Skispringer Severin Freund:Der lange Weg zurück nach zwei Kreuzbandrissen

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Zurück in der Eisspur: Severin Freund im vergangenen Oktober beim Training in Innsbruck.

(Foto: Thomas Bachun/imago)
  • Skispringer Severin Freund arbeitet nach zwei Kreuzbanrissen und langer Pause an seinem Comeback.
  • Die Sportart hat sich weiterentwickelt, und die Kontrahenten stehen auch im eigenen Team.
  • Freunds Fokus liegt auf der WM im Februar in Tirol.

Von Volker Kreisl

Auch Fernsehen kann Training sein. Klar, es ist nicht zu vergleichen mit den echten Übungseinheiten, draußen in der Luft, unter freiem Himmel. Und doch ist auch der Platz auf der Couch nicht zu verachten. Man kann da zum Beispiel sein verletztes rechtes Bein auf einem Hocker ablegen und sich die Wartezeit, bis die Heilung im Knie voranschreitet, ein wenig vertreiben. Und ist man ein Skispringer, dann kann man zudem den eigenen Sport live beobachten und gewissermaßen geistig trainieren. "Ich habe viel ferngesehen", sagt Severin Freund, "beim Fernsehen fällt dir einiges auf."

Freund ist ein gewissenhafter Sportler, einer der viel probiert und tüftelt, der seinen Sprung schon früh durch eigene Erkenntnisse verbesserte. Bundestrainer Werner Schuster sagte kürzlich in einer Presserunde: "Ohne Severin stünde ich vielleicht gar nicht hier." Denn Freund hatte Schusters Arbeit ja rechtzeitig mit großen Erfolgen bestätigt. Unter anderen ist er 2014 und 2015 Weltmeister geworden, und deshalb sind nicht nur Schuster und der deutsche Skiverband, sondern auch viele Wintersport-Fans gespannt darauf, wie das wird, wenn der Münchner wieder einer von denen ist, die selber im Fernsehen springen, vielleicht schon kommende Woche, beim Weltcup-Auftakt in Wisla.

Die Konkurrenten stehen plötzlich im eigenen Team

Es kann auch sein, dass dieser erste Termin in Polen zu früh kommt; Freund hat gelernt, geduldig zu sein. Was ihm passiert war, ist ja auch in der Risikosportart Skispringen außergewöhnlich. Der 30-Jährige hatte sich im Januar 2017 bei einer Landung das Kreuzband gerissen, wonach er erst einmal guter Dinge blieb und sogleich die Olympischen Spiele 2018 als nächstes großes Ziel anpeilte. Als er dann im Juli 2017 wieder erste Trainingssprünge absolvierte, war Olympia für ihn schon wieder vorbei. Das Band im selben Knie riss abermals, und jetzt durfte wegen eines drohenden Karriereendes nichts mehr passieren. Das Comeback musste "ultrasicher" ablaufen, sagte Schuster, mit reichlich Zeit - Freund durfte ein Jahr fernsehen.

Jeder Sport entwickelt sich weiter, das Skispringen manchmal rasant, auch deshalb verfolgte Freund mit abgelegtem Bein so viele Sprünge. Einer folgt ja dem anderen, nahezu pausenlos, und der verletzte Profi erkannte bald, in welcher Hinsicht er in Rückstand geraten wird: im Tempo. Die Besten optimierten ihre Skiführung, sie glitten schon oben im Anlauf schneller, sie wurden immer schneller beim Absprung, klappten fixer in die Flughaltung aus und verloren dabei kaum Geschwindigkeit, weshalb sie weit nach unten flogen.

Das betraf zum einen die internationalen Hochkaräter dieses Sports. In Freunds Sofaphase verbesserten sich vor allem die Dominatoren Stefan Kraft aus Österreich und Kamil Stoch mitsamt seinen polnischen Skisprungkollegen. Was Freund natürlich auch live verfolgen durfte, das war der Aufschwung im deutschen Team. Im Februar 2017, bei der Weltmeisterschaft in Lahti, übernahmen die Ruhpoldinger Andreas Wellinger und Markus Eisenbichler mit Erfolg die Medaillenjagd, der Winter 2018 wurde dann die große Zeit von Richard Freitag, der lange im Weltcup führte und WM-Dritter im Skifliegen wurde - und von Andreas Wellinger, der Gold bei Olympia gewann.

Das Leben ging also nicht nur weiter, es wurde auch noch schneller und die Konkurrenten stehen plötzlich im eigenen Team. Wie soll man da reagieren? Am besten erst mal mit Kurzski springen.

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