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Ski-WM:Schwünge mit brachialer Gewalt

Marcel Hirscher hat den Skisport mit seinem kraftvollen Fahrstil in den vergangenen Jahren revolutioniert, ihn auf ein vorher nie dagewesenes Niveau gehoben. Er wählt in den meisten Fällen den risikoreichsten, den direkten Weg, "die All-in-Linie", wie die Profis gerne sagen. Weil er zu den athletischsten Rennläufern gehört, gelingt es ihm, seine Schwünge meistens mit brachialer Gewalt ins Tal zu bringen. Er driftet vor den Toren nicht an, sondern carvt eng um sie herum, auch wenn das Gelände extrem steil ist. Er kantet dann seine Skier so stark auf, dass er tiefe Rillen im Schnee hinterlässt, fast so, als wäre er auf Schienen unterwegs gewesen. "Marcel hat aufgrund seiner Körpergröße und Hebel einen ganz anderen Fahrstil. Er fährt mit mehr Kraft", sagte einmal Heinrich Bergmüller, der ehemalige Trainer von Hermann Maier und Maria Höfl-Riesch.

Vor ein paar Jahren gelang es Hirscher in einem Winter bei jedem Slalom aufs Podium zu fahren, das schafften davor nur der Italiener Tomba und der Schwede Stenmark. Dass er in dieser Saison aber bisher nur vier Saisonsiege eingefahren hat, außerdem WM-Silber in der Kombination, wird ihm in Österreich ständig vorgehalten, er kann es nicht mehr hören. "Ich bin wirklich peinlich berührt und enttäuscht von manchen Menschen, die in einer Onlineredaktion hocken und deren größte Sorge es ist, dass der Kaffeeautomat in der Früh funktioniert", kritisierte Hirscher nach dem Teamwettbewerb auf einer Pressekonferenz des Österreichischen Ski-Verbandes. Er wehrte sich mit drastischen Worten gegen seine Kritiker, die seine Niederlage gegen Dries Van den Broecke als "peinliche Pleite" oder "WM-Drama" eingeordnet hatten.

Er strebe nicht nach weiteren großen Titeln, behauptet er bei jeder Gelegenheit. Er hat ja auch fast alle Goldmedaillen gewonnen, die der Skisport zu vergeben hat. Alle - bis auf olympisches Gold. Er fahre nicht gegen die Geschichte oder gegen die anderen, sagte er damals dem Spiegel. "Ich bin auf der Suche nach dem perfekten Schwung. Den zu finden ist mein Ziel. Wenn ich mich am Limit bewege, ist das ein unbeschreibliches Gefühl. Ich weiß aber nicht, wo das Maximum liegt."

Um das herauszufinden, tüftelt er wie sonst kein Rennläufer am Material, am sogenannten Setup, dem Zusammenspiel zwischen Ski, Bindung und Schuh. Wie er und sein neuer Servicemann Thomas Graggaber experimentieren, hat schon etwas Zwanghaftes. Niemand bringt mehr Skier an den Berg als die beiden, um das perfekte Arbeitsgerät für das Rennen herauszugreifen. Dabei muss er selbst zugeben, dass das Potenzial des Materials längst ausgereizt sei. Um das genauer zu erklären, zieht Hirscher eine Analogie aus dem Automobilrennsport heran. Er schaffe es, 800 PS auf den Boden zu bringen, aber bei 1000 PS sei er überfordert. Es sei zwar möglich, noch schnellere Ski zu bauen, aber das nütze nichts, wenn man sie nicht steuern könne.

An diesem Freitag steht Marcel Hirscher nun im Riesentorlauf im Starthaus. Ganz Österreich erwartet den Sieg von ihm. Manchmal wünscht er sich, dass er nur ein kleiner niederländischer Rennläufer wäre.

© SZ.de/hum

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