Snooker Ding besiegt die Tränen

Zehn Jahre Warten sind vorbei: Nach seinem denkwürdigen Einbruch als 20-Jähriger gewinnt der Chinese Ding Junhui wieder gegen Ronnie O'Sullivan und hat Chancen auf den WM-Titel.

(Foto: Han Yan/imago)

Das Snookertalent aus China überwindet ein WM-Trauma, bezwingt Ronnie O'Sullivan und erreicht das Halbfinale in Sheffield.

Von Carsten Scheele, Sheffield/München

Der Snookerprofi Peter Ebdon ist ein humoriger Mann, doch ob er wusste, was er Ding Junhui mit seinem Spruch damals antat? Ding hatte dank dieses Scherzes so etwas wie einen Stempelabdruck auf seiner Stirn sitzen; er, der chinesische Volksheld, der unglaublich talentierte Snookerspieler, versagte also bei jeder WM. Zeitweise war es wirklich auffällig, dass Ding andernorts brillante Turniere spielte, bei der Weltmeisterschaft in Sheffield jedoch zuverlässig in den ersten Runden ausschied. "Er ist der talentierteste Spieler, den ich je gesehen habe", hatte Ebdon gesagt, "aber es hat den Anschein, als würde er dieses enorme Talent am Eingang des Crucible Theatres abgeben."

Das Crucible ist seit 40 Jahren die Stätte der Snooker-WM, und das Publikum in dem umfunktionierten Theater hat am Mittwoch einen besonderen Moment erlebt. Ding, heute 30 Jahre alt und Sechster der Weltrangliste, hat es allen gezeigt: seinen Kritikern, seinem Angstgegner Ronnie O'Sullivan, natürlich auch Ebdon, dem alten Spötter. In einem hinreißenden Match besiegte der Chinese O'Sullivan 13:10 und steht im Halbfinale. Er hat sein bestes Snooker gezeigt - tatsächlich im Crucible, wo er so viele bittere Momente erlebte. Einmal hatte ihn O'Sullivan sogar zum Weinen gebracht. 2007 hatte er gegen den Briten einfache Bälle verschossen und war derart chancenlos, dass er sich auf seinen Stuhl setzte und in Tränen ausbrach. O'Sullivan zeigte damals Größe, drückte den erst 20-jährigen Ding väterlich an sich und flüsterte ihm aufmunternde Worte ins Ohr.

Am Mittwochabend hat O'Sullivan Ding erneut umarmt. Er verpasste ihm sogar einen Kuss auf die Wange, doch diesmal aus tiefem Respekt, nicht aus Mitleid oder Fürsorge. O'Sullivan war in Sheffield angetreten, um seinen sechsten WM-Titel zu gewinnen. Nach verpatzter erster Session holte er am Mittwoch sukzessive auf, spielte beim Stand von 12:9 ein Break von 146 Punkten, nur einen Zähler vom Maximum Break entfernt. Doch Ding, dem so oft in seiner Karriere die Nerven geflattert hatten, blieb diesmal cool. Zehn lange Jahre hatte er nach jenem tränenreichen Match nicht mehr bei großen Turnieren gegen O'Sullivan gewinnen können, diesmal holte er sich den fehlenden Frame. O'Sullivan war beeindruckt. Ding sei ein "besonderer Junge", erklärte der Brite, "ich wünsche ihm nur das Beste." Ding lächelte, als er vom kurzen Plausch berichtete: "Er hat mir gesagt, dass ich jetzt ein anderer, viel stärkerer Spieler bin. Seine Unterstützung bedeutet mir viel."

Ob Ding nun die WM gewinnen kann? Schon möglich, auch wenn er dazu im Halbfinale den ebenfalls überragend spielenden Mark Selby besiegen müsste. Im snookerverrückten China kommt dieses Match einem Feiertag gleich: Zwischen 300 und 400 Millionen Chinesen werden vor den TV-Geräten sitzen.