Snooker-WM in Sheffield:Das chinesische Nervenbündel

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In seiner Heimat ist Snookerspieler Ding Junhui bereits jetzt ein Held - doch scheiterte er stets an seinen Nerven. Bei der Weltmeisterschaft soll ihm der Durchbruch gelingen.

Jürgen Schmieder

Ding Junhui stand regungslos am Tisch, als wäre er eine Figur in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett. Dann senkte der Fünfte der Weltrangliste seine Augen, dann seinen rechten Arm und schließlich ließ er den ganzen Körper hinfallen auf einen Stuhl. Gerade hatte der chinesische Snookerprofi einen Ball nicht versenken können, der ihm genügend Punkte gebracht hätte, um einen Abschnitt im Finale der China Open zu gewinnen. Es stand 5:5, Ding verlor zuerst den Durchgang, dann die Nerven und schließlich mit 6:10 die Partie gegen den Waliser Mark Williams.

Der 23-Jährige hat schon viele Bälle nicht versenken können in seiner Karriere, vor allem aber hat er schon viele Bälle nicht versenken können, die über Matches und ganze Turniere entscheiden. Wäre es nicht so abgedroschen, dann müsste man behaupten, dass es zwei Dings gibt: Der eine ist ein formidabler Lochspieler mit der Courage, auch schwierige Bälle zu versuchen - und dennoch mit genügend taktischem Gespür ausgestattet, um rechtzeitig einen feinen Sicherheitsstoß auszuführen. Dieser Ding hat sich in den vergangenen Jahren an die Weltspitze gespielt, Ranglisten-Turniere gewonnen und die britische Hegemonie in diesem Sport aufgebrochen. "Er ist der talentierteste Spieler, den ich jemals gesehen habe", sagt etwa der ehemalige Weltmeister Peter Ebdon.

Der andere Ding ist ein Nervenbündel, das immer dann versagt, wenn es um wichtige Turniere wie die Weltmeisterschaft geht, die von Samstag an im Crucible Theatre in Sheffield ausgetragen wird. Drei Mal scheiterte er bereits in der Qualifikation, noch nie kam er über das Achtelfinale hinaus. Er verschießt dann vermeintlich einfache Bälle oder verstellt sich bei einem Sicherheitsstoß dermaßen, dass sein Gegner ein freies Bild auf dem Tisch liegen hat. Deshalb lautet das zweite Urteil von Ebdon über Ding: "Es hat den Anschein, als würde er dieses enorme Talent am Eingang des Crucible Theatre abgeben."

In seinem Heimatland ist Ding ein Held. Als er vor fünf Jahren das Finale der China Open gegen den siebenmaligen Weltmeister Stephen Hendry gewann, saßen mehr als 110 Millionen Menschen vor den Fernsehgeräten. "Er kann nicht einmal in der inneren Mongolei einen Feldweg beschreiten, ohne erkannt zu werden", hieß es in einem Bericht des Independent. Nach dem Nationalsport Tischtennis sind Basketball und Snooker die beliebtesten Sportarten - weil NBA-Profi Yao Ming und Ding Junhui zu den Besten ihrer Zunft gehören.

"Ich habe aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt", sagt Ding. "Vor allem Ronnie O'Sullivan hat mir gezeigt, dass es noch mehr im Leben gibt als nur Snooker." Er trainiere nun nicht mehr so häufig wie früher - statt elf nur noch acht Stunden täglich -, er sei lockerer in die aktuelle Saison gegangen und habe aufgehört, über die Popularität und die Erwartungshaltung in China nachzudenken. Mit dieser Einstellung gewann er in dieser Saison die UK Championship und erreichte das Finale bei den China Open und beim Grand Prix.

Die neu erlangte Lockerheit hat wohl auch damit zu tun, dass mittlerweile auch andere chinesische Spieler zur Weltspitze gehören. Im Hauptfeld der Weltmeisterschaft stehen mit Ding, Liang Wenbo und Zhang Anda drei Chinesen, dazu kommt noch Marco Fu aus Hong Kong. "Ich spüre weniger Druck", sagt Ding. "Und weniger Druck ist in meinem Fall sehr positiv." In dieser Saison soll ihm auch bei der Weltmeisterschaft der Durchbruch gelingen, er zählt neben dem Weltranglistenersten Ronnie O'Sullivan, Titelverteidiger John Higgins und Mark Williams zu den Favoriten. "Das wird die knappste WM aller Zeiten, die Turniersiege in diesem Jahr waren sehr verteilt", sagt etwa O'Sullivan. Es würde schneller gehen, aus den 32 Teilnehmern jene zu nennen, die kaum eine Chance auf den Titel haben - den Druck des Gewinnen-Müssens verspürt also keiner der Akteure.

"Die Atmosphäre in Sheffield ist einzigartig, diese 17 Tage sind für den Snooker wie Wimbledon im Tennis", sagt O'Sullivan, der ganz nebenbei wieder einmal verkündet, keine rechte Lust mehr auf den Sport zu haben. "Man muss vom ersten Moment an konzentriert sein, sonst frisst einen dieses Theater auf." Ding Junhui muss in der ersten Runde gegen den Qualifikanten Stuart Pettman antreten - eine lösbare Aufgabe. Ding muss nur aufpassen, dass er in diesem Jahr sein Talent an den strengen Türstehern vorbeischleust und mit in die Arena bringt.

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