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Skiflug-WM in Planica:Im Rausch der Schwerelosigkeit

Skiflug-WM 2020 in Planica: Markus Eisenbichler in der Qualifikation

Gut in der Luft: Markus Eisenbichler gilt als einer der Favoriten für die anstehende Skiflug-WM.

(Foto: GEPA pictures/ Matic Klansek/imago images/GEPA pictures)

Bei der Skiflug-WM stürzt sich Markus Eisenbichler von der zweitgrößten Schanze der Welt hinunter. Der Sport stößt in dieser Disziplin an die Grenze des Abenteurertums.

Von Volker Kreisl

Nein, sagt Markus Eisenbichler, nachdem er bei dieser Frage versonnen lächelnd nach links und nach rechts geschaut hat, als hätten ihn die Gedanken fortgetragen. "Nein", antwortet er kategorisch, diese Gefühle, wenn man diese sieben, acht, neun Sekunden in der Luft ist, "die kann man nicht beschreiben."

Es geht ums Skifliegen, eine Disziplin, in der der Sport an die Grenze des Abenteurertums stößt, für die es im Weltcup nur vier Schanzen gibt. Eine davon ist die so genannte Letalnica, die Flugschanze in Slowenien, auf der von Freitag an die Skiflug-Weltmeisterschaft ausgetragen wird. Eigentlich sollte sie schon im März stattfinden, wegen der Pandemie ist sie in den Dezember gerutscht. So früh in der Saison jedoch haben die Springer noch wenig Praxis für die ganz weiten Flüge. Die Letalnica ist die zweitgrößte Schanze der Welt, ihr Hillsize beträgt 240 Meter, der Schanzenrekord liegt bei 252 Metern. Sonst herrscht dort fast immer Sonnenschein und Hochbetrieb, nun ragt dieser Bakken mit seinem Turm einsam empor, und der Schnee liegt still, was aber kein Zuschauer direkt sehen wird, weil das Publikum ausgeschlossen ist. Die Frage ist also, warum alle Springer unbedingt dorthin wollen? Und warum grinst Eisenbichler so, wenn er speziell nach dem Fliegen gefragt wird?

Ein Rausch, eine Droge

Zum Glück ist Eisenbichler aus Siegsdorf bei Ruhpolding dann doch noch eine Antwort auf die Neun-Sekunden-Frage gekommen: "Naja", sagt er, "es fühlt sich halt so an, wie der Aladin, der auf seinem fliegenden Teppich hin- und herfliagt. Und man denkt eigentlich gar net so viel. Man hat nur das Gefühl, dass man aus dem Gefühl nicht mehr raus mag. Aus der Schwerelosigkeit. Aus dem Frei-Sein. Man hat im Flug eigentlich koane anderen Gedanken, höchstens: Ich mag im Flug so weit wie möglich obi und den Flug genießen, und ..."

Hier, nach 14 Sekunden Gedankenflug, sollte man kurz stoppen. Eisenbichler, das ist jetzt schon klar, empfindet dieses Fliegen, das niemand kennt, der sich nicht selber auf Latten in der Luft halten kann, als Rausch, als Droge. Und gerade ist er nicht der Einzige, der davon profitiert. In Zeiten der Isolation, in denen der Weltcup streng reglementiert ist, gleichzeitig aber auch immer der Druck des Erfolges auf einem Team liegt, kann man ihn gebrauchen, den Moment der Schwerelosigkeit.

Wer kann, der kommt. Sogar Österreichs Team, das von Corona noch schwer getroffen ist, rückt tatsächlich auch mit frisch Auskurierten an, nicht weil es unbedingt sein muss, sondern weil zum Beispiel der Gesamtsieger von 2020, Stefan Kraft, es so verlangt. Er hat am Donnerstag zwar Rückenschmerzen bekommen, aber vielleicht klappt es im Team-Fliegen. Denn er will nicht länger zu Hause sitzen, sondern dabei sein: "Dafür brenne ich zu sehr für meinen Sport und für das Skifliegen ganz besonders."

Außer um Gefühle geht es in Slowenien jedoch auch um etwas anderes. Manche Skispringer mögen etwas philosophischer veranlagt sein als andere Sportler, aber eins steht für sie trotzdem ganz oben, nämlich ganz banal der Titel. Die angebrochene Saison ist lang und vollgestopft mit zwei Weltmeisterschaften, einer Vierschanzentournee, einer Norwegen-Tournee und dem großen Weltcup-Abschluss. Und von den Flug-Favoriten aus Norwegen, Polen, Deutschland und eventuell auch Österreich möchte natürlich jeder den ersten Pokal mit aufs Zimmer nehmen.

Das gelingt nur mit Fluggefühl. Auf der Letalnica, sagt Trainer Stefan Horngacher, spiele ein guter Absprung zwar auch eine Rolle, dann aber gehe es ums Fliegen. Die Akteure versuchen dabei, die Luftströmungen an ihrem Körper zu erspüren und den Aufwind möglichst gut zu nutzen. Eisenbichler gilt im deutschen Team als Flug-Vorbild, was er nun mit dem Sieg in der Qualifikation bestätigte. Pius Paschke aus Kiefersfelden zum Beispiel, der wie auch Karl Geiger und Constantin Schmid antreten wird, bezeichnet sich eher als Abspringer denn als Flieger, sagt aber: "Beim Markus kann ich mir was abschauen."

Für die Frage, was genau, muss man sich Aladin Eisenbichler exakter anschauen, in dem Moment, da er auf seinem fliegenden Teppich obi fliagt: Er legt sich auf die Luft, spürt jedem Windzug nach, justiert seine Tragflächen mit den Händen. Und wenn alles klappt, dann meistert er wie bei seinem Weltcupsieg 2019 auch diesmal die spezielle Hürde der Letalnica, weit unten schon. Dort, erzählt Horngacher, werde es wieder flacher, weshalb man den Flugwinkel anpassen müsse, um noch weiter zu kommen. Deshalb sollte ein Springer nicht nur eine präzise Technik beherrschen, sondern sollte auch von hoffnungsloser Flugsucht getrieben sein, die ihn bis zum letzten Zentimeter in der Luft hält.

Dafür ist es sinnvoll, Eisenbichler weiter zu zitieren, ihn jene neun Sekunden, jenes Unbeschreibliche zu Ende beschreiben zu lassen: " ... und die ganzen Sorgen und Ängste, die man im normalen Leben hat", so schließt er, "die verschwinden dann einfach, und ja - ois, was dich bedrückt, ist auf einmal weg."

© SZ/vk/sonn
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