Der Long Luis ist der Hoffnungsträger der Nachteulen des Grödener Tals. Der Drink lauert in der Kneipe Luislkeller im Ortsteil Wolkenstein, eine Mixtur aus Kräuterschnaps und Limonade. Mit Vorsicht zu genießen, der Long Luis, aber wer diesen Après-Ski-Laden am Ende aller Skiliftzeiten betritt, hat Vernunft weniger im Sinn. Dann heißt es „Voigas“, wie sie in Südtirol sagen. Oder wie man es im Luislkeller ausdrücken würde: Heast, bringst ma no an Long Luis!
Gröden ist weniger für seine Partyschuppen bekannt, mehr für die piekfeinen Hotels. In so einem sitzt nun der leibhaftige lange Luis, der mit dem Getränk nichts zu tun hat: Skirennläufer Luis Vogt ist aus Anlass der Weltcuprennen gekommen, ein zwei Meter großer Schrank samt einem Kreuz, dass er als Türsteher vor dem Luislkeller stehen könnte. Voigt allerdings zieht es vor, über Abfahrtspisten zu rasen. Nun, da er endlich wieder Ski fahren kann. Denn just seine Schultern, so breit sie auch sein mögen, zeigten sich verletzlich.

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Das Team der deutschen Abfahrer hat komplizierte Zeiten hinter sich – und vor sich. Nach den Abtritten der langjährigen Erfolgsgaranten Thomas Dreßen und Josef Ferstl ist eine Lücke entstanden, die zuletzt niemand zu füllen vermochte – auch weil die potenziellen Nachfolger von Malaisen heimgesucht wurden. Vogt, 23, verletzte sich beim Training in Chile an der Schulter, Simon Jocher, 29, klagte lange über Probleme an der Ferse, ehe ihn eine Bandscheibenoperation außer Gefecht setzte. Und ob Andreas Sander, 36, nach einer Stoffwechselerkrankung überhaupt je wieder alpine Rennen bestreitet, ist ungewiss. Der Grödener Saslong-Piste wird zwar nachgesagt, für DSV-Läufer traditionell gutes Terrain zu sein, diesmal empfahl sich aber, es mit Gotthold Ephraim Lessing halten: „Beide schaden sich selbst: der zu viel verspricht, und der zu viel erwartet.“
Am 9. März hatte Vogt sein letztes Rennen bestritten, nun kam es zu seiner Rückkehr. Mit der hohen Startnummer 41 ging er in diese erste Abfahrt von Gröden, ein verkürztes Rennen. Und Vogt drückte die berüchtigten Kamelbuckel weg wie Watte, ehe er sauber über die komplizierte Ciaslatpassage glitt. Platz 21 beim Sieg des Schweizers Marco Odermatt; Vogt kam als zweitbester Fahrer des Deutschen Skiverbands (DSV) ins Ziel, vier Hundertstelsekunden hinter Teamkollege Romed Baumann, der 19. wurde. „Ich bin happy über den Luis, weil ich mir da manchmal wirklich Sorgen gemacht habe, wenn der pusht, dass das schiefgeht“, bescheinigte ihm sein Trainer Christian Schwaiger später. Ein klassischer Long Luis.
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Da war zu erkennen, warum Luis Vogt höchstselbst zum Hoffnungsträger des einst so triumphalen deutschen Männer-Speedteams avanciert, trotz der Schulternarbe. „Das sah schon übel aus“, wird Vogt später selbst in der Hotellobby berichten. Nach seinem Sturz beim Sommertraining in Chile hatte es den Anschein, als würde der 23-Jährige länger auf das Skifahren verzichten müssen, nun wirkte sein Schwung trotz erheblichen Trainingsrückstands sattelfest. Das Anschieben am Start und Liegestützen „fühlen sich nach wie vor ein bisschen komisch an“, erklärt er. „Ich habe noch nicht die volle Kraft zurück, aber ich habe keine Schmerzen.“
Verglichen mit den Erfolgsjahren ist das DSV-Abfahrerteam kaum mehr wiederzuerkennen. Platz sieben von Romed Baumann in Gröden stand im vergangenen Winter als bestes Ergebnis zu Buche, an große Siege wie einst von Dreßen und Ferstl in Kitzbühel war zuletzt nicht zu denken. Neu im Team ist Felix Rösle, 20, der aktuelle Juniorenweltmeister in der Abfahrt – der bei seinem Debüt am Donnerstag als 50. solide ins Ziel kam. Maximilian Schwarz, 23, tat sich deutlich schwerer, er wurde 59. Der 19-jährige Benno Brandis ist auch ein Kandidat für Weltcupauftritte. Dahinter wird es dünn.
Christian Schwaiger griff bei einem Treffen vor dem Super-G am Freitag dann auch mehr zu einer Mixtur aus Realismus und Resilienz. Mit Blick auf den Nachwuchs müsse er „sehr pessimistisch“ sein, das lasse sich schon jetzt im A-Kader der deutschen Skirennläuferschaft erkennen. Mit Ausnahme von Lena Dürr, Kira Weidle und Linus Straßer, alle im fortgeschrittenen Profialter, fehle es an Weltklasseathleten. Emma Aicher dürfe man sich nicht ans eigene Revers heften, „die Emma ist in unser System gewandert“, sagt Schwaiger; zur Rennläuferin ausgebildet wurde die 22-Jährige in Schweden. Der DSV habe seinen Beitrag geleistet, aber nicht die entscheidende Grundausbildung. „Es fehlt uns an der Breite und an der Spitze“, sagt Schwaiger. „Bei den Herren, aber auch bei den Damen.“
Die Suche nach Gründen führt auch zur Klimaerwärmung, die einstigen deutschen Skibergen zu ganzjähriger Schneearmut verholfen hat. Vor 20 Jahren gehörten Skilager etwa im Freistaat noch zur Schülerkarriere wie das Kruzifix im Klassenraum. Inzwischen wird darüber kontrovers diskutiert, wie vom Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband BLLV zu erfahren ist. Bei Schülern, Eltern und Lehrern gebe es seit zwei Jahren zunehmend Widerstände. Nachhaltigkeitsaspekte würden angeführt, viele Landschulheime hätten Alternativangebote. Der Weg zu den Gletschern hinter der Grenze sei für viel Schulen zu weit.
Zumindest auf den Kamelbuckeln liegt noch genügend Schnee für eine seriöse Weltcupabfahrt. Simon Jocher war seine Verletzungspause an beiden Tagen noch anzumerken, er wurde 41. in der Abfahrt und 29. im Super-G, der lange Luis Vogt reihte sich am Freitag auf Rang 44 ein. Überraschungssieger war da tatsächlich ein Mann, der beim deutschen Team mittrainiert: Jan Zabystran kommt aus Tschechien. Als Tagesbester im DSV-Rennanzug kam abermals Baumann auf Rang 17 ins Ziel, ein 39-Jähriger, der aus Österreich stammt. Noch ein letzter Kurzschwung zu Lessing: „Nur die Sache ist verloren, die man selbst aufgibt.“

