Eigentlich sind es gute Nachrichten, die Ende vergangener Woche nach der Tagung des Skisprung-Komitees des Skiweltverbandes Fis in Portoroz, Slowenien, verkündet wurden: Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen richten vom kommenden Winter an erstmals eine Vierschanzentournee der Frauen aus – pünktlich zur 75. Auflage des Männerwettbewerbs. Als Termine sind der 28. Dezember in Oberstdorf, der 31. Dezember in Garmisch, der 2. Januar 2027 in Innsbruck sowie der 5. Januar 2027 in Bischofshofen vorgesehen – also jeweils einen Tag vor den Springen der Männer.
Jahrelang hatten die Springerinnen um Gleichberechtigung bei der Tournee gekämpft, in den jüngsten drei Saisons hat man ihnen immerhin die sogenannte Two-Nights-Tour zugestanden, also zwei Springen im Rahmen der Vierschanzentournee in Garmisch und Oberstdorf. Eine vollwertige Tournee scheiterte aber immer wieder an der Infrastruktur – wie dem fehlenden Flutlicht in Innsbruck, das zur kommenden Saison installiert werden wird, oder an anderen organisatorischen Problemen, wie dem vollen Wettkampfkalender. Und am Willen. Fis-Präsident Johan Eliasch spricht nun von „einem wahren Meilenstein in der Geschichte des Skispringens und des Wintersports insgesamt“, Katharina Schmid, eine der Vorkämpferinnen für ihren Sport, von einem „längst überfälligen Schritt“. Schmid wird die Premiere jedoch nicht mehr als Athletin erleben, die 29-Jährige war nach dem Ende der Olympiasaison zurückgetreten.
Die Entscheidung reiht sich ein in die Pläne der Fis, den Wettkampfkalender des Frauen- und Männerskispringens immer weiter zu vereinheitlichen. So sind in der kommenden Saison erstmals auch vier Mixed-Team-Events geplant.
Diese Neuerungen werden nun allerdings von einem Zwist bei den Männern überlagert, der die Vierschanzentournee gewaltig erschüttert. Im Kern geht es bei dem Streit, über den zuerst die Bild berichtete, um mehr Geld und Fördermittel, die der Skiclub Partenkirchen als Ausrichter des traditionsreichen Neujahrsspringens vom Deutschen Skiverband (DSV) verlangt.
Hintergrund: Der SC Partenkirchen und sein Organisationskomitee (OK) erhalten vom DSV, wie beide Seiten der SZ bestätigten, jährlich eine niedrige siebenstellige Summe, um die Kosten zu decken. Das OK stellt die Infrastruktur, baut die Zusatztribünen auf, muss die Ausfallversicherung zahlen, darf aber zugleich die Ticketeinnahmen behalten. Der DSV erhält über die nationale und internationale TV-Vermarktung sowie die Werberechte mehrere Millionen Euro für die Tournee.

Und die Vierschanzentournee ist noch immer ein lukratives Geschäft. ARD und ZDF hatten mit durchschnittlich mehr als vier Millionen Zuschauern bei der jüngsten Ausgabe zwar etwas schlechtere Quoten als in den vergangenen zwei Jahren, aber trotzdem noch eine sehr hohe Reichweite, auch beim jungen Publikum. Doch der SC Partenkirchen fühlt sich übergangen in Zeiten, in denen die Kosten überall explodieren. „Wir tragen das komplette Risiko, hatten 22 Jahre lang aber keine signifikanten Zahlungsanpassungen. In den vergangenen beiden Jahren hatten wir bei der Tournee Fehlbeträge in unseren Kassen“, sagte Michael Maurer, Präsident des SC Partenkirchen, am Sonntag der SZ. DSV-Vorstand Stefan Schwarzbach spricht davon, dass „wir seit einiger Zeit wirtschaftliche, strukturelle und organisatorische Themen mit Garmisch-Partenkirchen haben, bei denen wir unterschiedlicher Auffassung sind“. Es würden „offene und konstruktive Gespräche geführt, um die Vierschanzentournee weiterzuentwickeln. Ich gehe davon aus, dass wir zu einer vernünftigen Lösung finden“.
Pikant an dem Zwist ist auch, dass der Skiclub Partenkirchen der Markeninhaber der Vierschanzentournee ist
Garmisch hat im Vergleich zu Oberstdorf den Nachteil, dass wesentlich weniger Zuschauer zur Qualifikation kommen, allein schon wegen der Hotelpreise um den Jahreswechsel herum. Aber das Konzept ist zugleich etwas in die Jahre gekommen, wie auch die Infrastruktur im denkmalgeschützten Stadion. Oberstdorf – wo die zusätzliche Skiflugschanze, wie bei der jüngsten WM im Januar, und das Leistungszentrum weitere Einnahmen abwerfen – oder Innsbruck, hat man den Eindruck, haben sich da einen Vorsprung erarbeitet. Man darf auch gespannt sein, wie das Publikum eine weitere Neuerung annimmt: Denn künftig wird der Männer-Wettbewerb auch in Garmisch – wie an allen anderen drei Standorten – abends unter Flutlicht stattfinden. Für das in Teilen vom Jahreswechsel durchaus gezeichnete Publikum ist also künftig viel Durchhaltewillen gefragt.
Pikant an dem Zwist ist auch, dass der Skiclub Partenkirchen der Markeninhaber der Vierschanzentournee ist. Kommt es also zu keiner Einigung mit dem DSV, hätte letzterer auch deshalb ein Problem. Im schlimmsten Fall müsste ein neuer Standort her, ein neuer Name wohl auch. Nicht nur aus Vermarktungsgründen wäre das der GAU. SC-Partenkirchen-Präsident Maurer sagt jedenfalls: „Ohne uns gibt es keine Vierschanzentournee.“ Auch, weil er genau dies als mündliche Zusage von der Fis erhalten habe. Im Wettkampfkalender der Fis ist Garmisch jedenfalls gelistet. Und die letzte Entscheidungsgewalt darüber, welcher Ort ein Springen der Vierschanzentournee ausrichten darf, trägt ohnehin die Fis. Auch sie dürfte den Teufel tun, das Neujahrsspringen zum 75. Tournee-Geburtstag – inklusive der Premiere für die Frauen – an einen anderen Ort umzusiedeln.


