Skispringen Die Entpuppung des Schmetterlings

Im Februar Team-Silber bei den Olympischen Spielen, nun auch auf dem Weltcup-Podest: Stephan Leyhe feiert Platz zwei in Wisla.

(Foto: Grzegorz Momot/dpa)

Stephan Leyhe zeigt beim Saisonstart mit seinem ersten Weltcup-Podest, welches Talent er hat.

Von Volker Kreisl

Irgendetwas ist vorgefallen zwischen dem ersten und dem zweiten Sprung. Eigentlich war zunächst ja alles in der alten Leyhe-Routine abgelaufen. Gute Vorbereitung, starke Platzierung, und dann der übliche Rückfall, der zum gewohnten Resultat zu führen schien: doch kein Sprung aufs Podest, wieder keine Erfolgsnachricht von Stephan Leyhe.

Aber dann saß der Willinger beim Skisprung-Auftakt in Wisla in Polen auf dem Balken und zeigte etwas für ihn Neues. Einen Konter gegen die immer gleiche Handlung, die ihn von Platz vier in der Qualifikation wieder zurück warf, die ihm unter anderem den Olympiasieger und Vierschanzen-Grand-Slam-Sieger von 2018, Kamil Stoch, vor die Nase setzte. Ihn und zwei weitere musste er fürs Podest nun überholen, aber anstatt zu verkrampfen, breitete Stephan Leyhe seine Flügel diesmal schnell genug aus, er spürte, dass ihn die Luft nun endlich mal bis zum guten Schluss trug, und wurde Zweiter.

Der Trainer hatte lange Geduld - letzte Saison verlangte er mehr

26 Jahre ist Stephan Leyhe nun alt, seit vier Wintern springt er im Weltcup mit, aber erst jetzt hat er seinen ersten Podestplatz errungen. Gewonnen hat in Polen der 24 Jahre alte Russe Jewgeni Klimow, der bis vor vier Jahren noch in der Nordischen Kombination angetreten war. Dritter wurde der begabte Japaner Ryoyu Kobayashi, 22, ebenfalls bis dahin ohne Podestplatz. Auf Platz fünf landete Timi Zaic, 18 Jahre alt, und eines der slowenischen Top-Talente, von denen schon länger geraunt wird. Nur Champion Stoch sprengte dann doch noch die Gruppe dieser noch unvollständigen, aber überraschend guten Weltcupstarter, in die Leyhe so gut hineinpasst.

Podestplätze holen im Skispringen immer mal auch durchschnittliche Sportler, der zweite Platz des Willingers aber ist etwas anderes. Er könnte eine Art Schmetterlingseffekt haben, eine Wandlung von einem Talent, das lange schlummerte und nun endlich frei gelassen wird. Denn Leyhe - der vom bayerischen Skisprung-Establishment im Team den Spitznamen "Preuße" verpasst bekam - ist ja schon seit zwölf Jahren dabei, mit Juniorensiegen und Überraschungen und Rückschlägen in zweit- und drittklassigen Cups. Seit 2014 schlummerte Leyhes Talent dann auf nicht gerade hohem, aber stabilem Niveau im Weltcup weiter. In den vier Wintern wurde er in der Gesamtabrechnung 38., 23., 22. und zuletzt Achtzehnter. Immer wieder war auch mal ein Top-Ten-Platz dabei, einen Podestplatz verpasste er aber meist im letzten Moment.

Leyhe arbeitete aber immer weiter im Verborgenen an seinem Stil, und Bundestrainer Werner Schuster ließ ihn. Immer war er gut genug, um die Mannschaft zu verstärken; 2015 sagte Schuster einmal, er könne "eine ähnliche Rolle spielen wie einmal Marinus Kraus". Das ist der Mann, der die Springer Severin Freund, Andreas Wellinger und Andreas Wank beim Team-Olympiasieg 2014 ergänzte. Ein solider Zuarbeiter also - manch einer will es nach so einem Lob dem Trainer zeigen, Leyhe aber arbeitete fleißig im grauen Mittelfeld an sich weiter, und am ehesten fand sein Name bei der Vierschanzentournee deshalb Erwähnung, weil er am 5. Januar, einen Tag vor dem Finale, Geburtstag hat.

Vor der vergangenen Saison wechselte Schuster dann den Tonfall. Die deutsche Mannschaft wurde insgesamt stärker, angesichts des wachsenden Konkurrenzkampfs wünschte er sich von den bereits alternden Talenten, endlich den letzten Schritt zu machen. Nach außen hin arbeitete Leyhe wie gewohnt weiter, und kommentierte in den Mixed-Zonen des Weltcups immer sachlich, ausführlich und auch nach Enttäuschungen nie unfreundlich seine durchschnittlichen Leistungen. Doch womöglich hatte sich da schon etwas entfaltet. Im Februar, bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang, kam er mit der Schanze im entscheidenden Training jedenfalls besser zurecht, er verdrängte Markus Eisenbichler aus dem Quartett und spielte dann tatsächlich die Kraus-Rolle: Leyhe gewann zusammen mit Karl Geiger, Richard Freitag und Wellinger Mannschaftssilber.

Fünf in den Top 15 - diesen Winter wird der Konkurrenzkampf hart

Skispringen ist auch deshalb ein spezieller Sport, weil das Alter eine andere Bedeutung hat, als in den meisten anderen Disziplinen, deren Akteure offenbar immer jünger werden. Im Skisprung scheint Altern zweitrangig zu sein, was man nicht nur an Noriaki Kasai sieht, dem Japaner und einzigen Sportler, für den die Bezeichnung "Dino" mittlerweile als freundlicher Standard gilt, weil er ja schon 46 Jahre alt ist und immer noch berechtigte Ambitionen hegt. Jugend und Dynamik ist in diesem Sport auch nicht so wichtig, auch deshalb, weil die Anpassung an neues Material, die Fähigkeit mit wenig Einsatz viel zu lernen mehr zählt. Und weil ein Sieg immer mit innerer Ausgeglichenheit zu tun hat, mit der man irgendwann, wie Stephan Leyhe in Wisla, einen leicht verkorksten ersten Sprung so justieren kann, dass einen die Luft schließlich ganz hinunter trägt.

Fünf von Schusters Springern landeten unter den besten 15. Zweitbester wurde als Achter Karl Geiger, der 25 Jahre alte Oberstdorfer, der den Sommer-Grand-Prix zuletzt als Zweiter abschloss. Eisenbichler, 27, könnte in diesem Jahr ebenfalls den entscheidenden letzten Schritt machen, David Siegel, 22, hat sich in Wisla als 13. empfohlen, und am kommenden Wochenende will auch noch Severin Freund in Kuusamo wieder einsteigen. Sie alle buhlen darum, neben Freitag und Eisenbichler zum Mannschaftskern zu gehören. Gut möglich also, dass bald weitere Entpuppungen wie die von Leyhe bei den deutschen Skispringern zu beobachten sind.