Süddeutsche Zeitung

Vierschanzentournee:Granerud wirbelt die Ordnung durcheinander

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Zum Auftakt der Vierschanzentournee hängt der Norweger die Konkurrenz ab, obwohl die gar nicht viel falsch macht. Karl Geiger verpasst das Podest knapp, das deutsche Team hofft nun auf eine Entwicklung.

Von Volker Kreisl, Oberstdorf

Sie haben gewartet und Geduld gezeigt, haben sich zurückgezogen und sich auch mit kleinen Schritten bei der Entwicklung der Form begnügt. Material, Hocke, Absprung wurden immer wieder justiert, und nun, beim Auftakt der 71. Vierschanzentournee, kann das Team des Deutschen Skiverbands mit Optimismus weiterreisen zur nächsten Tourneestation - denn die Richtung ihrer mühsamen Entwicklungsarbeit scheint zu stimmen.

Platz vier hat Karl Geiger in Oberstdorf belegt, es ist sein bestes Ergebnis seit seinem Zwischentief in diesen Winter. Mit den Topspringern des Dezembers konnte aber auch der derzeit beste Springer des Deutschen Skiverbandes nicht mithalten: Dennoch, drei von ihnen lieferten zum Finale einen spannenden Wettkampf, einem Finale, in dem die bisherige Ordnung an der Spitze des Skisprung-Weltcups gesprengt wurde.

Den Sieger-Pokal samt Sieger-Scheck nahm der Norweger Halvor Egner Granerud entgegen, doch schon hinter ihm platzierte sich nicht der im Weltcup führende Pole Dawid Kubacki, sondern dessen Landsmann Piotr Zyla, dessen extrovertiertes Jubeln sich mindestens so laut und so weit steigerte, wie seine überraschende Leistung kurz zuvor. Dezenter jubelte Geiger, die Stimmbänder zu strapazieren ist weniger seine Art, er kam letztlich auf Platz vier, sein Teamkollege Andreas Wellinger wurde Sechster. Dazwischen lag der Österreicher Stefan Kraft, der sich von seiner Erkrankung gut erholt zeigte.

Entscheidend über einen Gesamtsieg sei nicht zwingend ein Auftakterfolg, sagt Bundestrainer Stefan Horngacher

Es war also ein spannender Tournee-Auftakt, der ohne einen weiteren Mitstreiter wohl etwas absehbarer verlaufen wäre. Wieder einmal hatte sich der Rückenwind, der vom Nebelhorn herabfällt und dann von hinten über die Schattenbergschanze streicht, eingemischt. Die Springer sind das gewohnt, sie versuchten sich auch diesmal davon nicht beeinflussen zu lassen, was mal mehr, mal schlechter gelang. Zumal - kaum dass sich alle auf den für Skispringer sehr störenden Rückenwind eingestellt hatten, die Luft plötzlich wieder von unten nach oben drückte, was immer ein Vorteil ist, weshalb die Jury gut zehn Minuten lang wartete, bis aus Gerechtigkeitsgründen wieder ekliges Sprungwetter herrschte.

Die Deutschen, zumindest ihre Besten, hatten sich aber gut auf die Bedingungen eingestellt. Und am Ende konnten sie auch damit leben, dass ein Podestplatz knapp nicht geklappt hatte. Denn im Grunde war diese Variante eines nicht furiosen Einstiegs in die Tournee-Serie fast gewünscht.

Bundestrainer Stefan Horngacher hatte kürzlich noch gesagt, entscheidend über einen Gesamtsieg sei nicht zwingend ein Auftakterfolg, sondern die Entwicklung bis zur letzten Station in Bischofshofen. Weil die Steigerung zuletzt von Engelberg über die ersten Trainingssprünge in Oberstdorf bis zum Finale gelang, ist Horngachers Kalkül, bis zum 6. Januar mindestens vorne dabei zu bleiben, durchaus realistisch. Jedenfalls war er an diesem Abend voll des Lobes: "Wir können sehr zufrieden sein mit der Leistung unserer Athleten, wirklich Respekt vorm Karl und vorm Andi Wellinger, die super abgeliefert haben. Mit dem Druck und den Zuschauern haben sie es sehr, sehr gut gelöst."

Markus Eisenbichler springt zu kurz - und erwägt den frühzeitigen Ausstieg

Tristesse oder Niedergeschlagenheit wird sich im deutschen Teambus auf dem Weg zur nächsten Station in Garmisch und Österreich also nicht einstellen. Auch wenn Geiger und Wellinger ein Podiumsplatz nicht gelang, nehmen sie ihren Flow mit auf die Reise: "Ich bin sehr zufrieden mit dem Tag, mir sind echt gute Sprünge gelungen", sagte Geiger. Und Granerud sei zwar in Oberstdorf auf einem anderen Niveau gesprungen, jedoch - "auch er muss das erstmal durchbringen." Auch Andreas Wellinger, der zunächst sogar vor Geiger lag, staunte über sich selbst: "Das war mein bestes Ergebnis in Oberstdorf", sagte der 27-Jährige: "Ich nehme mit, dass ich echt gut Ski gesprungen bin." Drittbester Deutscher wurde der Oberstdorfer Nachwuchsspringer Raimund Philipp, der in seiner ersten Weltcupsaison und deshalb auch ersten Vierschanzentournee mit 21 Jahren auf Rang 14 kam.

Doch immer stehen am anderen Ende einer Mannschaft auch Athleten, die schwere Zeiten durchmachen. Skispringen birgt irrationale Phänomene, die Sprungform zählt dazu, und in diesem Winter hat sie Markus Eisenbichler getroffen, einst Tournee-Zweiter, nun wortlos in irgendeiner Tür der Schattenberg-Arena verschwunden. Als einer der Ersten des Abends sprang er auch diesmal wieder zu kurz und hatte darauf auch einen Platz auf der Lucky-Loser-Liste bald verpasst. An diesem Abend erwog er den verfrühten Tournee-Ausstieg.

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