Sturz von Skispringer Tande:Dabei waren die Verhältnisse harmlos

SKI FLYING - FIS WC Planica PLANICA,SLOVENIA,25.MAR.21 - NORDIC SKIING, Ski jumping, Skispringen, Ski, nordisch SKI FLYI

Zu offensiv in der ersten Flugphase: In diesem Moment hat Daniel Andre Tande die Kontrolle über seinen Flug schon verloren.

(Foto: Christian Walgram/EPA pictures/imago)

Die Zeiten des Wagemuts im Skispringen sind eigentlich vorbei. Doch der schlimme Sturz des erfahrenen Norwegers Daniel Andre Tande zeigt, dass in diesem Sport mit Unfällen immer zu rechnen ist.

Von Volker Kreisl

Jeder Sport birgt Gefahren, zumal dann, wenn er im Wettkampf betrieben wird, in dem man einiges riskieren muss für seinen Körper, teils sogar für sein Leben. In den meisten Sportarten sind die Folgen der Gefahr überschaubar, in manchen größer, im Skispringen enorm.

Am Donnerstagnachmittag, auf der so genannten Letalnica, der Flugschanze in Planica/Slowenien, die zu den traditionsreichsten und größten dieser spektakulären Anlagen zählt, ist dies durch den Sturz des Norwegers Daniel Andre Tande wieder allen klar geworden. Tande stürzte im Flug bei mehr als 100 Stundenkilometern vom Himmel, schlug bei 78 Metern auf, verlor das Bewusstsein und schoss unkontrolliert und sich überschlagend den gut 120 Meter langen Steilhang hinab.

Die Sofortversorgung wurde später ausdrücklich gelobt, Tande wurde nach Ljubljana ins Krankenhaus gebracht und ins künstliche Koma versetzt. Gegen Abend gab es dann erste beruhigende Nachrichten, Tests seien zufriedenstellend verlaufen. Am Freitagmorgen wurde zwar noch keine Entwarnung gegeben, aber doch eine Meldung verbreitet, die Hoffnung gab: Tande atme wieder selbständig, hieß es. "Sie haben ein CT vom Kopf und vom Hals gemacht, da hat es keine Auffälligkeiten gegeben. Die Prognosen sind soweit sehr positiv", sagte Norwegens Cheftrainer Alexander Stöckl im ZDF.

"Das war ein Weckruf, der klarmacht, dass dies ein Extremsport ist"

Am Samstag soll er nun aufgeweckt werden, am Nachmittag ging das Skifliegen im Programm weiter, der finale Durchgang wurde schließlich abgebrochen, Karl Geiger siegte. Doch trotz aller Routine, trotz der verbreiteten Fähigkeit der Springer, die Schattenseiten ihres Sports zu verdrängen, dürften die drei bevorstehenden restlichen Wettkämpfe der Saison in Planica unter dem Eindruck des Schreckens dieses Donnerstags stehen. Der ehemalige norwegische Skispringer Johan Remen Evensen sagte im norwegischen Fernsehen: "Das war ein Weckruf, der klarmacht, dass dies ein Extremsport ist."

Dabei hatte man fast schon gedacht, alles sei soweit im Griff. Seit fünf Jahren war nichts wirklich Dramatisches mehr im Skispringen passiert. Stürze ereigneten sich zwar, aber meist standen die Springer gleich wieder auf. Verletzungen passierten, aber es waren die üblichen Schäden dieses Sports: Stauchungen, Prellungen, Gehirnerschütterungen und vor allem Kreuzbandrisse. Auch im deutschen Springerlager waren viele von Knieverletzungen betroffen, Severin Freund, Andreas Wellinger, Richard Freitag und Carina Vogt befinden sich gerade auf dem mühsamen Weg zurück zur alten Form. Ihre Rückschläge verbuchte man fast schon unter Alltagspech, doch was Tande nun passiert ist, kann keiner verdrängen. Sein Sturz erscheint existenziell für den Sport, die Brutalität seines Unfalls wirft die Frage auf, ob hier etwas Grundlegendes nicht stimmt.

Viele schwere Verletzungen waren früher dem chaotischen Wind geschuldet, doch der ist mittlerweile durch Netze, Messungen und Startregelungen recht gut im Griff. Die Ingenieure haben immer bessere Helme, Anzüge, Bindungen und einen - wenn auch nur sehr selten genutzten - Rückenprotektor entwickelt. Und als man erkannte, dass die Schuhkeile, die beim Fliegen zwar helfen, später bei der Landung aber die Kontrolle über die langen, am Boden ungeeigneten Sprunglatten erschweren und zu Kreuzbandrissen führen, da schränkte man auch die Keile ein. Das gesamte Material kann man also halbwegs in den Griff bekommen, nicht aber das Denken und Fühlen des Springers selbst, hoch oben in der Luft.

Die Verhältnisse waren harmlos, Hunderte Male hatte er zu so einem Flug angesetzt

Sportler machen Fehler. Sie sind über die Kinder- und Jugendzeit, während des Aufstieges an die Spitze und erst recht in den Jahren auf höchstem Niveau permanent mit Fehlervermeidung beschäftigt. Und doch: Sportler machen Fehler. Vor allem Skispringer lernen, sich zu fokussieren, sie üben im Mentaltraining, nicht zu übertreiben, und sie machen Erfahrungen. Und auch wenn das Skispringen diesen Gegensatz enthält, nämlich einerseits einen explosiven Absprung und andererseits diese unbewusste, wie automatisch gesteuerte Klapp-Bewegung zum Flieger, so hat der Akteur bei gutem Wetter doch immer alles im Griff. Als Tande in Planica stürzte, waren die Verhältnisse harmlos, hunderte Male hatte er schon einen solchen Skiflug angesetzt. Noch gibt es keine offizielle Ursache, aber alle Experten vermuten das, was statistisch eben irgendwann passiert, nur meistens ohne Folgen: einen Fehler, oder wie es immer offiziell heißt, "individuellen Fehler".

Zu offensiv sei er in der ersten Flugphase gewesen, sagte Tandes Nationaltrainer, der Österreicher Alexander Stöckl der Deutschen Presse-Agentur: "Er ist relativ schnell breit geworden mit den Skiern und hat sich dann ein bisschen draufgelehnt auf die Luft. Dann hat er den Kontakt zu den Skiern verloren." Das heißt, die Anströmung unter dem Ski geht abhanden, und der Springer fällt herunter. Wellinger ist Ähnliches 2014 in Kuusamo passiert, meistens sind es die Jüngeren und Wagemutigeren in der Konkurrenz, die sich torpedohaft nach vorne lehnen, um möglichst windschlüpfrig zu fliegen.

Wagemut war immer auch ein Teil der Faszination dieses Sports, die Frage ist nun aber wieder aufgeworfen, ob sich dieser Mut lohnt, ob er heute immer noch bewundert wird, oder ob sich bei Bildern wie denen vom Donnerstag die Zuschauer abwenden, womöglich dauerhaft. Selbst die Springer, die am Hang ohne neue Informationen zunächst um das Leben des Kollegen bangten, hatten genug. Er habe sich "überwinden müssen" weiterzuspringen, sagte Team-Weltmeister Markus Eisenbichler.

Doch dies ist Skifliegen, die spektakuläre Variante des Skisprungs. Alles geht noch schneller, weiter, höher. Und es ist Wettkampf, der zum Risiko verführt und zu letztlich unvermeidbaren individuellen Fehlern, auch verhängnisvollen, mit denen dieser Sport wohl weiterhin leben muss.

© SZ/ebc/bkl/jkn
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