Skisport:Sonnenkönig a.D.

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Skisport: Ungewohnte Demutsgeste: Der neue ÖSV-Präsident Karl Schmidhofer (links) bedankt sich bei seinem Vorgänger Peter Schröcksnadel.

Ungewohnte Demutsgeste: Der neue ÖSV-Präsident Karl Schmidhofer (links) bedankt sich bei seinem Vorgänger Peter Schröcksnadel.

(Foto: Barbara Gindl/AFP)

Peter Schröcksnadel dankt nach 31 Jahren als Präsident des Österreichischen Skiverbandes ab - er hinterlässt ein zwiespältiges Erbe.

Von Johannes Knuth, Villach/München

Ein bisschen wird das ja schon fehlen. Kein "Austria is a too small country", wie Peter Schröcksnadel, der Präsident des Österreichischen Skiverbandes, bei den Winterspielen 2006 irrlichterte, als österreichische Athleten gerade das Blutbesteck aus dem Hotelfenster geworfen hatten. Auch gut: seine Wortmeldungen zum Klimawandel. Die Experten könnten ja nicht mal das Wetter am nächsten Wochenende präzise treffen, lästerte Schröcksnadel einmal, wie könnten sie wissen, was in Jahrzehnten droht? Fakten waren beim 79-Jährigen gerne mal lästiges Beiwerk, aber der Gegenwind hielt sich meist in Grenzen, zumindest in der Heimat und solange die Skirennfahrer gewannen, kaum etwas massiert das nationale Wohlbefinden vieler Österreicher ja besser, bis heute.

Für einen Sonnenkönig wie Schröcksnadel war es da schon ein recht kleiner Rahmen, in dem jetzt, bei der Länderkonferenz des ÖSV in Villach, seine 31 Jahre währende Regentschaft endete, offiziell zumindest. Die Landesverbände kürten den ÖVP-Politiker Karl Schmidhofer, 59, einstimmig zum Nachfolger, für den Sonnenkönig a.D. gab es ein Buch zum Abschied, befüllt mit Widmungen von Athleten und Begleitern, da kommt in 31 Jahren einiges zusammen. Erfolge zweifelsohne, fast 1300 Weltcupsiege und 400 Olympiamedaillen; ein Verband, der sich in eine Gelddruckmaschine verwandelt hat. Doch das und die folkloristischen Auftritte lenkten immer auch davon ab, dass Schröcksnadel die Gepflogenheiten des organisierten Sports kultivierte wie kaum ein anderer: Interessenskonflikte, Intransparenz, die Umschichtung öffentlicher Mittel in die private Hand, wobei die private Hand meist der ÖSV war und der ÖSV war vor allem: Schröcksnadel, eh kloar.

Um seine Nachfolge war zuletzt noch mal ein wüster Streit entbrannt, der vieles von dem bündelte, was Schröcksnadel Ära ausgezeichnet hatte. Michael Walchhofer galt lange als Favorit, der einstige Abfahrtsweltmeister, Hotelier, seit sieben Jahre Vizepräsident im ÖSV. Was folgte, ist bis heute nicht ganz so klar, Insider und Medien berichteten, dass es vor allem darum ging, wer künftig jene Holding-Gesellschaft beeinflusst, in der die Tochtergesellschaften des ÖSV eingefasst sind: TV-Verträge, Werbung, Marketing, die Filetstücke. Schröcksnadel oder sein Sohn, hieß es, könnten künftig den Aufsichtsrat des Gremiums lenken (was beide dementierten). Schröcksnadel fand vielmehr, Walchhofer wolle einen Verband umbauen, den er nicht gut genug kenne, dabei forcierte er die noch viel unerfahrenere, einstige Abfahrtsläuferin Renate Götschl als Kandidatin. Die Landesverbände einigte sich schließlich auf den ÖVP-Mann Schmidhofer, kein einstiger Abfahrtssieger, dafür tief verwoben mit dem Skibiotop: als einstiger Tourismusobmann und Gesellschafter von diversen Seilbahn-Firmen. Der neue ist kein Wunschkandidat Schröcksnadels, aber das war den Landesfürsten offenkundig wurscht. Auch den Posten im Aufsichtsrat wird Schröcksnadel nach SZ-Informationen nicht erhalten.

Sein Einfluss bleibt natürlich immer noch gewaltig, ein Relikt der olympischen Turbokommerzialisierung in den Achtziger- und Neunzigerjahren, die Schröcksnadel mitprägte, auf österreichisch natürlich: Er hatte als junger Unternehmer den Tipp erhalten, in Markierungen am Rande von Skipisten zu investieren, die es damals noch nicht gab. Eine simple wie geniale Idee: Schröcksnadel bot Skigebieten die Flächen umsonst an, im Gegenzug vermarktete er die Anzeigen darauf. Heute handelt Schröcksnadel nicht nur Anzeigen auf Skitafeln, er ist an Hotels beteiligt, ihm gehören Skigebiete, im Grunde ganze Berge. Da war es stets praktisch, dass sein Skiverband beeinflusste, in welchen Skigebieten die lukrativen Weltcups stattfinden. Undenkbar in anderen Verbänden, Schröcksnadel und der ÖSV sahen darin aber nie etwas Verwerfliches.

Wer bei diesen Geschäften was abschöpft? Geschäftsgeheimnis, beteuerte der ÖSV stets, er legt bis heute nicht einmal Jahresberichte vor, entgegen branchenüblicher Praktiken. Schröcksnadel winkte auch sonst alle Skandale und Skandälchen durch, Dopingskandale von Turin bis Seefeld, von deren Umtrieben er nie etwas mitgekriegt haben will; merkwürdige Sonderbudgets für deutsche Ärzte; Missbrauchsskandale, in denen Schröcksnadel zunächst die Opfer wie Nicola Werdenigg hart anging. Die mächtigsten Medien boten oft Geleitschutz, die Krone sponsert bis heute den ÖSV, der ORF sah sich zuletzt mit pikanten Vorwürfen konfrontiert. Das Magazin Dossier berichtete, man habe im Rahmen einer Kooperation eine Sendung vorgeschlagen, der Arbeitstitel bündelte Schröcksnadels Ära recht passabel: "Der mächtigste Sportverband unter der Lupe: sexueller Missbrauch, Doping, Interessenkonflikte und jede Menge Steuergeld - trotzdem spurt Österreichs Politik."

Aber der Vorschlag wurde partout nicht abgesegnet. Irgendwann habe es geheißen: Die Medienrechte des ÖSV würden bald ausgeschrieben, da wolle man es sich mit dem ÖSV und Schröcksnadel nicht verscherzen. Der ORF erwiderte, diese "Unterstellungen entbehren jeder Grundlage". Eh kloar!

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