Ski-WM Einst Königsdisziplin, heute bestenfalls respektiert

Solistin: Meike Pfister, 23, vom SC Krumbach ist die einzige Starterin des Deutschen Skiverbandes in der WM-Kombination an diesem Freitag.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)
  • Die einstige alpine Königsdiziplin Kombination - also ein Wettbewerb mit Abfahrt und Slalom - ist seit Jahren ein Auslaufmodell.
  • Bei der Ski-WM in Are zeigt sich das auch daran, dass Olympiasieger Marcel Hirscher und Favoritin Mikaela Shiffrin auf einen Start verzichten.
  • Inzwischen wird die Frage diskutiert, ob bei Olympia die Parallelrennen die Kombination ersetzen sollten.
Von Johannes Knuth, Are

Marcel Hirscher wird am kommenden Mittwoch bei der alpinen Ski-WM erwartet, er reist mit dem Privatjet an, so viel steht schon mal fest. Und vielleicht hat der beste Skirennfahrer des bisherigen Winters im Frachtraum ja noch Platz für ein paar Nachsendeanträge: Einige Athleten und Betreuer warteten in Are zuletzt noch immer auf ihre Koffer, die bei den Anreiseturbulenzen zum WM-Start irgendwo an schwedischen Flughäfen stecken geblieben waren. Nur für seinen Rückflug, da plant Hirscher selbst bereits mit ein wenig Übergepäck: Der Österreicher möchte bei der WM zwei Goldmedaillen erstehen, je eine im Riesenslalom und im Slalom binnen fünf Tagen - dann geht es mit dem Flieger schon wieder in die Heimat. Er wolle halt auch Zeit mit seiner jungen Familie verbringen, das hatte Hirscher schon vor der WM höflich ausgerichtet.

Die Österreicher werden den Teamevent, der einen Tag vor Hirschers Einzug in Are stattfindet, also ohne ihr bestes Rennpferd in diesem Winter bestreiten. Der 29-Jährige hätte am Montag sogar noch an der alpinen Kombination mitwirken können, für die hat er sich aber ebenfalls abgemeldet - obwohl er bei den Winterspielen 2018 diesen Wettstreit noch gewonnen hatte; es war damals seine erste olympische Goldmedaille überhaupt gewesen. Das erzählt jedenfalls mal wieder einiges über die einstige Königsdisziplin des Skisports: dass der Olympiasieger und erste Titelanwärter bei der WM sich entschuldigen lässt, wie auch die größte Anwärterin für die Kombination der Frauen an diesem Freitag. Sie wolle sich lieber ganz dem Slalom und Riesenslalom widmen, teilte Mikaela Shiffrin mit, am Dienstag hatte sie schon viel Kraft für den Gewinn des Super-G aufgewendet.

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Die Kombination, dieser traditionsreiche Alpin-Zweikampf aus Abfahrt und Slalom, ist also auch bei dieser Ski-WM das ungeliebte Kind in der Familie. Es wird nicht gemocht, es wird bestenfalls respektiert, wenn es eine Medaille mit nach Hause bringt. Dabei ist es schon seit Jahren ein Auslaufmodell, denn die dafür benötigten Allrounder sind weitgehend ausgestorben. Die Profis erschließen sich lieber einige wenige Kerngeschäfte, weil das Niveau aller Disziplinen steigt und die Reisen auf der immer globaleren Weltcup-Tournee auch nicht kürzer werden.

"Es ist nicht mehr wie früher, als bei diesem Wettbewerb der kompletteste Athlet gekürt wurde", hat Karlheinz Waibel, einst deutscher Cheftrainer, bereits vor sechs Jahren gesagt, "es gewinnen meist die Slalomfahrer, die die Abfahrt halbwegs überleben." Daran hat sich bis heute wenig geändert. In diesem Winter stehen erneut nur zwei Weltcups im Kalender, vor der WM fand eine Männer-Kombination in Wengen statt, die der Frauen in Val d'Isère fiel aus.

Parallelrennen statt der Kombination bei Olympia? Sicher ist nicht mehr allzu viel

Aus dem Programm kippen wollte die Kombination lange aber auch niemand, sie war nun mal olympisch, und wenn eine Disziplin ersatzlos aus dem Olympia-Programm fällt, weiß niemand, ob man diese Planstelle noch einmal zurückbekommt. Diese Gefahr schien zuletzt aber gebannt zu sein: Der Ski-Weltverband Fis wollte die Parallelrennen, die 2018 bereits mit dem Teamevent ins Olympiaprogramm eingezogen waren, 2022 auch mit einem Einzelwettbewerb an den Start bringen. Die Kombination würde dafür herausfallen, dieser Transfer sei so gut wie sicher, das hatte Fis-Generalsekretärin Sarah Lewis erst im vergangenen Oktober wieder gesagt.

Sicher ist mittlerweile freilich nicht mehr allzu viel. Am 13. Februar will der Fis-Rat in Are erneut über die Zukunft der Disziplin diskutieren. Als gesichert gilt bisher nur, dass die Schweizer gerne ihren Kombinations-Standort in Wengen erhalten möchten. Und Gian Franco Kasper, der Fis-Präsident, bekräftige zuletzt: Wenn man die Kombination freiwillig aufgebe, könnte das IOC vielleicht in Versuchung geraten, auch die Abfahrt aus dem Olympiaprogramm zu kegeln - weil es sich nicht lohne, eine lange Piste nur für eine Spezialfahrt zu präparieren.

Wolfgang Maier, der deutsche Alpindirektor, kann beides "überhaupt nicht nachvollziehen". Die Abfahrt müsse als olympische Königsdisziplin schon einen gewissen Artenschutz genießen, und die Wünsche der Schweizer Kollegen seien "Einzelinteressen"; so werde in der Fis mal wieder die Gegenwart verwaltet, statt die Zukunft gestaltet. Der DSV hatte zuletzt vermehrt die Parallel-Formate anstelle der Kombination gefördert - im Glauben, dass letztere ja abgewickelt werden würde. In Are schickt der Verband nur Meike Pfister, Linus Straßer und Dominik Schwaiger ins Rennen. Und dann?

Die Fis hatte die Parallelformate vor ein paar Jahren als Format der Zukunft vorgestellt, zwei Fahrer, ein Duell auf einem kurzen Parcours, das war ein kurzweiliges Modell. Mittlerweile hat der Verband es allerdings geschafft, dieses simple Format mächtig zu verkomplizieren - mal sind die Torabstände größer, mal kleiner, mal zählt ein Rennen für die Weltcup-Wertung der Slalomfahrer, mal für die im Riesenslalom. Aber diese Wirren, so hatte die Fis verlauten lassen, wolle man bis zum kommenden Winter beheben. Und dann wolle man das Parallel-Einzelrennen auch bei der WM 2021 in Cortina uraufführen. Das war zumindest der Stand zum Saisonbeginn.

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