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Alpine Ski-WM:Der unerwartete Doppel-Weltmeister

FIS World Ski Championships - Men's Giant Slalom

Beste Lage am Steilhang: Mathieu Faivre beim Riesenslalom.

(Foto: Getty Images)

Favorit Alexis Pinturault und der Deutsche Alexander Schmid scheitern in einem denkwürdigen Riesenslalom am Steilhang - stattdessen steht der Franzose Mathieu Faivre wieder ganz oben.

Von Johannes Knuth, Cortina d'Ampezzo

Im Zielraum begannen bereits die Umbauarbeiten, Helfer karrten ein Banner mit Sponsorenlogos heran, die Regie legte die Hymne des Ski-Weltverbandes auf. Aber die Läufer, die wenige Sekunden nach einem unwirklichen Rennen für ihre Darbietungen geehrt werden sollten, schienen noch nicht bereit zu sein für dieses sportbürokratische Protokoll. Mathieu Faivre, der neue Weltmeister aus Frankreich, hielt seinen Kopf in den Händen, Luca De Aliprandini, der 30 Jahre alte Italiener, der im Weltcup noch nie ein Podest erklommen hatte und jetzt, bei der WM im eigenen Land, Zweiter im Riesenslalom geworden war, warf sich auf den Sieger, dampfend vor Glück.

Als die Umbauarbeiten dann abgeschlossen waren und die drei Klassenbesten Aufstellung genommen hatten, hielt Faivre seine Skiausrüstung in der einen Hand, mit der anderen fasste er sich noch immer an den Kopf. Wer denkt sich so ein Drehbuch aus?

Einen Doppel-Weltmeister aus Frankreich, das hatte das Skript schon vorgesehen für diese alpinen Ski-Weltmeisterschaften in Cortina d'Ampezzo. Aber diese Hauptrolle war für Alexis Pinturault reserviert gewesen! Den 29-Jährigen, der in diesem Winter bereits drei Weltcups in seiner Leib- und Magendisziplin gewonnen hatte; der in der Gesamtwertung auf seinen ersten Triumph zusteuert und der in Cortina bereits Bronze im Super-G und, eine kleine Überraschung, bloß Silber in der Kombination in seine Trophäenkammer überführt hatte - was allen Kritikern wieder Auftrieb gab, die bemängeln, dass der Franzose die ganz großen Rennen nicht auf seine Seite zerrt.

Diesmal schien er alle Zweifel zu zertrümmern. Sein erster Lauf war ein Gesamtkunstwerk, nur Faivre, De Aliprandini und der Deutsche Alexander Schmid hielten sich in seiner Nähe - wobei Schmid seine hervorragende Position im zweiten Lauf verspielte. Und dann kippte auch Pinturault im Steilhang aus dem Kurs - er, der stets so fährt, als gerinne sein Körper bei jedem Schwung zu einem Bild fürs Lehrbuch. "Das fühlt sich völlig unwirklich an", sagte Faivre, der bereits das Parallel-Einzelrennen gewonnen hatte und dessen Glück erst mal im Schatten des Geschlagenen verschwand. Der neue Champion sagte: "Es tut mir echt leid für Alexis."

Unerwartet auf dem Weg zu Gold: Mathieu Faivre in Cortina d'Ampezzo.

(Foto: Gabriele Facciotti/AP)

Der Freitag in Cortina belegte am Ende wieder einmal, dass selbst den Besten in diesem eisigen Gewerbe ihre Zauberkunst entgleiten kann. Faivre war schon 2010 Junioren-Weltmeister im Riesenslalom, er näherte sich der großen Bühne aber mit kleineren Schritte, seinen ersten Weltcup gewann er 2016, ein Jahr darauf war er der stärkste Riesenslalompilot des Winters hinter einem gewissen Marcel Hirscher. 2018, bei den Olympischen Winterspielen, entfachte er einen kleinen Eklat, als er sich ungebührlich über seine Kollegen äußerte: "Wenn ihr wüsstet, was ich über die Gruppe hier denke - ich fahre nur für mich."

