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Skispringen:Problem Brechstange

Four Hills ski jumping tournament in Bischofshofen

Absturz aus großer Höhe: Mit Prellungen im Wirbelbereich und im Oberkörper hat Thomas Diethart beim Continental-Cup in Broderode noch Glück gehabt.

(Foto: Barbara Gindl/dpa)

Der nächste schwere Unfall: Skispringer Thomas Diethart wird von einer Böe erfasst und fällt auf den Hügel. Wie viele Verletzte der vergangenen zwei Jahre hat auch der Österreicher um den Anschluss an die Weltspitze gekämpft.

Von Volker Kreisl

Manchmal, sagt Thomas Diethart, schaut er sich den großen Adler an. Die Skulptur, die er 2014 nach seinem Sieg bei der Vierschanzentournee bekommen hat, gibt ihm Mut. Sie ist der Beweis dafür, dass der 24-Jährige das Skispringen im Prinzip beherrscht. Diethart will nicht aufgeben, er kämpft um die Rückkehr in das österreichische Weltcupteam. Doch seit Samstag ist er von dem Ziel weiter entfernt denn je.

Sein schlimmer Sturz beim Continentalcup in Brotterode/Thüringen ist der nächste Fall in einer bedenklichen Serie von Sprungunfällen in zweieinhalb Jahren, zwei Gestürzte sind heute querschnittsgelähmt. Diethart hat, wie es nach ersten Meldungen heißt, vergleichsweise Glück gehabt, er trug Prellungen der Wirbelsäule und von Niere und Lunge davon, kann aber Arme und Beine bewegen.

Es war offenbar eine Windböe, die ihn im Skistadion von Brotterode erfasst hatte. Diethart verlor seine Flugposition, damit auch das Luftpolster unter den Skiern und knallte auf den Hang. Er wurde bewusstlos und mit dem Hubschrauber in das Krankenhaus transportiert. Zuschauer und Kollegen waren bestürzt, der Wettkampf wurde aber fortgesetzt. Das ist nicht nur kalte Routine, sondern auch der Versuch, das Geschehen schnell zu verarbeiten. Springer wissen um die Gefahr, in der sie sich befinden, Verunsicherung durch langes Grübeln beeinflusst nur ihr stabiles Flugsystem.

Diethart war seit zwei Wintern auf der Suche nach diesem System, ein mühsamer Prozess. Im Interview mit der österreichischen Tageszeitung Kurier erklärte er, das Schlimmste sei, wenn der Trainer nach einem schlechten Sprung sage: "Das schaut bei dir gar nicht so schlecht aus." Dann, so Diethart, "denkst du dir, jetzt hab ich's echt verlernt." Er blieb dran, verletzte sich, zeigte wieder Trainingsfortschritte und landete im ersten COC-Cup dieses Winters miserabel - es war "eine Watschn", sagt er.

Die Basis für Erfolg hatte der Niederösterreicher dann eigentlich erkannt - lange nach seinem Vierschanzensieg. Es gehe darum, sich nicht zu sehr mit den kleinen Baustellen zu beschäftigen, es nicht mit der Brechstange zu versuchen, sondern manchmal auf den Aha-Effekt zu warten. "Ich habe mir jetzt vorgenommen, dass ich auf die Details pfeife", sagte Diethart. Er war also schon sehr weit gekommen, aber er wird nun Monate brauchen, um die alte Verfassung, das Vertrauen in seinen Absprung und seinen Flug, wieder zu erreichen. Die jüngsten Stürze hatten unterschiedliche Ursachen, doch meistens spielte das Brechstangen-Prinzip eine Rolle: der große Ehrgeiz, endlich den Durchbruch zu schaffen, wodurch der Springer das sichere System verlässt. Der heute querschnittsgelähmte Nicholas Fairall/USA hat kürzlich erzählt, dass auch er zu viel wollte. Olympiasieger Simon Ammann, der nach dem Sturz auf sein Gesicht zurück ist, wird vom Trainer nun auch mal behutsam gebremst.

Bremsen vor dem Durchbruch. Das klingt absurd, ist aber vielleicht ein Lösungsansatz für das Sturzproblem der Skispringer.

© SZ vom 29.02.2016
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