An diesem Wochenende wollte Elias Huber eigentlich nach Ratschings, zum Europacup, die Welle reiten. Wenn der Weltcup drei Wochen Pause macht, muss man ja sehen, wie man in Form bleibt. Denn diese Form ist bei Huber gerade so gut wie nie zuvor: Platz zwei vor einer Woche beim Snowboard-Weltcup in Rogla (Slowenien) bedeutete das bislang beste Ergebnis seiner Karriere. Im 71. Weltcup-Rennen schaffte es der 25-Jährige erstmals ins große Finale und aufs Podium. Sein Glücksgefühl passt in ein Wort: „Saugeil.“ Kein Wunder also, dass er das Erfolgserlebnis gleich wieder bestätigen wollte, und wenn gerade kein Weltcup ist, dann halt im Europacup. Doch Coach Paul Marks intervenierte: „Ich hab’ ihn ein bisschen gebremst und gesagt: ‚Genieß das doch mal!‘ Bevor wir zum Weltcup nach Kanada fliegen, haben wir nächste Woche in Südtirol sowieso noch einen Lehrgang. Er muss jetzt nur schauen, dass er cool und in Form bleibt.“
Seit acht Jahren fährt der Mann vom SC Schellenberg im Weltcup, er ist 2019 WM-Zweiter der Junioren geworden, doch die ersten Platzierungen in den Top Ten ließen auf sich warten. Im Winter 2022/23 schaffte es der Berchtesgadener viermal unter die besten Zehn, im Jahr darauf zweimal, doch in diesem Winter scheint sich ein Knoten gelöst zu haben: sechs, neun, zehn und sieben lauteten die Platzierungen, bevor es in Rogla erstmals ins Finale ging, im Riesenslalom, seiner im Vergleich zum Slalom etwas stärkeren Disziplin. Sein Durchbruch kommt für den Cheftrainer der Race-Snowboarder nicht überraschend: „Der Trend war schon im vergangenen Jahr zu erkennen“, sagt Paul Marks, „das Talent war immer da, jetzt kommt alles zusammen: das Alter, die Erfahrung, das Wissen, dass der mentale Aspekt auch wichtig ist, nicht nur Technik.“
Generell sei es im Weltcup so, „dass die meisten mit 24 oder 25 ihr erstes Podium schaffen“, so Marks, „es ist ein Reifeprozess. Ich wusste, dass bei ihm der Erfolg kommen würde – und er wusste es auch. Er wusste: ‚Ich kann das!‘ Und an diesem Tag in Rogla hatte er genau dieses Gefühl, war viel ruhiger als sonst, gar nicht nervös. Das Podium war keine Überraschung mehr für ihn, weil er wusste: ‚Jetzt ist die Zeit!‘“
Huber bestätigt die Expertise des Trainers: „Über Jahre habe ich daran gefeilt, dass ich ganz nach vorn komme, habe einen guten Grundstock aufgebaut. Und jetzt ist es sich einfach mal ausgegangen.“ Bislang war er stets spätestens im Viertelfinale hängengeblieben, umso größer die Freude, dass es diesmal mit neuer Taktik – Gefühl statt Brechstange – bis ins Finale ging: „Darüber habe ich mich riesig gefreut, weil es so eng war und nicht leicht. Aber ich habe die ganze Zeit gemerkt, ich kann heute ganz nach vorn fahren.“ Und das klappte, in Rogla, wo er einst Zweiter der Junioren-WM wurde. „Ich dachte mir: Das könnte ein Hang sein für heute.“ Dass es nicht bloß am Hang lag, weiß er auch: „Das lag auch am Kopf. Ich war heute ziemlich ruhig. Generell bin ich mental viel stärker als in den vergangenen Jahren. So kann’s jetzt weiterlaufen die nächsten vier Weltcups und dann bei der WM. Jetzt weiß ich, wie’s geht.“

Elias Huber weiß auch, warum es zuvor nicht ganz so gut gegangen war: „Weil ich immer zu viel wollte. Das ist generell mein Problem: Dass ich nicht das bringe, was ich könnte, weil ich oft noch übers Ziel hinausschieße“, erzählte er vor drei Jahren am Götschen, dem Leistungszentrum der Race-Snowboarder. An einem Hügel in der Oberau stand er mit fünf Jahren erstmals auf Skiern, mit Bruder Amadeus und Schwester Philomena, er stieg mit sechs aufs Brett um, „weil meine Eltern Snowboarder sind“. Papa Thomas ist aber nicht nur Boarder, sondern einer der weltweit berühmtesten Extremkletterer, die eine Hälfte der legendären Huberbuam.
Wie geht man mit einem Vater um, der sich ein Leben über dem Abgrund ausgesucht hat? Elias Huber sagt: „Als Kind, wenn er auf Expedition gefahren ist, habe ich schon Angst gehabt. Und jetzt ist es immer noch so. Nun ist einem ja erst bewusst, was da alles passieren kann, wenn man mal selbst in den Bergen war. Er hat mir ein Versprechen gegeben: Er macht nichts Unkalkuliertes. Das schließt schon mal viel Risiko aus.“ Vor neun Jahren passierte Thomas Huber aber ein fataler Leichtsinnsfehler: Er übersah beim Abseilen das Seilende und stürzte 16 Meter tief, erlitt einen Schädelbruch.
Der Sohn erinnert sich: „Ich war in der Schule, habe gesehen, dass von zu Hause jemand angerufen hat und dachte gleich: Da stimmt was nicht! Dann hat meine Mutter erzählt, dass der Papa runtergefallen ist.“ Zum Glück kam die Entwarnung gleich dazu, dass er schon operiert sei und es ihm einigermaßen gut gehe. „Wenn man den anschaut: Der ist komplett zusammengeflickt“, sagt Elias Huber. Der Papa sei halt ein Kämpfer, der ihn viel über verletzungsbedingte Rückschläge gelehrt habe: „Wenn du eine Verletzung hast, brauchst du ein hohes Ziel, damit Körper und Kopf arbeiten, um dieses Ziel zu erreichen. Du brauchst was, worauf du hinarbeiten kannst.“
Vor ein paar Jahren hieß das Karriereziel von Elias Huber noch: „Einer der besten Race-Snowboarder werden.“ Möglich, dass er da ein wenig nachjustieren muss.

