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Snooker:Nur O'Sullivan hat was zu meckern

Snooker UK Championship in York

Mochte die Zeit des Lockdowns: Ronnie O'Sullivan (Archivfoto).

(Foto: Richard Sellers/dpa)

Corona, war was? Die Tour der besten Snooker-Spieler läuft schon wieder, wenn auch unter teils kuriosen Vorzeichen. Fast alle sind begeistert vom Restart vor der WM.

Von Carsten Scheele

Ronnie O'Sullivan hat sich einen Schnauzbart zugelegt. Er sieht damit einigermaßen verboten aus, erinnert eher an einen Rockmusiker aus den Siebzigern oder an den mexikanischen Drogenboss El Chapo als an einen Vertreter des Gentlemen's Sport, wie Snooker gemeinhin bezeichnet wird. Es ist wohl seine Form des Protests: O'Sullivan, 44, der fünffache Weltmeister, hat dieser Tage deutlich gemacht, was er vom frühen Restart seiner Sportart nach der Corona-Pause hält. Die Zeit der strengsten Kontaktbeschränkungen, die Zeit ohne Snooker, die vielen Stunden zu Hause auf der Couch seien die "besten drei Monate meines Lebens" gewesen, sagte O'Sullivan. Der Brite, bekanntlich kein Fan des grellen Rampenlichts, würde "diesen Lockdown" gerne "noch fünf Jahre fortsetzen".

Damit steht O'Sullivan unter den Snookerspielern aber ziemlich allein da. Die anderen sind mächtig erleichtert, dass ihr Sport wieder läuft: Anfang Juni haben sich einige der besten Profis zur Championship League, einem Einladungsturnier in Milton Keynes getroffen; nun geht es am Wochenende weiter, ebenfalls in Milton Keynes, zwischen London und Birmingham, in einer leeren Mehrzweckhalle für normalerweise 5000 Zuschauer, mit einem regulären Ranglistenturnier.

Als erste Sportart in Großbritannien, noch weit vor den Fußballern, hat sich Snooker aus der Deckung gewagt. Weil es nirgends sonst auf der Insel Livesport zu sehen gibt, ist das öffentliche Interesse groß, die Einschaltquoten im Fernsehen sind beträchtlich. Die Branchengrößen haben auch fast alle mitgespielt: In O'Sullivan, dem Weltranglistenersten Judd Trump, Mark Selby und Neil Robertson waren in Milton Keynes vier Weltmeister dabei.

Viele Spieler hatten den Restart dringend nötig

Dass es sportlich noch nicht ganz hochklassig zuging, ließ sich erklären: Viele Spieler hatten während des Lockdowns Probleme, ihre Form zu halten. Laut BBC verfügten nur zehn der 128 Spieler der Tour über einen eigenen Snookertisch in ihren Häusern - eine überraschend niedrige Zahl. Die Mehrheit übt in Trainingszentren oder Akademien, ihnen blieb der Zugang häufig verwehrt. So siegte Luca Brecel, ein talentierter Belgier, der es sonst nur selten in die Finalrunden großer Turniere schafft.

Brecel konnte sich am besten auf die neuen Bedingungen einstellen, auch auf das mitunter anstrengende Hygienekonzept. Gespielt wird, wie in anderen Sportarten auch, vor leeren Rängen. Die Spieler und Betreuer wohnen allesamt in einem Hotel, werden fortlaufend auf Covid-19 getestet; steht ein Testergebnis aus, dürfen sie ihren privaten Bereich im Hotel für 24 Stunden nicht verlassen, ehe das Ergebnis bekannt wird. O'Sullivan hat sich ausgiebig darüber amüsiert. Er habe einmal in seinem Leben 16 Stunden in einer Gefängniszelle verbracht, sagte O'Sullivan: "Das war besser, da konnte ich mir mein Essen selbst aussuchen." Alle Tests fielen negativ aus.

Doch auch der Preisgeldmillionär O'Sullivan weiß, wie dringend nötig der Restart für viele seiner Kollegen war. Snookerspieler sind Selbstständige; fallen die Turniere aus, bricht ihre Lebensgrundlage weg. Klar, die Top 20 oder 30 können sehr gut von ihrem Sport leben und eine Durststrecke überstehen. Doch dahinter wird es finanziell schnell dünn: Es gibt Spieler, die Kredite aufnehmen, um ihr Leben auf der Tour zu bestreiten, immer in der Hoffnung, dass sie gut genug spielen, um bei den Turnieren abzukassieren.

Barry Hearn steht nun als Retter da

Entsprechend groß ist das Lob, das die Macher des Restarts, der Promoter Barry Hearn und seine Firma Matchroom sowie Weltverbandschef Jason Ferguson, öffentlich einstreichen. Als sich viele Sportarten noch in Schockstarre befanden, haben sie ein funktionierendes Konzept vorgelegt - begünstigt durch den Umstand, dass beim Snooker kein Körperkontakt nötig ist, Abstandsregelungen leicht eingehalten werden können. Hearn ist unter den Profis normalerweise eine umstrittene Figur, jetzt steht er als Retter da.

"Sie haben einen wunderbaren Job gemacht", sagte der frühere Weltmeister Ken Doherty der BBC. Der Restart sei ein "totaler Erfolg", erklärte auch Masters-Gewinner Stuart Bingham. Weitere Turniere sind schon in Planung, auch die Weltmeisterschaft ist terminiert: Ende Juli wird in Sheffield gespielt, zum ersten Mal in der Geschichte der WM ohne Zuschauer.

© SZ.de/jbe
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