Skiweltverband FisEin Klimawandel der anderen Art

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Nicht immer einer Meinung: Fis-Präsident Johan Eliasch, rechts, und sein neuer CEO Urs Lehmann.
Nicht immer einer Meinung: Fis-Präsident Johan Eliasch, rechts, und sein neuer CEO Urs Lehmann.
Hans Oberlaender/Gepa/Imago
  • Urs Lehmann wechselte im Sommer nach 19 Jahren als Präsident des Schweizer Skiverbands als neuer CEO zum Ski-Weltverband Fis.
  • Lehmann soll die verhärteten Fronten zwischen Fis-Präsident Johan Eliasch und den Nationalverbänden aufbrechen und Brücken bauen.
  • Die Fis hat finanzielle Probleme durch hohe Dividendenausschüttungen und soll durch bessere Vermarktung und Kalendermodifikationen mehr Einnahmen generieren.
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Einst zankten Urs Lehmann und Johan Eliasch öffentlich um Macht und Einfluss. Nun ist Lehmann ins Lager des Fis-Präsidenten gewechselt – und soll die Konflikte in der Wintersportwelt schlichten. Kann das gut gehen?

Von Felix Haselsteiner

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Der Umzug an sich war für Urs Lehmann ein Leichtes. Eine knappe halbe Stunde Autofahrt ist die Zentrale des Schweizer Skiverbands in Bern vom Hauptgebäude des Internationalen Ski- und Snowboardverbandes Fis am Thunersee entfernt. Da braucht es keine komplizierte Logistik, um aus der alten Welt in eine neue Umgebung aufzubrechen. Nichts anderes war dieser Wechsel im Sommer für Lehmann: 19 Jahre lang war er Präsident des Schweizer Skiverbands, der unter seiner Ägide eine finanzielle und sportliche Glanzzeit erlebte. Seit August aber hat Lehmann den See in Thun vor dem Bürofenster, ihm soll von dort aus noch einmal dasselbe Kunststück wie in der Schweiz gelingen, unter komplexeren Bedingungen: Seine Rolle als CEO, als Vorstandsvorsitzender bei der Fis ist, wie Lehmann sagt, eine „Riesenaufgabe“.

Ein „Coup“ wurde Lehmanns Umzug im Sommer in den Medien genannt, vor allem für den Fis-Präsidenten Johan Eliasch. Der hatte sich bis in den vergangenen Dezember hinein zum Teil schwer mit den Nationalverbänden gezankt, auch die Schweizer waren beteiligt – einmal warf die Fis Lehmann sogar öffentlich „unethisches Verhalten“ vor. Doch anders als mit den Österreichern und den US-Amerikanern entwickelte sich zwischen Eliasch und Lehmann ein tieferer Dialog: „Viele stundenlange Gespräche“, habe man geführt, sagt Lehmann der SZ. Mit dem Ergebnis, dass ihm Eliasch einen Posten im Weltverband anbot, den es in dieser Form bislang nicht gab. „Beim CEO ist alles angesiedelt, was den Sport betrifft“, sagt Lehmann. Generalsekretär Michel Vion kümmere sich weiter um generelle Verbandsangelegenheiten, der Präsident sei von nun an vor allem für die großen Linien, die sogenannten Big-Picture-Themen, zuständig. Wohin sich die Fis entwickelt, soll also nicht mehr nur in Eliaschs Händen liegen.

Diese verhärteten Fronten aufzubrechen, sehe ich als eine unserer Hauptaufgaben.
Urs Lehmann

Man konnte das tatsächlich als Coup werten, oder auch als Zugeständnis des Präsidenten im Dauerdiskurs mit den Nationalverbänden – der sich freilich fortsetzt. Da geht es um viel Politik, wie zuletzt bei der vom Internationalen Sportgerichtshof revidierten Entscheidung, Russland und Belarus von allen Fis-Wettbewerben bei den Olympischen Spielen auszuschließen. Es geht auch wieder einmal um die Sicherheit, gerade im alpinen Skisport, wo sich Fis und Nationalverbände die Verantwortung zuschieben. Und es geht ums Geld, „um die Kohle“, wie Lehmann gerne sagt: Bessere Vermarktungswege, mehr Einnahmen, eine Gesundung der offenbar angespannten Finanzlage bei der Fis.

