Süddeutsche Zeitung

Ski-WM:Marcel Hirscher ist in Österreich wie Religion

  • Österreich erwartet von seinem Ski-Helden bei der WM die Goldmedaille.
  • Marcel Hirscher, der fünfmalige Weltcup-Gesamtsieger, betont: Auch andere können schnell Ski fahren.
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Nach dem für Österreich medaillenlosen Team-Wettbewerb musste sich Marcel Hirscher in der Heimat reichlich Spott gefallen lassen. Hirscher, der große Dominator des alpinen Skisports, verlor in der ersten Runde gegen einen gewissen Dries Van den Broecke, die Nummer 311 der Slalom-Weltrangliste. Die Zeitung Der Standard fragte hinterher, warum denn "ein ganzer Belgier nicht einen halben Holländer schlagen sollte?" Um die Süffisanz dieser Aussage zu verstehen, muss man wissen, dass Hirscher halber Niederländer ist, seine Mutter stammt aus Den Haag. Hirscher besitzt neben dem österreichischen auch den niederländischen Pass.

Dass er bei der Ski-WM in St. Moritz gegen einen Mann verloren hat, der aus Gent kommt und im Pitztal lebt, scheint ihm weniger ausgemacht zu haben als seinen Landsleuten. "Die Herkunft heißt genau gar nichts", bekannte er nach dem Rennen: "Nicht einmal, wenn jemand aus Aruba kommt."

Bis zu zwei Millionen Menschen schalten in Österreich ein, wenn Marcel Hirscher im Starthaus steht und den schnellsten Weg ins Tal sucht. Der Annaberger ist ein Volksheld, ein Werbefigur, neben Hermann Maier der bekannteste Sportler im Land. Die Österreicher wollen ihren Hirscher siegen sehen, zweite Plätze zählen für sie nicht, weil Zweiter schon der erste Verlierer ist. So sehen sie das in der stolzen Ski-Nation.

Ganz ähnlich dachte lange auch Hirscher. Doch er musste in diesem Winter lernen, dass auch andere einen unverschämt schnellen Schwung fahren können. Der Norweger Henrik Kristoffersen im Slalom oder der Franzose Alexis Pinturault im Riesentorlauf sind zu ernsthaften Konkurrenten erwachsen. In den Jahren davor war es fast schon ein Naturgesetz, dass Hirscher die Konkurrenz wie Hobbyläufer aussehen lässt, wenn er zwei gute Läufe runterbringt. Er hat schon mehrere Rennen mit mehr als drei Sekunden Vorsprung gewonnen - im Skisport eine Ewigkeit.

Hirscher schwang sich im vergangenen Frühjahr zum ersten Ski-Rennläufer in der Historie auf, der den Gesamtweltcup fünf Mal nacheinander gewann. In der ewigen Bestenliste der Siege bei Weltcup-Rennen liegt der 27-Jährige mit 43 auf dem fünften Platz, nur noch Marc Girardelli (44 Siege), Alberto Tomba, (50), Hermann Maier (54), und Ingemar Stenmark (86) stehen vor ihm. Hirscher schreibt die Geschichte im alpinen Rennsport um. Seit 2002 hat er 70 Prozent seiner Rennen auf dem Podium beendet.

Skirennfahrer sind Helden in Österreich. Wenn Hirscher hustet, wie in den ersten WM-Tagen, dann bangt das ganze Land. Hirscher hatte vor drei Jahren dem Spiegel erzählt, dass er bei der WM in Schladming 2013 vor dem zweiten Durchgang im Slalom gedacht habe: Wenn ich nicht Gold gewinne, bringen die Zuschauer mich um. Der Skisport nimmt da groteske, fast religiöse Züge an. Marcel Hirscher hat aber als Kind nicht angefangen, Skirennen zu fahren, um später mal berühmt zu werden. Er mag es nicht, wenn er abseits der Pisten auf die große Bühne geschoben wird, wenn die Fans an ihm zerren oder er lange in Mikrofone und Kameras sprechen muss. Am liebsten hat er während der Renntage seine Ruhe, verbringt so viel Zeit wie möglich mit seiner Freundin oder seinem Hund. "Da will ich nicht groß abgelenkt werden", sagt er.