Der Verband warf ihn prompt aus dem Team, Faivre rutschte in den folgenden Wintern aus dem Kreis der Besten, auch die aktuelle Saison begann "gedämpft", wie er in Cortina sagte. Sein bester Ertrag im Riesenslalom war ein achter Platz, zwischendurch wurde er 26., 20. und sogar 24. in einem zweitklassigen Europacup. Man habe zuletzt Schwächen ausgebeult, sagte Faivre nun, am Dienstag hatte er sich zum Parallel-Einzelweltmeister gekürt, auch wenn sein Triumph von der Debatte über das neue, unausgereifte Format verschluckt wurde. Selbst Faivre vibrierte nicht gerade vor Entzücken: "Eine Medaille ist eine Medaille, aber der Riesenslalom ist wichtiger." Aber geschadet hatte ihm das knackige Format offenbar auch nicht.

Die Tore am Freitag waren etwas enger gesteckt, der Starthang finster und steil. "Meine Skier haben gegen mich gekämpft", sagte De Aliprandini, er befand: "Ein echter WM-Kurs." Der Schnee, soufflierte Stefan Luitz, als Siebter der beste Deutsche, sei im oberen Teil sehr griffig gewesen, in der Mitte eisig-glatt, im sonnendurchfluteten Schlussteil weich, als führe der Kurs durch drei Klimazonen. Unter derartigen Arbeitsbedingungen derart stabil auf der Kante zu reiten, "das spiele sich zu 30, 40 Prozent im Kopf ab", sagte Luc Alphand im Ziel, der einstige Gesamtweltcupsieger aus Frankreich, der mittlerweile für das TV kommentiert. Alphand erinnerte an die Österreicherin Katharina Liensberger, sie hatte wie Faivre im Parallelrennen triumphiert und war kurz darauf überraschend Dritte im Riesenslalom geworden, als habe sie plötzlich alle Mauern der Zweifel niedergerissen. Auch wenn Liensberger das in etwas, nun ja, andere Worte kleidete: "Das ganze Universum, die ganzen Sterne haben mir heute geholfen", sagte sie.

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Gut unterwegs, aber dann jäh gestoppt: Alexander Schmid war nach dem ersten Durchgang Dritter, fädelte dann aber ein.

(Foto: Francis Bompard/Agence Zoom/Getty)

Im Lager des Deutschen Skiverbandes (DSV) waren sie am Freitag schwer hin und hergerissen: Luitz war mit seiner Aufführung nur bedingt zufrieden, Platz sieben nehme er aber "gerne mit", nach einer Oberschenkelverletzung zuletzt. Schmids Enttäuschung wiederum wurzelte tief, wie es das Vibrato in seiner Stimme nahelegte. Platz vier zuletzt im Parallel-Einzel, Bronze mit dem Team, nun war er nach dem ersten Lauf Dritter gewesen, er, der im Weltcup im Riesenslalom bislang einen sechsten Platz als besten Ertrag in den Büchern stehen hat. Er tanzte dann auch im zweiten Lauf am Limit, "es ist die WM, es zählen bloß die Medaillen, man muss was riskieren", reklamierte der 26-Jährige: "Entweder es geht auf oder nicht." Es ging dann nicht auf, Schmid hob es nach dem Steilhang nach einem Tor aus, und so blieb ihm nur die Erkenntnis, dass sein Vorstoß in die Elite längst keine Frage des Ob mehr ist, sondern des Wann.

Und eine große Chance bleibt ihnen im DSV ja noch, im Slalom am Sonntag. Dort zählt Linus Straßer nicht zu den größten Favoriten, aber was heißt das schon? Man musste nur am Freitag in den Zielraum schauen.

© SZ/klef/moe
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