Alpine Ski-WM in Cortina:Wackelige Hoffnung in der Blase

Lesezeit: 4 min

Ski alpin: Weltmeisterschaft in Italien

Zu viel Winter im Winter: Die WM-Pisten in Cortina d'Ampezzo müssen am Montag erst einmal vom Schnee befreit werden.

(Foto: Gabriele Facciotti/dpa)

Die alpine Ski-WM in Cortina d'Ampezzo gilt als Symbol des Durchhaltens inmitten der Pandemie - gerade im so schwer von Corona getroffenen Italien. Sie gilt aber auch als Anschubhilfe für weitere Großereignisse.

Von Johannes Knuth, Cortina d'Ampezzo

Die Eröffnungsfeier der 46. alpinen Ski-Weltmeisterschaften wirkte vertraut und fremd zugleich. Sie begann stürmisch, mit dem Geigengewitter aus Vivaldis "Vier Jahreszeiten", gefolgt von sanftem Italo-Pop, alles live intoniert. Ein bisschen Grandezza, so viel wie gerade halt möglich ist. Ohne Athleten, die in ihren Hotels verblieben waren, dafür mit einigen Hundert Gästen, die auf dem Piazzale Stazione vor der Bühne auf Plastikstühlen hockten, unter schwarzen Wolldecken und Regenponchos. Als ein Bläserensemble die Nationalhymne spielte, erhoben sie sich zwar feierlich, sie verzichteten aber aufs Mitschmettern. Schneeflocken legten sich pausenlos über den Piazzale, schön und nass und schwer.

So war auch das Motiv gesetzt, für die kommenden zwei Wochen in Cortina d'Ampezzo. Die werden wohl zwischen diesen Polen pendeln, zwischen schön und schwer, die Frage ist nur, in welche Richtung sie sich am Ende neigen. Die Antwort darauf ist nicht ganz unerheblich: Die WM, die am Sonntagabend im Flockentanz auf dem Bahnhofsplatz anbrach, ist das erste große Wintersportevent seit dem Ausbruch der Pandemie, die erste große Sportlermesse überhaupt in Italien - jener Nation, die vor einem Jahr als erstes westliches Land schwer von Corona getroffen wurde. "Im totalen Desaster dieser Pandemie ist Italien in der Lage, eine außerordentliche Ski-WM zu organisieren", hatte Giovanni Malago, der Chef des Nationalen Olympischen Komitees, zuletzt beteuert. Wobei das erste Rennen, die Kombination der Frauen, am Montag zwar nicht von einem Geigengewitter, dafür von zu viel Schnee verhindert wurde (und jetzt am 15. Februar stattfinden soll). Der Super-G der Männer findet statt am Dienstag nun sogar erst am Donnerstag statt, weil der obere Teil der Piste lawinengefährdet ist; die Frauen tragen ihren Super-G am Dienstag um 13 Uhr aus.

Ansonsten, das hatten alle Honoratioren zuletzt beschwört, werde der Sport in Cortina als "Symbol der "Wiedergeburt" dienen, des Durchhaltens in schweren Zeiten. Soweit die große, wackelige Hoffnung.

Der Weg dorthin war in etwa so gewunden wie die Gassen, die sich durch das verwinkelte Cortina schlängeln, mit seinen 6000 Einwohnern. "Vor fünf Jahren war ich ein wenig besorgt", gestand Gianpietro Ghedina, der Bürgermeister, zuletzt bei einer Pressekonferenz. 95 Millionen Euro habe man insgesamt investiert, sagte der Regierungsbeauftrage Valerio Toniolo damals, für neue Straßen, Gebäude, Trainings- und Rennpisten, 40 Millionen habe der Staat bezuschusst. Über den Rest schwieg sich Toniolo aus. Als die Pandemie im vergangenen Frühjahr heraufgezogen war, fiel in Cortina auch noch das Weltcup-Finale aus, der Stresstest für die WM. Die Organisatoren wollten die Titelkämpfe kurzzeitig sogar in den Winter 2022 verschieben, der planmäßige Termin erschien ihnen als zu unsicher, aber WM und Olympia in einem Winter, das sei völlig unmöglich, polterten Athleten und Funktionäre.

