Skispringen Die Ideallösung

Erfahrung mit hohen Erwartungen: Horngacher als Coach in Polen.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Stefan Horngacher wird Skisprung-Bundestrainer. Er kann dem Team um Markus Eisenbichler gelassen begegnen - in Polen hat er zuletzt selbst Sieger hervorgebracht.

Von Volker Kreisl

Manche Neubesetzungen im Sport erscheinen wagemutig oder so ungewöhnlich, dass man nicht damit rechnet. Und manche liegen derart auf der Hand, dass sie sich wie von selbst ergeben, weil offensichtlich ist, dass die dazugehörigen Puzzleteile an allen Ecken und Enden ineinanderpassen.

Der Deutsche Skiverband (DSV) hat nun den Österreicher Stefan Horngacher als neuen Skisprung-Bundestrainer für die Nachfolge von Werner Schuster, ebenfalls Österreicher, verpflichtet. Horngacher war bis vor Kurzem Coach der polnischen Nationalmannschaft. Wie lange nun die Laufzeit dieses Vertrages veranschlagt wird, wurde zunächst nicht erklärt. Fest steht aber, dass Horngacher für diesen speziellen Job mit all seine hohen Anforderungen, wie es aussieht, alle Voraussetzungen mitbringt. "Ich freue mich sehr auf die neue Aufgabe", sagt der 49-Jährige. Und DSV-Sportdirektorin Karin Orgeldinger ergänzt: "Wir sind überzeugt, dass Stefan Horngacher mit neuen Impulsen die Erfolgsgeschichte im deutschen Skisprung fortsetzen wird."

Der Neue wird Nachfolger nicht von irgendeinem, sondern von einem Coach, dessen gelungene Arbeit mit etlichen Titeln noch lange die Gegenwart in diesem Sport überstrahlen kann. Da brauchte man kein Experiment mit einem jungen Trainer, sondern jemanden mit Renommee und Selbstbewusstsein. Einen, der erfolgreiche Strukturen aufgreifen kann und sich nicht künstlich beweisen muss. Horngacher kann den Deutschen um Weltmeister Markus Eisenbichler sowie Olympiasieger Andreas Wellinger gelassen begegnen. Er hat ja selber Sieger hervorgebracht, zuletzt Dawid Kubacki, vor allem aber den polnischen Olympiasieger und Vierschanzentournee-Gewinner Kamil Stoch.

Und Anerkennung muss er sich schon deshalb nicht erarbeiten bei den erfolgreichen jungen Deutschen, weil die ihn ohnehin schon kennen. Horngacher war bis vor drei Jahren Co-Trainer im Team von Schuster, er ist also vertraut mit der Entwicklung seiner neuen Springer und wird wohl recht schnell die individuellen und technischen Probleme erahnen, die manche zuletzt von Erfolgen abgehalten hatten. Vor allem Richard Freitag und Andreas Wellinger, die bis vor einem Jahr noch das Team anführten, befanden sich zuletzt im Tief - genauso immer noch Severin Freund, der die Springergruppe vor seinen Kreuzbandrissen angeführt hatte. Und im Prinzip betrifft dies auch Markus Eisenbichler und Karl Geiger, die den Leader-Job diesen Winter ausfüllten, aber auch nicht gefeit sein werden vor Rückschlägen im oft unberechenbaren Springen von Schanzen.

Horngacher hat Erfahrung darin, ein Team vor äußerer Belastung abzuschirmen

Das deutsche System mit durchlässigen Strukturen und kooperierenden Stützpunkten hat Horngacher zusammen mit Schuster und dem Sportlichen Leiter Horst Hüttel aufgebaut. Nun wird er als Fachmann gebraucht, der Schwächen analysieren und ein Team bei Laune halten kann. In Polen ist ihm das zuletzt gelungen, als er für jeden der Individualisten den richtigen Ton fand. Stoch war nach einer schweren Zeit nach den ersten Olympiasiegen 2014 irgendwann besser zurückgekommen als zuvor. Und Piotr Zyla, der sich nach Horngachers Ansicht zu sehr ablenken ließ, weil er zu oft vor Kameras schäkerte ("den Kasperl machte", so Horngacher), brachte der Coach dazu, sich zu fokussieren. Und nun treffen sich fast alle polnischen Springer abends im Ski-Hotel zu Pokerrunden oder sie pflegen ihre Hobbys - wie der Modellfliegerbastler Kubacki oder auch wie Zyla, der, wie Horngacher einmal sagte, gerne abends auf dem Zimmer "seine Gitarre martert".

Trotz des Erfolges als Chef in Polen und der Erfahrungen als Assistent in Deutschland, könnte aber der neue Job eine Herausforderung werden. Denn nicht selten ist es schwerer, Erfolg fortzuführen als Erfolg aufzubauen. Auf Horngacher und dieser deutschen Mannschaft könnten nach den errungenen Siegen fortan wieder größere Erwartungen lasten, ähnlich jenem Druck, mit dem vor 15 Jahren die Weltmeister und Tourneesieger Martin Schmitt und Sven Hannawald umgehen mussten, was schließlich nicht immer gelang.

Andererseits hat Horngacher Erfahrung darin, ein Team vor äußerer Belastung abzuschirmen. Denn größer als in Polen kann diese kaum werden, doch auch dort gelang es Horngacher, das Team aus dem Fokus zu nehmen - trotz zuweilen tausender Fans im Training. Zudem hat er nun nicht nur zwei bis drei, sondern fünf bis sechs mögliche Siegspringer im Team, die sich in den vergangenen fünf Jahren stets abwechselten, als hätten sie es so abgesprochen. Und schließlich verfügt Horngacher nun über beträchtlich mehr Zeit für seine Arbeit, diese ständige Lösungssuche für irgendwelche Absprungprobleme. Denn er spart sich nun große Reisestrecken zum Training. Seine Familie wohnt ja im Schwarzwald, auch dies war so ein perfekt passendes Puzzleteil.