Fünfeinhalb Monate nachdem Materialkontrolleure zur Schere griffen, um im WM-Stadion von Trondheim Nähte aufzutrennen und einen Betrug aufzudecken, liegt nun das Urteil vor: Die norwegischen Skispringer Marius Lindvik und Johann André Forfang, die im Mittelpunkt des Skandals um vorsätzliche Manipulationen an Sprunganzügen standen, wurden für drei Monate gesperrt. Der Skiweltverband (Fis) und die norwegischen Athleten sind zu einem Vergleich gekommen; die Fis erachte das „Minimum der Ausschlussdauer“ als „angemessen“, wie der Verband am Samstag mitteilte. In der Praxis bedeutet das: Wenn die Weltcup-Saison im November beginnt, stehen die beiden Norweger wieder auf den Schanzen.
Von einer nachträglichen Disqualifikation ist im Urteil nicht mehr die Rede. Olympiasieger Lindvik, 27, darf somit seinen Weltmeistertitel von der Normalschanze behalten; Andreas Wellinger, 29, vom Deutschen Skiverband, der im März bei der Weltmeisterschaft in Trondheim auf Platz zwei hinter Lindvik gelandet war, hat keine Aussichten mehr auf eine Revision der WM-Ergebnislisten zu seinen Gunsten. „Wir hatten uns bereits auf dieses Urteil eingestellt und werden es so akzeptieren“, sagte Bundestrainer Stefan Horngacher, „auch wenn das gesamte Team alles gegeben hat, um bei den Weltmeisterschaften maximal erfolgreich sein zu können“. Deshalb bleibe ein „ein schaler Beigeschmack“. Mit den neuen Regeln habe die Fis einen ersten Schritt unternommen, dem Sport „wieder glaubwürdiger zu machen.“
Der Betrug mit der Nähmaschine war im März erst einige Tage nach dem Springen von der Normalschanze bekannt geworden, als am vorletzten WM-Tag das Springen auf der Großschanze vonstattenging. Von „Doping, nur mit einer anderen Art Nadel“, sprach der norwegische Rundfunk NRK. Durch die illegalen Änderungen am Anzug vergrößerte sich die Flugfläche, ein Fall von Wettbewerbsverzerrung. Die Schummelei des eigenen Teams bei der WM war für die skibegeisterte Norwegen ein Eklat.

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Mehrere Monate nahm sich die Ethik- und Compliance-Abteilung im Skiweltverband (IECO) anschließend Zeit, die Indizien zu untersuchen und Zeugen anzuhören. Am 11. August ging der Fall dann zur Urteilsfindung an die Ethik-Kommission, das dreiköpfige unabhängige Gremium tagte unter Vorsitz des britischen Anwalts Michael Beloff. Beide Athleten, so teilt die Fis mit, haben Verstöße gegen die Regularien zum Schutz vor Manipulation zugegeben, darunter Regel 3.7.2, in der von „wissentlicher Hilfe, Verschleierung oder sonstiger Mitschuld“ an derartigen Machenschaften die Rede ist.
Die Fis macht jedoch deutlich: Eine „tatsächliche Kenntnis von den Manipulationen“ werde den Spitzenathleten Lindvik und Forfang nicht zur Last gelegt. Wohl aber hätten beide eingeräumt, dass sie die nächtlichen Schneiderarbeiten an ihren Anzügen hätten prüfen oder hinterfragen müssen. Derlei Änderungen nicht zu registrieren, sei ausgeschlossen, hatte Wellinger schon im Frühjahr gesagt: „Als Skispringer merkst du sofort, wenn an deinem Anzug rumgefummelt wurde.“
Die bereits verbüßte Sperre wird von den drei Monaten abgezogen
Der Vergleich sieht vor, dass beide Athleten jeweils einen Beitrag über 2000 Schweizer Franken zu den Verfahrenskosten zu zahlen haben. Auf die Dreimonatssperre wird die bereits verbüßte Suspendierung angerechnet.
Aufgeflogen war der Skandal im März durch ein anonym aufgenommenes Video. Den Betrug mit der Nähmaschine an den bereits mit einem Prüfchip versehenen Anzügen hatte Norwegens Sportdirektor Jan Erik Aalbu noch während der WM zugegeben. Die Hauptschuld wurde jedoch dem später entlassenen Cheftrainer Magnus Brevig angelastet. Und über dessen Urteil sitzt die Fis-Ethik-Kommission weiterhin zurate.
Für Lindvik und Forfang endet die Causa eher glimpflich. Nach Lage der Dinge werden sie nur den restlichen Sommer-Grand-Prix verpassen; das erste Mattenspringen Anfang August in Courchevel hatte Lindvik, dessen Suspendierung zwischenzeitlich aufgehoben war, sogar gewonnen.
Auch der norwegische Skiverband hat nach dem Urteil offenbar einen Schlussstrich unter den Betrugsskandal gezogen. Sportdirektor Aalbu, weiterhin im Amt, sagte im Fernsehsender TV2, zwar sei seine Föderation bereit gewesen, gegen die Anklage der Fis vorzugehen, habe dies aber unterlassen, um die Olympiasaison für das Duo nicht zu gefährden. Es sei zu befürchten gewesen, dass ein Einspruch sich in die Länge ziehe und die Vorbereitung beeinträchtige.
Von einem milden Urteil will Aalbu allerdings nichts wissen, im Gegenteil. Er findet „dass die Strafe, die sie bereits verbüßt haben, indem sie mehrere Rennen aussetzen mussten und so lange im Pranger standen, ausreichend war“. Fakt ist, dass die Sanktion für den WM-Betrugsskandal zwischen die abgelaufene und die neue Saison im Nordischen Skisport fällt. In den Olympiawinter gehen Norwegen Springer sorgenfrei.

