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Ski:Unter Brüdern

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"Es war lange nicht klar, ob ich überhaupt wieder in den Leistungssport zurückkehre." - Manuel Schmid.

(Foto: Wolfgang Grebien/imago)

Der Allgäuer Manuel Schmid zahlt nach langer Verletzungspause das Vertrauen des Verbands zurück. Er profitiert dabei auch vom Aufschwung seiner deutschen Abfahrts-Teamkollegen.

Von Johannes Knuth

Der Familienname Schmid ist im Allgäu ungefähr so gebräuchlich wie der Nachname Wang in China, und aus aktuellem Anlass lohnt es sich in diesen Tagen, die Stammbäume der Schmids noch einmal genauer zu erforschen. Der Skirennfahrer Manuel Schmid vom SC Fischen zum Beispiel ist eng verwandt mit Alexander Schmid (ebenfalls SC Fischen, jüngerer Bruder von Manuel). Die beiden Schmids aus Fischen sind aber in keiner Weise verwandt oder verschwägert mit dem Skirennfahrer Philipp Schmid vom SC Oberstaufen. Der wiederum ist nicht zu verwechseln mit Stephan Schmid, seinem Zwillingsbruder, der mittlerweile die alpinen Weltcup-Techniker des Deutschen Skiverbands betreut. Dort trifft Stephan Schmid derzeit oft auf den Riesenslalomexperten Alexander Schmid, den Bruder von Manuel. Alles klar?

Man wird sich die Namen wohl merken müssen, es hilft ja nichts, vor allem die der Brüder aus Fischen: Alexander, 23, und Manuel, 24. Alexander schob sich im Dezember im Riesenslalom von Val d'Isère überraschend auf Platz sechs, es war sein achter Start im Weltcup überhaupt, bei den sieben davor hatte er es nie in den zweiten Durchgang der besten 30 geschafft. Er erfüllte damit auch die Norm für die Winterspiele im Februar in Südkorea, und für Manuel, den älteren Bruder, bedeutete das: "Jetzt muss ich nachziehen. Hilft ja nichts." Das war eigentlich ein Scherz, Manuels Start bei der Abfahrt in Gröden Mitte Dezember war sein erster Einsatz im Weltcup, und Neulinge starten mit hohen Startnummern auf zerfurchten Pisten. "Ich habe eigentlich gar nichts erwartet", sagte Manuel Schmid nach dem Rennen. Aber wie das mit niedrigen Erwartungen so ist: Schmid wurde 16., hospitierte in der Weltspitze, wie der Bruder. Weshalb es sich also lohnt, die Schmids für diesen Olympiawinter im Gedächtnis zu behalten.

Nicht alle Fahrer behalten über so lange Zeit ihre Förderung

"Es war ein langer Kampf", sagt Manuel Schmid, wenn er in diesen Tagen über seinen Weg dorthin spricht, "es war lange nicht klar, ob ich überhaupt wieder in den Leistungssport zurückkehre." Aber wenn seine Gedanken in den vergangenen Jahren schwer wurden, dachte er sich: So ein frühes Ende, das kann es ja auch nicht sein.

Schmid war bis 2013 in den Europacup aufgestiegen, in die zweite Liga des Skisports, er war früh ein guter Abfahrer. Aber die schnellen Disziplinen auf den Eisautobahnen rütteln auch sehr früh mächtig am Körper. Schmid litt damals an einem Patellaspitzensyndrom, die Sehne im linken Knie war ständig entzündet, bei einem Training in Sölden riss sie ab - bei einem einfachen Schwung. Schmid brauchte zweieinhalb Jahre, ehe er sich wieder ins Renngeschehen tastete. "Ist eine lange Zeit. Aber ich wusste, dass ich schnell sein kann. Deshalb wollte ich so auch nicht aufhören."

Nicht alle Fahrer behalten über diese lange Zeit ihre Zuwendungen, schon gar nicht im Nachwuchs. "Aber ich wurde immer weiter gefördert, da muss ich dem Skiverband auch mal danken", sagt Schmid. Auch die Familie spannte ein Netz, Maren Wiesler, seine Freundin und Weltcupfahrerin, sein jüngerer Bruder natürlich, sie profitierten oft voneinander. Weniger beim Fachlichen, weil Alexander den Riesenslalom bevorzugt, aber mental. Als Manuel verletzt war, half er auch oft dem Bruder, so liebevoll, wie es nur ältere Brüder können: "Hey, du kannst Ski fahren, ich nicht", sagte er zu Alexander, "jetzt reiß dich halt zusammen!" Es ist immer wieder erstaunlich, wie unterschiedlich Geschwister sich entwickeln - Manuel wirkt unbekümmert, anpackend, Alexander ruhig, er wiegt jede Frage ab, wie ein Forscher, der jeden Zentimeter eines unerforschten Kontinents erkundet. Sie schaukelten sich vielleicht auch deswegen immer wieder hoch, auch Alexander überstand ein paar Verletzungen, Manuel fand über den Europacup zurück. Er brach sich im vergangenen September zwar den Schienbeinkopf, ließ sich am Meniskus operieren. In Gröden entließen ihn die Trainer dann aber in den Weltcup. Endlich. "Sie haben viel Vertrauen in mich gesetzt", sagt Schmid. "Jetzt kann ich es vielleicht zurückzahlen."

Schmid profitiert freilich auch vom Aufschwung der "drei Aushängeschilder" in der Abfahrt, wie er seine Teamkollegen nennt, Andreas Sander, Thomas Dreßen und Josef Ferstl, der in Gröden den Super-G gewann. "Wenn man im Training einigermaßen mithalten kann und weiß, dass die ganz vorne mitfahren, dann pusht das natürlich ganz brutal", sagt Schmid. "Wir haben auch sonst eine Gaudi unterwegs, das ist, glaube ich, sehr wichtig in einem Team. Dass man sich gegenseitig pushen kann und sich miteinander freut." Wie davor, mit seinem Bruder halt. Mathias Berthold, seit knapp vier Jahren deutscher Cheftrainer und maßgeblich verantwortlich für diesen Aufschwung, assistiert: "Wir haben uns das alle miteinander erarbeitet." Und jetzt?

Zwei Mal müsste Manuel sich im Weltcup unter den besten 15 einfinden, dann hätte auch er die deutsche Olympianorm geschafft. "Ein Traum" sei das, "aber kein Ziel. Das kommt von alleine, wenn das Skifahren passt." Im Abfahrtssport sind viele Jahre und Pistenbesuche notwendig, die Erfahrung ist der wichtigste Rohstoff, Schmid steht noch recht weit am Anfang. In Bormio, Ende Dezember, wurde er 31., als nächstes warten die beinharten Prüfungen in Wengen und Kitzbühel. Andererseits sagt Berthold, der noch lange und möglichst bis zum Ende seiner Trainerkarriere beim DSV bleiben will: "Wir wollen alle Leute in diese Richtung kriegen, dass sie in die Top drei fahren können." Auch Manuel und alle anderen Schmids, aus dem Allgäu und überhaupt.

© SZ vom 02.01.2018
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