Snooker:Schneller, schneller, schneller

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Vier der besten Snookerspieler kommen mit einem kurzweiligen Schaukampf nach Berlin und München. Sie kämpfen gegen das Image, einen langweiligen Sport zu betreiben.

Jürgen Schmieder

Geduld gehört nicht zu den Tugenden des Snookerspielers Ronnie O'Sullivan. Gewöhnlich hetzt er hektisch um den Tisch, er fragt schon mal einen Zuschauer nach der Uhrzeit oder beginnt zu schnarchen, wenn der Gegner seiner Meinung nach zu lange überlegt. O'Sullivans Problem dabei ist, dass er einen Sport ausübt, dem Dynamik und Schnelligkeit so fremd ist wie einer Schnecke auf Valium. Ein Spiel bei der Weltmeisterschaft dauert länger als zehn Stunden, mancher Spieler betrachtet den Tisch drei Minuten lang, ehe er zum Stoß ansetzt. Da auch Diplomatie nicht zu den Tugenden von O'Sullivan gehört, sagt er deutlich, was er davon hält: "Dieser Sport stirbt, es ist langweilig und ich habe eigentlich keine Lust mehr, noch weiterzuspielen." Man stelle sich nur einmal vor, Lionel Messi würde so über Fußball reden.

Snooker: Ronnie O'Sullivan

Das Aushängeschild eines Sports: Ronnie O'Sullivan.

(Foto: Foto: AP)

Snooker kämpft seit Jahren mit dem Image, eine der langweiligsten Sportarten der Welt zu sein. Freilich sind die Leistungen der Sportler exquisit und es ist bisweilen ein Genuss, ihnen dabei zuzusehen, wie sie die Konstellation der Kugeln auf dem Tisch interpretieren und dann technisch perfekte Stöße ausführen. Nur, und darauf zielten O'Sullivans Worte: Wer hat heutzutage die Zeit und Muße, auch nur eine Partie komplett zu verfolgen - geschweige denn ein Turnier von zwei Wochen. "Das Spiel muss schneller und interessanter werden, es muss Entertainment bieten", sagt O'Sullivan. Der Weltranglistenerste fordert deshalb gar, Simon Cowell zu verpflichten. Der ist Juror bei der Castingshow Pop Idol und so etwas wie der britische Dieter Bohlen.

Die Kritik von O'Sullivan teilen einige Spieler und auch der Weltverband diskutiert verschiedene Ansätze, den Forderungen ihres Aushängeschildes nachzukommen. Neben der eher absurden Idee des Super-6-Formats - dabei werden statt 15 nur sechs rote Kugeln auf dem Tisch platziert -, um einzelne Spielabschnitte schneller zu beenden, gibt es den Vorschlag, die sich über zwei Wochen erstreckenden Turniere abzuschaffen und sich auf kürzere und damit kurzweiligere Events zu spezialisieren.

Wie das aussehen könnte, demonstrieren vier der weltbesten Spieler am Wochenende in Berlin und München bei der Exhibition Tour: Shaun Murphy, Mark Selby, Steve Davis und Ronnie O'Sullivan treten an, wer zuerst vier Frames für sich entscheidet, gewinnt das Match. Zum Vergleich: Im WM-Finale braucht es 18 Frames zum Titel. Zum Abschluss des Turniers gibt es noch eine so genannte Speed Competition, bei der es darum geht, möglichst schnell alle Kugeln zu versenken.

Doch die Idee, das Tempo des Spiels zu erhöhen, kennt auch Feinde. "Snooker war schon immer so, man muss nicht immer alles schneller machen", blaffte etwa John Higgins, nachdem er im Mai zum dritten Mal die Weltmeisterschaft gewonnen hatte. Es mache schließlich den Reiz dieses Sports aus, nicht nur hin und wieder Bälle zu versenken, sondern es eben auch nach 17 Turniertagen und acht Stunden Spielzeit zu tun. "Snooker ist nicht nur Technik und Taktik, sondern auch Kondition und Geduld", sagt Higgins. "Wer einen Fehler macht, dem kann es eben passieren, dass er eine Stunde herumsitzt und zusieht." Nur: Die Zuschauer, die bereit sind, fünf Stunden herumzusitzen und zuzusehen, werden immer weniger. Die ersten Turniertage der Weltmeisterschaft etwa waren erneut nicht ausverkauft.

Das bekannt schnelle Spiel von O'Sullivan hingegen lässt die Einschaltquoten nach oben schnellen. Als im Januar Stephen Maguire und Neil Robertson, zwei der besten Spieler weltweit, gegeneinander antraten, saßen etwa 1500 Zuschauer in der Wembley Arena, beim anschließenden Spiel von O'Sullivan waren es mehr als 2500. Weil Selbstbewusstsein sehr wohl zu den Tugenden des Weltranglistenersten gehört, sagt der: "Seit Jahren trage ich den Sport auf meinen Schultern." Das klingt arrogant und ist doch sehr nah an der Wahrheit.

Die Exhibition Tour nun in Berlin und München oder auch die von Weltmeister John Higgins organisierte World Series of Snooker, bei der es maximal sechs Framegewinne zum Sieg braucht, sind ein Indiz dafür, wie die Zukunft dieses Sports aussehen könnte: eine Art Liga, in der die weltbesten Spieler gegeneinander antreten und am Ende der Weltmeister ausgespielt wird. "Alles ist in Ordnung, nur keine Turniere mehr, die zwei Wochen lang dauern und bei denen die Spieler mehr als vier Stunden pro Tag am Tisch stehen", sagt O'Sullivan.

Ob das dem Sport tatsächlich weiterhilft, ist indes fraglich. O'Sullivan nämlich wird auch bei kurzen Turnieren ungeduldig. Im Januar zerbrach O'Sullivan bei einer Partie gegen Joe Perry absichtlich sein Queue, weil er "frustriert und gelangweilt" war - dabei ging das Spiel nur bis sechs Frames.

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