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Snooker:126 Männer, zwei Frauen

FILE PHOTO: Reanne Evans of England plays a shot during her semi-final match against Ng On-Yee of Hong Kong during the Eden World Women's Snooker Championship in Singapore

Zwölfmalige Weltmeisterin: Reanne Evans.

(Foto: Yong Teck Lim/Reuters)

Die zwei besten Snookerspielerinnen dürfen künftig auf der Main Tour mitspielen - ein überfälliger Schritt, an dem es trotzdem Kritik gibt.

Von Carsten Scheele

Reanne Evans sagt, es sei "ein Schock" für sie gewesen. Und nach allem, was sie im Snooker durchlebt hat, kann man ihr das vorbehaltlos glauben.

Evans, 35, ist die erfolgreichste Snookerspielerin der Welt, eine zwölfmalige Weltmeisterin (zuletzt 2019), die mal 90 Partien nacheinander ungeschlagen geblieben ist, so dominant spielt Evans bisweilen. Leben kann sie von ihrem Sport trotzdem kaum, weibliche Profis gibt es bislang nicht, die Spielerinnen haben meist noch einen normalen Job, um sich die Reiserei auf der Tour zu finanzieren. Die Aufmerksamkeit greifen die Männern ab: Als Vollprofis jetten sie um die Welt, Asien, Großbritannien und wieder zurück, wenn nicht gerade eine Pandemie herrscht. Hier geht es um ordentliche Preisgelder, Fernsehübertragungen, Werbeverträge - um alles eben, was ein Einkommen bringt.

Wird die alljährliche Weltmeisterschaft der Frauen abgehalten, nimmt dagegen kaum jemand Notiz. Stattdessen wird bei der WM der Männer gönnerhaft ein "Ladies Day" abgehalten.

"Ich wollte immer, dass das passiert", sagt Evans

Evans hatte sich mit ihrem Snookerleben außerhalb des Radars abgefunden - nun aber der "Schock". In einem seit vielen Jahren überfälligen Schritt hat sich der Weltverband dazu durchgerungen, immerhin zwei Startplätze auf der Main Tour künftig fest an Frauen zu vergeben. Wie die Engländerin Evans ist auch Ng On Yee, 30, aus Hongkong qualifiziert und kann sich in den kommenden zwei Jahren mit den besten Männern messen.

Nur zwei von 128 Startplätzen, das ist nicht viel, könnte man sagen. Evans ist trotzdem überwältigt. "Ich wollte immer, dass das passiert", sagte sie der Zeitung Metro: "Spielerinnen wie ich haben nun endlich ein Ziel. Wir können Profis werden." Auch die Chefin der Frauen-Tour, Mandy Fisher, spricht von einem "gewaltigen Moment. Wir erleben die wichtigsten Tage unserer Geschichte".

Warum Frauen im Snooker nicht längst gleichberechtigt mitspielen, ist eine Frage, auf die es nur deprimierende Antworten gibt. Lange war der selbsternannte "Gentlemen's Sport" ein reiner Männerklub, in dem Frauen gemieden wurden: nicht nur in den Pubs, auch im Verband, der nur die männlichen Spieler vertrat. Seit 40 Jahren existiert eine Organisation der Frauen (World Women's Snooker), diese wurde aber erst 2015 im Weltverband (WPBSA) anerkannt. Dass Frauen nun offiziell auf der Main Tour mitspielen, sei "eine der besten Entscheidungen, die wir je getroffen haben", sagt WPBSA-Chairman Jason Ferguson.

Evans hält es für besonders wichtig, dass sie diesmal einen regulären Startplatz erhält, und nicht etwa eine Wildcard. Als sie wegen ihrer Dominanz 2010 schon einmal mitspielen durfte, mit einem Gästeticket, galt dies als joviale Geste. Die Umstellung war für Evans damals zu hart, sie gewann keine einzige Partie und verabschiedete sich wieder. Doch die Zeit der größten Qualitätsunterschiede ist vorüber: Die Frauen-Tour wurde zuletzt erheblich aufgewertet; Evans misst sich bei anderen Turnierformaten auch häufiger mit Männern, den Weltmeister Shaun Murphy hat sie im vergangenen Jahr am Rande einer Niederlage gehabt.

Doch die Anerkennung der Tour der Frauen als offizieller Qualifikationsweg gefällt einigen nicht. Das Niveau sei dort viel niedriger als in der Q-School, moserten einige männliche Spieler im Internet, vornehmlich bei Twitter. Die Q-School ist jenes wichtige Qualifikationsturnier, bei dem bislang die letzten freien Tickets ausgespielt wurden. Auch die kontinentalen Meister und Juniorenchampions erhalten Plätze auf der Main Tour. Und nun eben auch zwei der besten Frauen.

Evans gelingt es nicht ganz, die Argumente der Kritiker nachzuvollziehen. "Warum sehen die Leute nicht das große Ganze?", fragt sie. Es geht nicht darum, dass sie etwas beweisen möchte: Evans will regulär mitspielen, unabhängig davon, ob es letztendlich für Erfolge reicht. Und mithelfen, dass Snooker endlich ein zeitgemäßer Sport wird.

© SZ/bkl
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