Lehmann verweist im Gespräch auch immer wieder auf sein dringendstes Anliegen: „Diese verhärteten Fronten aufzubrechen, sehe ich als eine unserer Hauptaufgaben: Ich habe viele Verbindungen im Skisport, ich glaube, meine Stärke liegt darin, Brücken zu bauen und Menschen einzubeziehen.“ In der Schweiz ist das dem ehemaligen Abfahrtsweltmeister und erfolgreichen Unternehmer gelungen: „Auch da gab es Befindlichkeiten. Wir haben zwölf Regionalverbände, der Westschweizer, der Französisch spricht, die Italienisch sprechenden Tessiner und die Deutsch-Schweizer. Von daher war die Ausgangslage da ähnlich.“

Einigkeit zwischen allen herzustellen, sei auch im globalen Wintersport extrem schwierig, sagt Lehmann: „Aber wir können es mal umdrehen: Stellen wir uns eben die Frage, ob es die Fis braucht?“ Mit den Vorsitzenden der Landesverbände saß er lang genug am selben Tisch, um zu wissen, dass dort manch einer eine zumindest teilweise Entmachtung des Weltverbands für eine plausible Möglichkeit hält. Lehmann nicht: „Aus meiner Sicht braucht es eine Institution wie die Fis in der Mitte, die glaubwürdig ist und das Vertrauen von allen genießt.“

Um dieses Vertrauen zu gewinnen, will Lehmann mehr und besser kommunizieren. Es ist kein Geheimnis, dass Nationalverbände, Funktionäre und Mitarbeiter es oft so wahrnahmen, dass Eliasch Brücken einreiße statt aufbaue, teils rabiat seine Interessen durchzudrücken versuchte. Allerdings habe er beim Präsidenten einen „Lernprozess“ beobachtet, sagt Lehmann: Eliasch habe verstanden, dass er einen Weltverband nicht wie ein privatwirtschaftliches Unternehmen lenken kann, von oben herab. Zugleich sieht er auch als Fis-Vorstand viel Verbesserungsbedarf bei seinem Weltverband, insbesondere bei den Finanzen: Die Fis hat in den vergangenen Jahren hohe Dividenden an die Verbände ausgeschüttet und damit die eigene finanzielle Gesundheit gefährdet. Kritiker sagen schon seit längerer Zeit hinter vorgehaltener Hand, dass zu viel Geld im Skisportsystem in Reisekosten für Funktionäre abfließe. Lehmann möchte die Details nicht öffentlich besprechen, ist sich aber des Problems bewusst: „Dieses Geld ist für den Sport und die Athleten.“

Die beste Antwort auf Nachfragen zur Finanzierung wäre mehr Wachstum. Dazu will Lehmann den Sport erfolgreicher vermarkten – allerdings ohne den Einfluss von Private-Equity-Firmen wie CVC, die im vergangenen Jahr versuchten, im Skisport einzusteigen. Solche Firmen seien daran interessiert, „nach fünf bis acht Jahren in der Regel einen Exit zu wollen“, sagt Lehmann. Er warnt vor Naivität: „Wenn man auf den konkreten Fall von CVC blickt im vergangenen Jahr, muss man auch die Risiken kennen.“

Lehmann will gleichwohl, wie Eliasch, dass die Fis sich neue Wege erschließt, um das Einkommen zu steigern. „Sollte uns das nicht gelingen, können wir immer noch auf spezialisierte Firmen zugehen.“ Auch der Kalender soll dazu womöglich modifiziert werden, am Anfang und am Ende der Saison: „Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, hinten am Ende der Saison noch eine Woche dranzuhängen? Das gäbe die Möglichkeit für zwei oder drei Rennen mehr bei Männern und Frauen. Dann können wir auch während der Saison besser verteilen und den Druck rausnehmen“, sagt Lehmann.

An Themen mangelt es dem neuen starken Mann im Wintersport nicht, der Schreibtisch am Thuner See ist voll mit To-do-Listen – und Lehmann schreitet mit Tatendrang voran. Das ist selbst vonseiten seiner Kritiker zu hören. Noch immer beäugen viele den Wechsel ins Lager von Eliasch mit Skepsis: Sie fragen sich, wie eigenständig Lehmann wirklich arbeiten kann unter einem Präsidenten, der zumindest in der Vergangenheit nicht dafür bekannt war, Macht und Einfluss zu teilen. Selbst in Unternehmen, bei denen er sich in die zweite Reihe zurückgezogen haben will. Komplett frei von Restzweifeln ob der Statik ist auch der Brückenbauer Lehmann nicht, er sagt offen: „Ob es mir gelingt, kann ich heute nicht sagen.“

Immerhin, so der Tenor im Hintergrund, habe Lehmann die Fis-Zentrale in seinen ersten Monaten womöglich häufiger von innen gesehen als Präsident Eliasch während seiner Amtszeit seit 2021. Da hat jemand offenbar eine Agenda abzuarbeiten.

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