Die Siegerlisten im Snooker waren bislang eine vornehmlich britische Angelegenheit. Von all den Weltmeistern, die seit dem Jahr 1927 gekürt wurden, kamen die allermeisten von der Insel: Eine Menge Engländer waren darunter, einige Schotten und Waliser, ein Ire und ein Nordire, auch zwei Australier und zuletzt sogar ein Belgier. Jedoch kein Spieler aus dem größten Wachstumsmarkt der Präzisionssportart: aus China.
Bis zum Montagabend, als sich Zhao Xintong, 28, im Crucible Theatre in Sheffield zum neuen Weltmeister krönte. Seit der Finalniederlage von Ding Junhui (2016 gegen Mark Selby), die als Erweckungserlebnis für die Sportart in Asien galt, hatte es kein Chinese mehr ins Endspiel geschafft; doch jetzt reckte Zhao nach dem 18:12 im Finale gegen Mark Williams den silbernen Pokal in die Höhe. „Ich glaube, dass ich träume“, sagte Zhao: „Ich kann nicht glauben, dass ich so schnell Weltmeister geworden bin.“ Rasch war eine chinesische Fahne herbeigeschafft, er trug sie stolz um seine Schultern.
Das Endspiel war eine eindeutige Angelegenheit. Erst kurz vor Schluss erhob sich der erfahrene Waliser Williams und verkürzte von 8:17 auf 12:17, doch dann schlug der Chinese final zu. „Was soll ich sagen, da ist ein neuer Superstar“, lobte ihn Williams später: „Zum Glück bin ich zu alt, wenn er beginnen wird, das Spiel zu dominieren.“ Williams, bereits 50 Jahre alt, erwartet einen großen Push für die Sportart auf dem chinesischen Markt: „Er wird uns Türen öffnen. Genau das hat Snooker gebraucht.“
Endlich ein Chinese! Die Öffnung der Sportart aus Großbritannien heraus ist dem Weltverband WPBSA seit Jahren ein großes Anliegen. Aber musste es ausgerechnet Zhao Xintong sein, der China den ersten Weltmeistertitel bescherte? Er ist eine umstrittene Figur, denn es hätte nicht viel gefehlt und Zhaos Karriere wäre abrupt beendet gewesen. Als den Verband ein Manipulationsskandal heimsuchte, fiel auch sein Name an mehreren Stellen.
Zhao Xintong wusste von den Wettaktivitäten seiner Kollegen, meldete sie aber nicht
Zehn chinesische Spieler wurden damals überführt, es ging um illegale Ergebnisabsprachen und manipulierte Spiele. Die Strafen wurden im Jahr 2023 verhängt und fielen drastisch aus: Die Spitzenspieler Liang Wenbo und Li Hang wurden auf Lebenszeit gesperrt, sie werden bei keiner professionellen Snookerveranstaltung mehr zu sehen sein. Der frühere Masters-Sieger Yan Bingtao darf noch bis Dezember 2027 an keinem Turnier teilnehmen.
Zhao selbst hatte den Ermittlungen zufolge zwar keine Spiele aktiv manipuliert, jedoch auf Spiele gewettet, was im Snooker als hochgradig verboten gilt. Auch wusste Zhao von den Wettaktivitäten Yan Bingtaos, ohne diese dem Weltverband zu melden. Als ihm sein Landsmann Bai Langning gestand, dass er ein Spiel absichtlich gegen ihn verloren hatte, blieb Zhao wieder stumm, anstatt dem WPBSA eine Meldung zu erstatten.
Das sind schwere Vergehen, weil er jedoch geständig war und an der Aufarbeitung des Skandals mitwirkte, wurde Zhaos Sperre auf 20 Monate verkürzt. Seit September 2024 darf er in Europa wieder antreten, über die Q-School, ein Qualifikationsturnier, holte er sich zunächst seine Tourcard für die kommende Saison 2025/26 zurück. Bei dieser WM, bei der er alle vier Qualifikationsrunden absolvieren musste, ging er folglich als Amateur an den Start. Ein Amateur als Weltmeister, das gab es lange nicht mehr.

Im Gegensatz zu seiner Vorgeschichte steht die Art und Weise, wie Zhao derzeit Snooker spielt. Wer den Mann aus der Millionenstadt Xi’an am Tisch sieht, der vergisst gelegentlich, was Snooker für ein höllisch komplizierter Sport ist. Bei Zhao sieht alles leicht aus, er schwebt um den Tisch, spielt schnell und zielt kaum. Trotzdem fallen die Kugeln meist schnurgerade in die anvisierten Taschen. Den früheren Weltklassespieler Jimmy White riss dies am Fernsehmikrofon zu großer Begeisterung hin. Zhao sei „ein phänomenaler Scorer“, sagte White bei TNT Sports: „Er ist der beste Spieler am Ball, den ich je gesehen habe.“
Für die Funktionäre gilt Zhao Xintong als vollständig rehabilitiert
Es gab tatsächlich erst einen Spieler, bei dem das Bällelochen ähnlich mühelos wirkte: bei Ronnie O’Sullivan, dem siebenfachen Weltmeister, in seinen besten Tagen. Den hat Zhao Xintong bei dieser WM übrigens auch besiegt, unerwartet klar mit 17:7 im Halbfinale. O’Sullivan konnte nicht anders, als seinen 21 Jahre jüngeren Kontrahenten lange zu beglückwünschen und ihm zu applaudieren. „Dieses Kind hat einfach alles“, sagte O’Sullivan.
Ob Zhao Xintong nun ein würdiger Weltmeister ist? Viele Fans sind noch skeptisch, seinem WM-Titel haftet mindestens ein Geschmäckle an. Doch das dürfte bald unerheblich sein, wenn Zhao nach China zurückkehrt und dort als neuer Volksheld empfangen wird. Die Snookerbegeisterung ist riesig im Land, es gibt 15 Millionen aktive Spieler und rund 300 000 Snookerclubs; die Profis von morgen werden an speziellen Akademien ausgebildet. Was immer gefehlt hat, war der erste WM-Titel eines Chinesen, den hat Zhao jetzt geliefert.
Für die Funktionäre der Sportart ist die Sache ohnehin klar: Ihnen gilt Zhao als rehabilitiert. „Wenn man im Leben einen Fehler macht, sollte man nicht zurückblicken, sondern nach vorn“, sagte der mächtige Promoter Barry Hearn. Der Spieler habe „seinen Preis bezahlt, das Kapitel sollte abgeschlossen sein“. Weltverbandschef Jason Ferguson frohlockte gar, dass der Aufstieg der Chinesen im Snooker nun nicht mehr zu stoppen sei. Zhaos Titelgewinn sei „ein magischer, historischer Moment. Nicht nur für China, sondern für die Zukunft des gesamten Sports“. Es sollen noch viele chinesische Weltmeister folgen.


