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Skispringer Ryoyu Kobayashi:Er gleitet zwischen zwei Welten

Ryoyu Kobayashi ist auch in diesem Jahr der Favorit auf den Sieg bei der Vierschanzentournee.

(Foto: AFP)
  • Der Japaner Ryoyu Kobayashi will nicht nur die Vierschanzentournee gewinnen, er muss auch einen kulturellen Spagat schaffen.
  • Er soll ein Vertreter der Instagram-Generation sein, aber die Traditionen seines Landes nicht vergessen - er darf zum Beispiel nicht zu wild jubeln.
  • Hier geht es zum Gesamtstand der Vierschanzentournee.

Von Volker Kreisl, Innsbruck

Schon in der Bibel geht es übrigens um Sport. Im ersten Korintherbrief 9 berichtet Paulus von den Isthmyschen Spielen und von der langen Phase des Verzichts im Training. "Und auch der welkende Siegerkranz ist ein Thema", sagt Markus Neitzel, ein Symbol für die Vergänglichkeit des Ruhmes im Gegensatz zum ewigen Leben.

Aber genug davon, das steht jetzt nicht im Vordergrund. In Innsbruck geht es an diesem Wochenende nur um die Vierschanzentournee, und um die Frage, wer sich am Samstag schon entscheidend absetzen kann. Oder vielleicht kann ja auch der momentane Gesamtdritte, der Pole Dawid Kubacki noch eingreifen, der einst erst zurückversetzt werden musste, ehe er durchstartete, der am Feierabend am liebsten selbstgebastelte Hubschrauber fliegen lässt. Oder Karl Geiger, verwurzelt in Oberstdorf, der so verlässlich und sachlich springt, wie sein Technik-Studium war. Oder aber der Japaner Ryoyu Kobayashi, der Gesamtführende, der ... äh, ja.

Wer ist das eigentlich?

An dieser Stelle hilft doch wieder Markus Neitzel, er ist in diesen Tagen der Begleiter von Kobayashi. Er folgt ihm nach Sprüngen zu den Fernsehteams aus Deutschland, Österreich und dem sonstigen interessierten Europa. Er wandert weiter mit Kobayashi zur Mixed-Zone der Radiokollegen, und danach klappern die beiden noch die Zeitungsleute und das Internet ab, ehe es zur Pressekonferenz geht.

Die Skisprung-Reporter stehen vor einem Rätsel

Neitzel ist Kobayashis Dolmetscher, und neulich hat sich der Sportstar bei seinem Begleiter offiziell bedankt dafür, dass der ihm helfe und dass er ihn auch verstehe. Das liegt daran, dass Neitzel nicht nur Dolmetscher ist, sondern auch Pastor, und zwar in den deutsch-japanischen Gemeinden von Frankfurt und Mannheim. Denn Neitzel und seine Frau Conny hatten einst 13 Jahre in Japan verbracht und dort evangelische Gemeinden mit aufgebaut. Und am Ende ist dieser Dolmetscher eben auch in den Sport vernarrt, seit Jahren ist er schon mit Japans Tischtennis-Team unterwegs. Er kann sich einfühlen, er versteht die Sprache - und auch etwas vom Sport.

Was fast jeder weiß, das sind die Fakten der Kobayashi-Karriere. Er ist Spross einer Skisprung-Familie aus Sapporo, mit zwei Brüdern und einer Schwester, die schon im Schulsport auf die Schanze gingen. Kobayashi hat einen großartigen Absprung. Er hat die Tournee per Grand Slam gewonnen, schon 16 Weltcupsiege errungen und ist seit 2019 der erste nicht-europäische Weltcup-Gesamtsieger seines Sports. Nur, wenn Kobayashi über die Hintergründe befragt wird, dann antwortet er: "Ich bin glücklich über den heutigen Wettkampf." Und als ein Kollege neulich mit matter Stimme nachhakte: "Können Sie uns bitte einfach kurz sagen, warum Sie so gut sind?" - da sagte Kobayashi nur, er sei froh, in diesem Team zu sein.

Die Skisprung-Reporter stehen vor einem Rätsel. Neitzel lächelt: "Es ist in Japan ein No-Go, sich selber zu loben", sagt er. Nicht nur Jubelgesten wie etwa der Daumenzeig auf die eigene Rückennummer seien verpönt, sondern auch Worte, mit denen man sich über seine Gruppe erheben könnte. In Japan, erzählt Neitzel, gebe es "Keigo", eine eigene Sprache für höfliches Kommunizieren, die "höfliche Sprache", oder sogar die "demütige Sprache".

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