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Vierschanzentournee-Sieger Kubacki:"Ich fühle mich wie in einem Traum"

FIS Nordic World Cup - Four Hills Tournament

Endlich ganz oben: Dawid Kubacki gewinnt die Vierschanzentournee.

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Dawid Kubacki saß am Rand der Bühne, er ließ die Beine baumeln. Soeben hatte der Pole beim Auftaktspringen der Vierschanzentournee in Oberstdorf den dritten Platz belegt. Während die meisten Reporter im Pressezentrum nach dem Springen die vor ihm platzierten Ryoyu Kobayashi und Karl Geiger belagerten, befand sich Kubacki etwas im Abseits. Er erzählte, wie er in den vergangenen Tagen noch einmal an seinem Sprung gearbeitete hatte, wie er ein bisschen etwas verändert hatte und nun selber erstaunt sei, wie gut es lief. Kubacki wirkte an jenem Abend gelassen, ja lässig, während er plauderte. Man hätte in diesem Moment ahnen können, dass der in sich ruhende Pole acht Tage später die Tournee gewinnen würde. Doch das sah in Oberstdorf kaum jemand kommen. Zum Kreis der Favoriten zählten andere, nicht der 29-Jährige, der zu diesem Zeitpunkt erst einen fünften Platz in der Saison vorzuweisen hatte.

Am Montag nun hat Kubacki tatsächlich bei der Vierschanzentournee triumphiert. Nach dem dritten Platz in Oberstdorf wurde er auch in Garmisch-Partenkirchen Dritter, in Innsbruck Zweiter und das letzte Springen in Bischofshofen gewann er souverän mit zwei starken Durchgängen. Es war ein verdienter Sieg - denn kein anderer Athlet sprang in den vergangenen Tagen derart konstant und hatte seine Nerven im Griff wie Kubacki. Am Ende lag er 20,6 Punkte vor dem jungen Norweger Marius Lindvik.

Als während der Siegerehrung an der Paul-Außerleitner-Schanze die polnische Nationalhymne gespielt wurde, nahm Kubacki seine mit Logos bedruckte Bommelmütze ab, die blonden Haare waren zerzaust, er sang lauthals mit und schaute kaum auf, als die Veranstalter ein Feuerwerk vor der Bergkulisse zündeten. Er wirkte ganz bei sich, als blende er immer noch alles um ihn herum aus. "Ich fühle mich wie in einem Traum", sagte er danach: "Ich bin meinen Weg gegangen, und darüber bin ich froh."

Kubacki musste früher Spott ertragen

Der Weg, den der Sportler aus Nowy Targ ging, war lang. Seit er sechs Jahre alt ist, springt er. Aber es dauerte, bis der Erfolg kam. Meist war Kubacki vor allem im Sommer beim Mattenspringen stark, doch im Winter ließ seine Form nach. "Sommerkönig" wurde er deswegen ein wenig spöttisch genannt. Im Januar 2019 holte Kubacki dann in Val di Fiemme endlich seinen ersten Weltcupsieg. Wenig später wurde er überraschend Weltmeister auf der Normalschanze in Seefeld, in einem turbulenten Wettkampf sprang er vom 27. Rang im zweiten Durchgang noch ganz nach vorne.

Sein Coach damals: Stefan Horngacher, der heutige Bundestrainer der deutschen Springer. Nie zuvor zeigte Kubacki eine derart konstante Leistung wie bei der Vierschanzentournee, der Sieg in Bischofshofen war sein zweiter Weltcup-Sieg. Der Durchbruch gelingt Kubacki in einem Alter, in dem andere bereits ans Karriereende denken.

Nach Adam Małysz und Kamil Stoch ist Kubacki der dritte Tournee-Sieger aus dem skisprungverrückten Polen. Zur Vierschanzentournee waren auch diesmal viele polnische Anhänger gereist und schwenkten bei den Springen weiß-rote Fahnen. Nach Kubackis Triumph trug der dreimalige Olympiasieger Stoch, der vor Beginn zum Favoritenkreis der Tournee gehört hatte, seinen Teamkollegen unter lautem Jubel durch das Stadion von Bischofshofen. "Vor allem mental ist er stärker geworden", lobte er. Małysz, inzwischen Sportdirektor im polnischen Team, sagte: "Jeder Sprung ist bei ihm zurzeit sehr gut."

In seiner Heimat, heißt es, ist Kubacki sogar noch beliebter als der erfolgreiche Stoch, weil er offener ist. Auf Instagram teilt er mit seinen 150 000 Anhängern Fotos von seiner Hochzeit im Sommer oder Porträts unterm Weihnachtsbaum. Bei der Tournee erzählte Kubacki von Poker-Runden mit den Teamkollegen und von seinem Hobby: Der Skispringer baut Modellflieger. "Du brauchst einen Haufen Übung, um die Dinger oben zu halten und nicht zu crashen", erklärte er. Im Gegensatz zu manchen Favoriten ist Kubacki bei der Vierschanzentournee nicht abgestürzt - und demnächst wird er sogar noch weiter fliegen. Kubacki macht gerade die Lizenz zum Segelfliegen.

© SZ.de/ebc
68. Vierschanzentournee - Bischofshofen

Vierschanzentournee
:Der Hobbypilot fliegt auf und davon

Was ein Krimi hätte werden können, gerät zur Demonstration: Dawid Kubacki sichert sich mit starken Sprüngen den Gesamtsieg bei der Vierschanzentournee. Sein Triumph zeigt, dass es sich lohnt, beharrlich zu bleiben.

Von Volker Kreisl

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