nur ein Tag. Ich habe immer versucht, mir danach neue Ziele zu suchen". Heute hat sie zwei Studienabschlüsse, bei der Bundespolizei hat sie längst die Schienen für die zweite Karriere gelegt, in der Fortbildungs- und Pressestelle in Bad Endorf. "Meine Medaillen und Pokale", sagt Kober, "die sind zu Hause in einer Kiste im Keller", das reicht, findet sie. Die Zukunft ist mindestens genauso spannend.

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