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Ski-WM: Lindsey Vonn:"Was Lindsey veranstaltet, ist affig."

Am Tag nach ihrem Sturz beim Weltcup-Finale gewann sie das Super-G-Rennen, bei Olympia holte sie noch Stunden nach ihrem letzten Wehklagen Gold in der Abfahrt. "Theater", das ist das Wort, das man am häufigsten hört, wenn man mit den Leuten bei der Ski-WM über Lindsey Vonn spricht, Athleten, Trainern, Funktionären. Die meisten dieser Leute, die ja einer Welt angehören, in der im Grunde keine Nachnamen existieren, sagen nicht "Lindsey". Sie sagen: "die Vonn".

Siegfried Riesch, der Vater von Maria Riesch, hat am Donnerstag der Abendzeitung ein Interview gegeben, in dem er sagt: "Dieser Zirkus! Was Lindsey da veranstaltet, ist affig." Es folgen ausführliche Beispiele aus der Vita von Lindsey Vonn, die seine Einschätzung unterstreichen, und man kann nun darüber diskutieren, weshalb der Vater von Maria Riesch sich nicht zu schade ist, einer Zeitung ein Interview zu geben, in dem er die Konkurrentin, aber eben auch Freundin seiner Tochter angreift. Aber das ist nicht das Thema. Sondern: Siegfried Riesch hat öffentlich gesagt, was viele seit langer Zeit hinter vorgehaltener Hand und verschlossenen Türen sagen.

Am Donnerstag nun nahm Lindsey Vonn am Abfahrtstraining teil, sie trug nicht ihren Rennanzug, sondern ihre Warm-up-Kleidung, Skihose, Skijacke mit Kapuze, im Ziel hatte sie 11,90 Sekunden Rückstand auf die Führende. Danach gab sie bekannt, die Kombinations-Abfahrt an diesem Freitag als Training für die Sepzial-Abfahrt am Sonntag zu fahren, "aber den Slalom lasse ich zu 80, 90 Prozent aus". Und dann wiederholte sie ihre Kritik an den Pistenbedingungen, "das ist schlecht für den Sport", sagte sie, und: "Ich habe hier absolut keinen Spaß." Ihr Kopf fühle sich an "wie in einem Schraubstock".

Wahrscheinlich ist es auch ihrem Wesen geschuldet, dass Lindsey Vonn so offen und wiederholt über ihre Verletzung spricht, sie ist Amerikanerin, und Amerikaner sind bekannt für ihre Offenheit; das ist jedenfalls die eine Theorie. Die andere Theorie ist die etwas gängigere in der Branche, sie lautet: Ihr Mann, Manager und Trainer Thomas Vonn gibt ihr vor, wie sie öffentlich auftreten sollte. Wer verletzt ist, hat keinen Druck, das ist wohl die Idee, die dahinter steckt.

"Das hat sie gar nicht nötig", das ist auch ein Satz, den man oft hört. In dem Satz steckt viel Wahrheit: Lindsey Vonn ist seit Jahren die beste Skirennfahrerin der Welt, gelegentlich geschlagen nur von Maria Riesch. Sie fährt seit vier Jahren mit dem gleichen Abfahrtsski, dem gleichen Modell, mit dem auch Bode Miller fuhr - Miller und Vonn haben den selben Servicemann. Es gibt nicht viele Frauen, die mit so einem aggressiven Ski überhaupt fahren können, wahrscheinlich keine, außer Lindsey Vonn. Aber auch darum geht es schon lange nicht mehr.

© SZ vom 11.02.2011/jüst
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