Slalom-Kanuten:Das Herz schlägt weiter

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Kanu Slalom Verein Böllberger SV Hier war der in Rio verunglückte Slalom Kanu Nationaltrainer Stefan

Erinnerung an den Kanu-Trainer Stefan Henze, der 2016 in Rio bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam.

(Foto: imago)

Die deutschen Athleten kehren nach Rio zurück, wo ihr Trainer starb - und erleben ein Treffen mit der Frau, der Stefan Henze ein Organ gespendet hat.

Von Anne Armbrecht

Ferngespräch nach Brasilien. Die Leitung stockt. Und Michael Trummer muss am anderen Ende kurz durchatmen. "Wir waren seitdem nicht mehr hier. Es ist für uns alle das erste Mal." Der Chef-Bundestrainer und seine Slalomkanuten. Sie wussten nicht, wie das sein wird. Wieder hier zu sein. An dem Ort, an dem ihr Trainer starb. Rio de Janeiro, im August 2016 Austragungsort der Olympischen Spiele. Jetzt, im September 2018, findet hier die Weltmeisterschaft statt.

Stefan Henze stieg damals morgens ins Taxi. Dann der Unfall. Zwei Tage später die Nachricht: Er hat es nicht geschafft. Im Olympischen Dorf hingen die Fahnen auf Halbmast. Die Slalomkanuten sind auf ihren Reisen ein kleines Team, da wächst man zusammen. Fast wie in einer Familie. Henze fehlt in dieser seitdem. Er wurde nur 35 Jahre alt.

Bei der Deutschen Meisterschaft in Markkleeberg vor der Abreise nach Rio haben sie noch mal Henzes Grab besucht. Das machen sie bei fast jedem Lehrgang. Blumen ablegen. Rituale helfen. "Inzwischen sind sie alle mit sich im Reinen", sagt Bundestrainer Trummer über seine Sportler. Aber: "Wenn das hier keine WM wäre, wären wir sicher nicht hier." Sie haben neben dem Teamarzt noch einen Psychologen mitgenommen. Wer reden will, kann reden. Wer lieber Zerstreuung sucht, findet im Kraftraum oder am Strand auch seine Möglichkeiten.

Nach außen haben sie die Sportler komplett abgeschirmt. Presseanfragen bitte nur an die Offiziellen. Nur Michael Trummer redet über das Thema - und eigentlich, natürlich, auch lieber über andere. Die schönen Dinge zum Beispiel. Was sich alles in Rio verändert hat, schwärmt er. Sie haben sich ein anderes Hotel genommen. "Wir gucken direkt aufs Olympische Dorf", sagt Michael Trummer, man sehe noch, wo die Fahnen mal hingen und wo die Mensa war. 200 Meter sind es, das Gelände ist inzwischen Wohnpark für Besserverdiener. Mauern, Zäune, Sicherheitsschleusen haben es abgeriegelt.

Überhaupt, die Infrastruktur, sagt der Bundestrainer. Es sind weniger Baustellen. Auf dem Weg zum Wildwasserareal in Deodoro stehen sie nicht mehr in Favelas im Stau. Zwanzig Minuten sind es noch bis zur Strecke, ohne den Olympischen Wahnsinn. Trummer muss nun selbst lachen. Es sind die Kleinigkeiten im Alltag, die den Unterschied machen - die Ruhe reinbringen. Auch Sicherheit.

Anders ist das mit den Anfragen. Stefan Henze war Organspender. Die Brasilianerin, die sein Herz bekam, erfuhr den Namen und das Schicksal ihres Spenders aus dem Fernsehen. Die Frau drängte seitdem auf Kontakt, wollte die Deutschen kennenlernen, die mit dem Mann, dessen Herz in ihr weiter schlägt, zu tun hatten. "Wir hatten davor große Angst", erzählt Trummer. Dass es zu aufdringlich wird, zu viel für das Team. Am Ende kam es doch zum Treffen. Streng reglementiert. Nur mit den Trainern.

Die Sportler paddelten derweil auf dem Kanal in sicherer Entfernung. "Sie werden es schon mitbekommen haben. Eine Frau im Rollstuhl, daneben drei Kamerateams, das ist nicht eben kanutypisch", meint der Bundestrainer. "Man muss die Frau auch verstehen. Für sie war das emotional wichtig. Und den Medienrummel versucht sie, für das Thema Organspende zu nutzen", sagt Trummer. "Es war schon in Ordnung."

Lieber ablenken. Was ist mit den Olympiaanlagen? "An der Strecke ist alles top", sagt Michael Trummer. "Als ob Olympia gestern vorbei gewesen wäre." Gut, einmal, da war das Wasser weg und der Kanal lag komplett trocken. Der Strom war gekappt, die Pumpen still. Auch das kennen sie von Olympia. Dieses Mal entfiel nur eine Einheit. Sie nahmen es locker. Dabei hätten sie auf dem Kanal eigentlich jede Minute gebrauchen können. Eine Stunde am Tag nur durften sie auf das Wasser und den Kurs kennenlernen. Sieben Einheiten waren es bis zu den Wettkämpfen, die am Dienstag mit den nicht-olympischen Team-Wettbewerben begannen. Der Kurs ist kein leichter. Er hat zwar weniger Gefälle als die Heimstrecken Augsburg und Markkleeberg. Aber der Kurs ist ganz gerade und hat viele Einbauteile. Das ist ungewöhnlich, macht ihn unübersichtlich.

Viel Techniktraining, ein bisschen Belastung, dann muss es gehen, auch für die, die noch nicht hier gepaddelt sind. Das sind die meisten; aus dem Team von 2016 sind die Augsburger Hannes Aigner und Sideris Tasiadis und der Leipziger Franz Anton dabei. Ein paar der Athleten plagen sich mit Erkältungen. In Rio ist es heiß, "aber die Klimaanlagen und Räume auf Gefriertemperatur haben mal wieder zugeschlagen", sagt Michael Trummer. Alltagssorgen. Das Normale.

Vor zwei Jahren hat es bei Olympia nicht zu einer Medaille gereicht. Dieses Jahr hat Trummer zwei eingeplant, vier Boote hat er am Start. "Zwei aus vier ist immer eine gute Grundlage für die Verhandlungen um Fördermittel beim DOSB", sagt Michael Trummer. Er ist optimistisch. Die Saison lief gut. Ricarda Funk ist im Gesamt-Weltcup Zweite geworden. Sideris Tasiadis wurde Dritter. Vergangenes Jahr hatten beide den Weltcup gewonnen. "Es hat jeder so seinen Weg gefunden, mit dem Verlust umzugehen", sagt Trummer. Einige seiner Sportler scheinen die Trauer in Energie umgewandelt zu haben. Vielleicht klappt es ja dieses Jahr mit dem Titel. Trummer muss los, gleich geht es zum Training. Ein letztes noch. "Stefan wäre ohnehin stolz auf sie."

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