Der Chef-Organisator lud im Herbst noch zu einem üppigen Fest

Und dann fast noch eine tragikomische Wende, kurz vor dem Ziel: Am 20. August fand in Cortina eine Sommerparty statt, Gastgeber war Alessandro Benetton, der Erbe der Modedynastie. Kurz darauf lag ein Gast mit schweren Covid-Symptomen im Krankenhaus, Hunderte von Partygästen ließen sich hektisch testen. Benetton beteuerte, man habe alle Abstandsregeln respektiert, er habe ja auch nur 500 Menschen geladen, weniger als sonst. Das Pikante: Der 56-Jährige ist auch Chef des WM-Komitees von Cortina. Letztlich breitete sich das Virus offenbar nicht nachhaltig aus, die Inzidenz in der Provinz Belluno sackte zuletzt weit unter 100.

Um diesen Status zu wahren, haben die WM-Organisatoren dem Ort eine Blase übergestülpt. Zuschauer kommen keine hinein, was für den Verkehr in der kleinen Stadt vermutlich sogar ein Glücksfall ist; dafür 600 Athleten, Reporter, Mitarbeiter, Helfer, knapp 3000 Gäste für zwei Wochen - weit mehr als bei allen Weltcups bislang. Jeder muss sich vorher zwei Mal und bei der Ankunft noch einmal auf das Virus testen lassen; auch wenn die eine oder andere Zugangskontrolle am Sonntag ohne Testbescheid passierbar war. Die Reporter im Medienzentrum tragen kleine Sensoren, die fiepen, sobald man sich ungebührlich annähert. Zuvor, am Eingang, wartet eine Schleuse, die auch als eine Maschine für Zeitreisen taugen würde, in einer Kammer pufft Dampf hervor, wie künstlicher Nebel auf einer Konzertbühne. Mit welchem Mittel genau man da am ganzen Körper desinfiziert wird, weiß die nette Frau am Empfang leider nicht. "Das ist die Zukunft", sagt sie nur und lacht. Und noch ein Rat: Besser die Augen schließen!

Augen zu und durch?

Gianpietro Ghedina, Cortinas Bürgermeister, pries bei der Eröffnung nochmals die segensreichen Wirkungen der WM: die Impulse für die Wirtschaft, die Infrastruktur, die der Jugend und auch den Winterspielen 2026 zugute käme, die Cortina mit Mailand und Bormio ausrichtet. Was man halt so sagt, wenn man sich den Weltsport in den Ort holt. Viele Effekte werden wohl erst später zu spüren sein, wenn überhaupt. Erst einmal geht es darum, den einschlägigen Kreislauf nicht versiegen zu lassen: Nur mit einer WM fließen die größten Marketing- und TV-Summen, nur mit diesen Zuwendungen können sie alle überleben: Weltverband, Wintersportverbände, Organisatoren.

Und die Gastgeber? Ihnen muss gerade auch die Seele vor Schmerzen brennen. Der Schnee türmt sich derzeit meterhoch auf den Dächern vieler Hotels, die noch geschlossen sind, weil bis zuletzt keine ausländischen Gäste kamen. Und im Ortskern sperren die Läden seit ein paar Tagen zwar wieder auf, die Bars und Restaurants, in denen manche sogar bis 20 Uhr sitzen, oder die Läden mit den Pelzmänteln, die für die nahende Kältewelle vielleicht doch ganz praktisch wären - aber die WM-Gäste sind angehalten, die Einkaufsmeile wenn möglich zu meiden. Am 15. Februar, mitten während der WM, soll der Skitourismus in Italien wieder anlaufen, aber sicher ist das nicht, viele Betriebe und Skischulen fürchten um ihre Existenz. Ein Skilehrer in Cortina erzählte der Nachrichtenagentur AP zuletzt, dass er seine Abgaben für diesen Monat noch entrichten könne, für den nächsten wohl nicht mehr.

Die Zacken der Dolomiten, die rund um Cortina thronen, sind derweil in Schnee verpackt, bald sollen auch die Wolken verschwinden. Schönstes Skiurlaubswetter.

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