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Skispringen:Bloß nicht auf den Boden kommen

Um den Weltcup noch zu gewinnen, müsste Karl Geiger bei der Raw-Air-Serie in Norwegen wohl alles gelingen. Das Zeug dazu hat er.

Objektiv gesehen hat Karl Geiger keine Chance. Sein Rivale hat zurzeit die besseren Werte, er sprang im letzten Saisondrittel konstanter, und auf den vier Schanzen der übrigen Weltcup-Wettbewerbe dieser Saison war er ohnehin immer besser. Im Grunde hilft wohl nur eines: Die Zahlen zu vergessen, abzuheben und eine Woche lang zu fliegen und genießen. Oder wie Geiger auf der Schanze sagen würde: "So richtig vom Hang wegpfeifen."

Der Skisprungweltcup hat sich zum Saisonende mal wieder zugespitzt. Die Entscheidung über den Gesamtbesten fällt bei der kommenden Raw Air, der vierten Ausgabe der Norwegen-Tournee. Als eine der letzten Wintersportarten steuert das Skispringen also auf ein richtig spannendes Saisonfinale zu. In einer Zwischensaison ohne Weltmeisterschaft ist das März-Duell für den Sport die ideale Situation. Der Österreicher Stefan Kraft führt die Wertung zwar mit 118 Punkten Vorsprung an, aber bei der Raw Air ist grundsätzlich noch alles möglich. Und sein Oberstdorfer Widersacher Karl Geiger, 27, hat sich zuletzt richtig gesteigert, mehr noch - er ist so richtig weggepfiffen.

Im Skispringen hängt vieles von den Reflexen, vom richtigen Selbstbewusstsein, vom Unterbewusstsein oder auch vom richtigen Aufstehen am Morgen ab. Das Ganze wird dann zum Erfolgsschwung, und den könnte Geiger am vergangenen Sonntag in Lahti entscheidend erwischt haben. Da hatte er einen Absprung und einen Flug gezeigt, den nun auch Kraft vor Augen haben könnte, wenn er morgens aufsteht.

Oft schon war Geiger in dieser Saison nach dem ersten Durchgang exzellent gelegen und fiel dann doch wieder zurück. In Finnland hat er nun das Gegenteil vollbracht: er hat attackiert und noch einen draufgesetzt. So weit war er im Finaldurchgang hinuntergeflogen, dass ihn der Schwung in eine Zone trug, die eine plumpe Sicherheitslandung erforderte. Doch trotz der Punktabzüge blieb er vorne und sagte dem Skisprungportal Berkutschi: "Meine Sprünge waren heute fehlerfrei." Und weil das Ganze auch noch der Jubiläumsweltcup, also das 1000. Springen seit den Anfängen 1979 war, empfand Geiger es als "ganz besonders", und überhaupt: "Es war ein großartiger Tag für mich."

01.03.2020, Salpausselkae Hill, Lahti, FIN, FIS Weltcup Ski Sprung, Herren, im Bild Karl Geiger (GER) // Karl Geiger of

Jubiläumsflug: Karl Geiger hebt ab von der Schanze in Lahti, wo er am Sonntag, im 1000. Weltcup-Wettbewerb der Skisprunggeschichte, gewann.

(Foto: Eibner/Imago)

So hört es sich wohl an, wenn die Springerseele fliegt, und Geiger braucht dieses Zutrauen nun auch. Er hat Energie- und Umwelttechnik studiert, ist ein Mann der Vernunft und war immer kritisch mit sich selber. Lange hat er gebraucht, bis ihm eine richtige Anfahrtshocke für den wichtigen Druck im Absprung gelang, bis er im vergangenen Winter dann erstmals einige fast perfekte Flüge zeigte. Aber diese alte Selbstkritik könnte ihm nun wieder so manches einflüstern.

Der Krafti, wie der Pongauer in Springerkreisen auch heißt, der ist doch eh unschlagbar bei der Raw Air, könnte der Nörgler im Geiger nun flüstern. Schließlich habe Geiger zwar diesen famosen letzten Sprung vor der Norwegen-Serie hingelegt, dafür habe Kraft in den zurückliegenden zehn Sprüngen immer unter den besten Vier gestanden, mit einem fabelhaften Platzierungsdurchschnitt von 2,0. Geigers Wert, ja, der ist auch nicht schlecht, ergibt aber doch nur eine 4,3. Und weiter könnte der Nörgler die Norwegenergebnisse der vergangenen Jahre anführen. Da hatte der Krafti nämlich richtig aufgedreht. 2017 gewann er. 2018 belegte er bei der Raw Air die Plätze zwei, acht, zwei und fünf. Und 2019: zwei, eins, drei und drei, womit er wieder im Rennen um den Sieg lag, am Ende aber doch Zweiter wurde. Geigers Raw Air dagegen? Zumeist zweistellige Plätze.

Ein weiterer leiser, aber wirkungsvoller Zweifel könnte den Oberstdorfer beim Gedanken an die Haltungsnoten beschleichen. Die Punktrichter, welche die Schönheit im Flug und bei der Landung beurteilen, hatten zuletzt eher dem Österreicher einen bis anderthalb Punkte mehr gegeben, was sich in der Summe entscheidend auswirken kann. Das liegt an Krafts Erfahrung und naturgegebener Eleganz, aber auch daran, dass er einen halben Kopf kleiner ist als Geiger. Und je zierlicher ein Sportler ist, desto weniger fallen einem Jury-Mitglied Wackler ins Auge.

Raw-Air-Serie in Norwegen

Oslo / Holmenkollen

Samstag, 7. März, 15.15 Uhr: Teamspringen, Männer.

Sonntag, 8. März, 14.30 Uhr: Männer, Einzel-Springen; 17.15 Uhr: Frauen, Einzel.

Lillehammer

Dienstag, 10. März, 17 Uhr: Männer, Einzel; 20 Uhr: Frauen, Einzel.

Trondheim

Donnerstag, 12. März, 17 Uhr: Männer, Einzel. 20 Uhr: Frauen, Einzel (Raw-Air-Finale).

Vikersund

Samstag, 14. März, 16.30: Männer, Teamspringen.

Sonntag, 15. März, 16.30 Uhr: Männer, Einzel (Raw-Air-Finale).

Andererseits ist Geiger nicht mehr der Athlet vom vergangenen Jahr. Selten hat sich ein Skispringer aus der hinteren Reihe zu Saisonbeginn so stark verbessert, und diese Form dann über mehr als 20 Wettkämpfe hinweg bestätigt. Mehr noch, Geiger ist im Laufe dieses Winters stabiler und besser geworden. Er hat nur zweimal die Top Ten verfehlt. Er war der beste bei den wenigen Kleinschanzenspringen, und er hat auch auf Flugschanzen schon einzelne Durchgänge gewonnen.

Und der Parcours durch Norwegen ist ohnehin ein Glücksspiel, dem man sich in gewisser Weise hingeben muss. Die Schanzen in Oslo, Lillehammer, Trondheim und insbesondere die Vikersunder 240-Meter-Flugschanze sind weit und können das Feld bei wechselndem Wind immer wieder neu sortieren, wobei zweifelnde Skispringer auch leicht verkrampfen. Kein Grund für Geiger also, das Hochgefühl, das Fliegen jetzt einzustellen.

© SZ vom 04.03.2020

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