Süddeutsche Zeitung

Rekord im Skibergsteigen:24 242 Höhenmeter in 24 Stunden

Lesezeit: 3 min

Der Österreicher Jakob Herrmann hat einen Weltrekord im Skibergsteigen gebrochen. Bevor er Profi in der Szene wurde, war er Lehrer für Mathe und Hauswirtschaftslehre. Damals lernte er, weshalb im Extremsport manchmal Chips verzehrt werden müssen.

Von Nadine Regel

In den letzten sechs Stunden durften es dann auch Chips sein, als Motivationsschub oben am Wendepunkt seiner immer gleichen Pistenskitour. Da lagen schon 18 Stunden hinter Jakob Herrmann, größtenteils in der Nacht. Insgesamt 34 Mal ist der österreichische Profi-Skibergsteiger vom Tal etwa 710 Höhenmeter zur Bergstation im Skigebiet Radstadt mit seinen Tourenski aufgestiegen und wieder abgefahren. Nach 24 Stunden zeigte der Zähler 24 242 Höhenmeter an, ein neuer 24-Stunden-Rekord. Für Herrmann ging in diesem Moment ein Traum in Erfüllung. "Ich wollte schon immer einmal sehen, was ich in 24 Stunden erreichen kann", sagt der 36-Jährige, der aus einem Team von Freunden und Familie an der Strecke unterstützt wurde. Damit knackte er die Bestmarke eines der größten Ausdauersportler unter den Alpinisten, Kilian Jornet. Der katalanische Skibergsteiger und Bergläufer schaffte 2019 in Molde in Norwegen 23 486 Höhenmeter an einem Tag.

Er war es auch, der Jakob Herrmann "zwei Minuten" nach der Ziellinie am vergangenen Sonntag um 15.02 Uhr per Telefon gratulierte. Das sei das Besondere an seinem Sport, sagt Herrmann, "ich habe es noch nie erlebt, dass mich jemand unfair geschnitten hätte", man gönne seinen Mitstreitern ihre Erfolge. Jornet und Herrmann seien befreundet, sie sind auch schon hochalpine Rennen als Team zusammen gegangen, weil man da auf Gletschern am Seil unterwegs ist.

Da liegt sie auch, die große Leidenschaft, die Herrmann für seinen Sport hat: "Ich liebe es, stundenlang auf meinen Ski zu sein", sagt er, und er genieße es, seine extreme Ausdauerleistung ins freie Gelände und alpine Terrain zu bringen. Als er Mitte Dezember im Training seine bisherige Bestmarke von 10 000 Höhenmetern am Tag knackte, wusste er, dass er bereit für den Weltrekord ist. Zum Vergleich: Ein Breitensportler klopft sich schon nach einer Tour mit 1500 Höhenmetern stolz auf die Schultern.

Jakob Herrmann ist österreichischer Staatsmeister in den Langdistanzen Vertical und Individual

Seit 2018 arbeitet Herrmann als Profi im Skibergsteigen. Zuvor unterrichtete der studierte Lehrer und Ernährungswissenschaftler Mathe und Hauswirtschaftslehre. Sein umfangreiches Wissen wendet er nun auch auf sich selbst an. "Man muss permanent Kohlenhydrate zu sich nehmen, sonst bekommt man einen Hungerast", sagt er, etwa 70 Gramm pro Runde, also etwa alle 40 bis 42 Minuten. Dafür nutzt er leicht verdauliche Energiequellen wie Sportgels, Isodrinks, Gemüsebrühe, Riegel, gesalzenen Reis und Kartoffeln. 18 Stunden habe er sich strikt an seinen Plan gehalten, dann kamen die Chips als Motivator ins Spiel.

Die offizielle Zeitmessung seines Rekords lief über einen Sender, den er am Körper trug, und über Zeitmessungsmatten im Tal und an der Bergstation. Auf diese Weise dokumentierte Herrmann detailliert seine Zeiten im Aufstieg, in der Abfahrt und beim Wechsel vom Aufstiegs- in den Abfahrtsmodus. Das beinhaltet das Anbringen und Abziehen der Felle, die als Aufstiegshilfe auf der Unterseite der Ski kleben und ein Abrutschen der Ski verhindern, aber auch das Umstellen seiner minimalistischen Skistiefel vom Aufstiegs- in den Abfahrtsmodus. Einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde oder anderweitige Beglaubigungen strebt Jakob Herrmann nicht an. "So was braucht es in unserem Sport nicht", sagt er, zumal der Rekord eher sein persönliches Ziel gewesen sei.

Herrmann hat sich in der Skimo-Szene - Skimo steht für Ski Mountaineering, also Skibergsteigen - bereits einen Namen gemacht. Er ist österreichischer Staatsmeister in den Langdistanzen Vertical und Individual. In beiden Disziplinen geht es darum, schnellstmöglich mit Ski aufzusteigen. Beim Individual, das im offenen Gelände stattfindet, kommen Wechsel und Abfahrten hinzu. Seine Paradedisziplinen haben den Sprung nach Olympia in Italien 2026 vorerst nicht geschafft. Athletinnen und Athleten können nur im Sprint und in der jüngsten Disziplin Mixed Relay beim Debüt der Erwachsenen olympische Medaillen gewinnen.

"Diese Disziplinen sind das Gegenteil von dem, was ich gerne mache", sagt Herrmann. Der Sprint ist ein kurzer Wettbewerb auf der Piste, bei dem alle Elemente im Skibergsteigen abgerufen werden. Beim Mixed Relay geht ein gemischtes Team aus Mann und Frau auf einem erweiterten Sprintkurs an den Start. Inoffiziell wird darüber gesprochen, dass 2030 alle vier Disziplinen olympisch werden könnten - zu spät für den heute 36-jährigen. Aus dem Kader ist Herrmann bereits ausgestiegen. Grundsätzlich freue er sich aber über die Entwicklungen in seinem Sport, weil es die Bekanntheit erhöhe und neue Sponsoren anziehe.

Auf seinem Plan stehen längere alpine Rennen wie die Skitouren-Wettkämpfe Mountain Attack und Erztrophy, wo er im vergangenen Jahr jeweils Siege einfuhr. In diesem Jahr plant er im Dreierteam die Teilnahme an der Patrouille de Glaciers im April. Das Rennen führt auf 57,5 Kilometern und über 4386 Höhenmeter von Zermatt über Arolla nach Verbier in der Schweiz und gehört zur La Grande Course, einer Serie aus den sechs anspruchsvollsten Skitourenrennen der Welt. Der Rekord aus dem Jahr 2018 liegt bei 05:35:27 Stunden - vielleicht die nächste Bestmarke, die Jakob Herrmann knackt.

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