Schwünge mit brachialer Gewalt

Marcel Hirscher hat den Skisport mit seinem kraftvollen Fahrstil in den vergangenen Jahren revolutioniert, ihn auf ein vorher nie dagewesenes Niveau gehoben. Er wählt in den meisten Fällen den risikoreichsten, den direkten Weg, "die All-in-Linie", wie die Profis gerne sagen. Weil er zu den athletischsten Rennläufern gehört, gelingt es ihm, seine Schwünge meistens mit brachialer Gewalt ins Tal zu bringen. Er driftet vor den Toren nicht an, sondern carvt eng um sie herum, auch wenn das Gelände extrem steil ist. Er kantet dann seine Skier so stark auf, dass er tiefe Rillen im Schnee hinterlässt, fast so, als wäre er auf Schienen unterwegs gewesen. "Marcel hat aufgrund seiner Körpergröße und Hebel einen ganz anderen Fahrstil. Er fährt mit mehr Kraft", sagte einmal Heinrich Bergmüller, der ehemalige Trainer von Hermann Maier und Maria Höfl-Riesch.

Vor ein paar Jahren gelang es Hirscher in einem Winter bei jedem Slalom aufs Podium zu fahren, das schafften davor nur der Italiener Tomba und der Schwede Stenmark. Dass er in dieser Saison aber bisher nur vier Saisonsiege eingefahren hat, außerdem WM-Silber in der Kombination, wird ihm in Österreich ständig vorgehalten, er kann es nicht mehr hören. "Ich bin wirklich peinlich berührt und enttäuscht von manchen Menschen, die in einer Onlineredaktion hocken und deren größte Sorge es ist, dass der Kaffeeautomat in der Früh funktioniert", kritisierte Hirscher nach dem Teamwettbewerb auf einer Pressekonferenz des Österreichischen Ski-Verbandes. Er wehrte sich mit drastischen Worten gegen seine Kritiker, die seine Niederlage gegen Dries Van den Broecke als "peinliche Pleite" oder "WM-Drama" eingeordnet hatten.

Er strebe nicht nach weiteren großen Titeln, behauptet er bei jeder Gelegenheit. Er hat ja auch fast alle Goldmedaillen gewonnen, die der Skisport zu vergeben hat. Alle - bis auf olympisches Gold. Er fahre nicht gegen die Geschichte oder gegen die anderen, sagte er damals dem Spiegel. "Ich bin auf der Suche nach dem perfekten Schwung. Den zu finden ist mein Ziel. Wenn ich mich am Limit bewege, ist das ein unbeschreibliches Gefühl. Ich weiß aber nicht, wo das Maximum liegt."

Um das herauszufinden, tüftelt er wie sonst kein Rennläufer am Material, am sogenannten Setup, dem Zusammenspiel zwischen Ski, Bindung und Schuh. Wie er und sein neuer Servicemann Thomas Graggaber experimentieren, hat schon etwas Zwanghaftes. Niemand bringt mehr Skier an den Berg als die beiden, um das perfekte Arbeitsgerät für das Rennen herauszugreifen. Dabei muss er selbst zugeben, dass das Potenzial des Materials längst ausgereizt sei. Um das genauer zu erklären, zieht Hirscher eine Analogie aus dem Automobilrennsport heran. Er schaffe es, 800 PS auf den Boden zu bringen, aber bei 1000 PS sei er überfordert. Es sei zwar möglich, noch schnellere Ski zu bauen, aber das nütze nichts, wenn man sie nicht steuern könne.

An diesem Freitag steht Marcel Hirscher nun im Riesentorlauf im Starthaus. Ganz Österreich erwartet den Sieg von ihm. Manchmal wünscht er sich, dass er nur ein kleiner niederländischer Rennläufer wäre.

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