bedeckt München 26°

Skispringen:Für die lange Party

Katharina Althaus wächst in eine tragende Rolle hinein: Sie hilft wesentlich mit beim WM-Sieg in der Team-Premiere - und beim Kampf um die sportliche Gleichstellung mit den Männern.

Von Volker Kreisl, Seefeld

Es war Festatmosphäre in der Mixed-Zone. Medaillengewinner sind ja stets ausgelassen, wenn sie vor die Reporter treten, diesmal aber kamen lauter aufgekratzte Skispringerinnen ins Pressezentrum, und das waren nicht nur die siegreichen Deutschen. Man hörte die Österreicherinnen draußen schon kreischen, insgesamt machten dann alle einen Eindruck wie ein Theater-Ensemble nach einer gelungenen Premiere.

Unter den Darstellerinnen des ersten Frauen-Teamspringens bei Weltmeisterschaften hatten sich am Dienstag spannende Personalien befunden. Pioniere wie die Österreicherin Daniela Iraschko-Stolz, die Olympiasiegerin und zweimalige Einzelweltmeisterin Carina Vogt aus Deutschland, und auch die in ihrer Heimat Japan durchaus angehimmelte Rekord-Weltcupsiegerin Sara Takanashi. Die Hartnäckigkeit auf dem Weg der Skispringerinnen dorthin, wo Langläuferinnen oder Alpin-Skifahrerinnen längst stehen, nämlich auf selber Stufe wie die Männer, repräsentiert zurzeit aber Katharina Althaus.

2019 FIS Nordic World Ski Championships

Kaum neun Punkte nur betrug der Vorsprung vor dem letzten Sprung, aber Katharina Althaus absolvierte die Aufgabe dann wie programmiert: Dank der 22-Jährigen aus Oberstdorf holten die deutschen Ski-Springerinnen das allererste WM-Gold des Team-Wettbewerbs.

(Foto: Lisi Niesner/Reuters)

Seit zwei Jahren ist die Oberstdorferin beständigste Springerin im Team von Bundestrainer Andreas Bauer. Serienweise kam sie aufs Weltcuppodest, und längst wäre Althaus so bekannt wie Vogt, wäre da nicht ihre Konkurrentin: die Norwegerin Maren Lundby springt noch beständiger und mit noch ausgefeilterer Technik. Bei den Olympischen Spielen 2018 in Pyeongchang holte Althaus Silber und Lundby Gold. Genauso entwickelte sich der Wettkampf auch am Mittwoch, im Einzelspringen in Seefeld. Lundby gewann, Althaus wurde Zweite mit dem hauchdünnen Rückstand von 0,5 Punkten. Weil am Samstag das deutsche Mixed-Team abermals favorisiert ist, könnten dies Althaus' Weltmeisterschaften werden. Sie ist zwar erst 22 Jahre alt, wächst aber immer mehr in die Rolle einer Teamleaderin, allein durch ihre Erfolge, auch wenn es zunächst noch ungewohnt war. Beim entscheidenden Sprung des Teamwettbewerbs sei sie nervös gewesen, gab sie zu: "Ich hatte plötzlich die Verantwortung für die Mannschaft." Aber Althaus absolvierte die Aufgabe wie programmiert. Bauers Springerinnen sind also die ersten Team-Weltmeisterinnen, nach einem Wettkampf, der sich bis zum letzten Akt zuspitzte und auch Werbung war für den anderen großen Wettkampf im Hintergrund, der noch lange nicht zu Ende ist. Langsam, für manche zu langsam, erobern die Frauen ihren Platz im Programm eines ehrwürdigen Sports, der bis vor einem Jahrzehnt den Männern vorbehalten war. Von Anfang an war Althaus dabei, deren Karriere sich also schon länger entwickelt hat, Schritt für Schritt. Angefangen hatte alles beim SC Oberstdorf, mit ersten Versuchen auf den Kleinschanzen direkt neben der großen Schattenbergschanze. Althaus sprang mit elf Jahren in einer Schülerserie mit, dann baute sie ihre Karriere zielstrebig auf wie ein Haus, vom Keller bis zum Giebel. Sie besuchte das Skigymnasium in Oberstdorf, bei der Ski-WM 2017 in Lahti in Finnland wurde sie Achte. Weil sie aber mehr gewollt habe, kann sich Bauer noch daran erinnern, dass sie sich über Platz acht geärgert hatte. Wenige Wochen später machte sie Abitur. "Ich bin ein ehrgeiziger Mensch", sagte Althaus. Ihr Sport reifte unterdessen ebenfalls. Ein Jahr später, bei den Spielen 2018, gab es den zweiten Olympiawettkampf nach 2014, die Frauen sprangen ein Einzel, danach waren sie wieder nur noch Touristinnen. Die meisten forderten einen Team-Wettbewerb, weil die Männer ja auch drei Wettkämpfe bestreiten und es frustrierend ist, nach dem ersten Bier die Party schon wieder verlassen zu müssen. Althaus kam nach Hause und hatte ein ehrgeiziges Programm vor sich. 21 Jahre alt war sie erst, und nun war sie, jedenfalls im weiteren Umkreis von Oberstdorf, eine jener gefragten Medaillensiegerinnen, von denen viele dann nachlassen. Allerdings blieb Althaus eine strebsame Schülerin, der Bundestrainer Bauer erklärte kürzlich der Schwäbischen Zeitung das Geheimnis ihres Erfolges in Zeiten der Vermarktung: "Die hat keine einzige Einheit, keinen einzigen Lehrgang verpasst." Bei diesen Weltmeisterschaften kann sie nun sogar noch einmal Gold holen. Aber der Ehrgeiz der Springerinnen richtet sich auch auf neue Herausforderungen: Eine Entscheidung über die Erweiterung des Olympia-Programms um ein Frauen-Teamspringen ist immer noch nicht gefallen. Und danach steht ein weiterer großer Schritt bevor. Denn die Frauen fliegen ebenfalls lieber auf der Großschanze, im Weltcup wird dies schon mit Erfolg praktiziert. Nur bei WM und Olympia noch nicht, dabei stünden Schanzen dort immer zur Verfügung - garantiert. Die Männer brauchen sie ja auch.

© SZ vom 28.02.2019
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB