Drama um Domen PrevcDie verlorenen Ski erreichen die höchste politische Bühne

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Der TV-Moment, als Marius Lindvik von zwei herrenlosen Skiern überrascht wurde – und der Norweger sich am Balken festhielt, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
Der TV-Moment, als Marius Lindvik von zwei herrenlosen Skiern überrascht wurde – und der Norweger sich am Balken festhielt, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Screenshot: ARD
  • Bei der Skiflug-WM in Oberstdorf sausten die herrenlosen Ski von Domen Prevc die Schanze hinunter und gefährdeten andere Springer.
  • Prevc verpasste wegen der entlaufenen Ski seinen ersten Sprung im Teamwettbewerb, Slowenien verlor alle Medaillenchancen und wurde Sechster.
  • Slowenien protestiert gegen die Entscheidung und behauptet, ein Helfer mit Regenschirm habe die Ski umgestoßen, nicht Prevc selbst.
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Ein paar herrenlose Ski, die die WM-Flugschanze in Oberstdorf hinuntersausen – und ein doppelter Protest: Sloweniens Skispringer um Domen Prevc haben bei den Titelkämpfen im Stillachtal Geschichte geschrieben.

Von Sebastian Winter, Oberstdorf

Es war die Szene dieser Skiflug-Weltmeisterschaften in Oberstdorf und wohl das Bild, das von den Königen der Lüfte bleiben wird in dieser Saison, auch wenn das größte Ereignis, die Olympischen Winterspiele, noch gar nicht begonnen hat. Als der Norweger Marius Lindvik am späten Sonntagnachmittag als vierter Springer seiner Nation im Teamwettbewerb auf dem Balken saß, im dichten Schneetreiben, da schossen plötzlich von hinten zwei herrenlose Ski auf ihn zu. Einer prallte quer gegen seine Bindung und trudelte dann unkontrolliert die Anlaufspur hinunter, der andere fuhr rechts an ihm vorbei, pfeilschnell Richtung Schanzentisch. Er hob ab, flog 40, 50 Meter weit, wie einst der Brite Eddie the Eagle, und hielt erst unten im Auslauf wieder an. Auch der zweite Ski sauste hinunter, wenn auch weniger spektakulär.

Neben Lindvik, der beim Aufprall von hinten fast das Gleichgewicht im Sitzen verloren hätte und sich erschrocken am Balken festhielt, fragten sich 10 500 Besucher im Stadion an der Heini-Klopfer-Schanze und fast 3,6 Millionen Zuschauer allein in der ARD: Was zur Hölle war das denn? Und, vor allem: Von wem sind die Ski?

Kuriose Szene bei der Skiflug-WM
:Der Weltmeister im Skifliegen lässt seine Ski fliegen

Der Slowene Domen Prevc verliert im Team-Wettbewerb in Oberstdorf seine Ski, bevor er vom Balken startet. Das Sportgerät schießt die Schanze herunter und landet auf dem Aufsprunghügel. Die Schusseligkeit kostet Slowenien Gold.

Von Sebastian Winter

Schrittweise löste sich das Rätsel auf, mit einer kaum fassbaren Pointe: Es waren die Bretter von Domen Prevc, der am Vortag erstmals Skiflugweltmeister im Einzel und vor drei Wochen Sieger der Vierschanzentournee geworden war. Vom Slowenen, der in diesem Winter allen davongesegelt ist. Prevc hatte seine Ski offenbar an einer Plane des Raumes abgestellt, in dem die Anzugkontrolle vor dem Sprung stattfindet. Die Plane war nass vom Schnee, die Ski kippten um und fuhren ohne Prevc los. So jedenfalls lautet die eine Version der Geschichte.

Eilig sammelten Helfer die Ski wieder ein, Teammitglieder der Slowenen brachten sie im Vollsprint und per Aufzug zurück zum Start und übergaben sie Prevc. Er wollte mit ihnen zum Balken – doch zu spät, der Kontrolleur winkte ab. Der Durchgang war beendet, Prevc hatte sein Zeitlimit überschritten. „Did not start“, heißt es im Regelwerk, „nicht angetreten“. Egal, ob ein Springer wegen Durchfall oder Kopfschmerz kurzfristig nicht springen kann, ob er seine Startnummer vergessen hat (wie es Ryoyu Kobayashi einst passierte) oder, das ist neu, weil seine Ski allein die Schanze hinuntergesaust sind.

Fliegende Ski? „Es war absolut gefährlich“, sagt Jürgen Winkler, einer der Material-Chefkontrolleure

Die sportlichen Folgen waren bitter für den Favoriten Slowenien, der 2022 und 2024 – mit Domen Prevc – den Teamwettkampf gewonnen hatte: Prevc’ erster Sprung wurde nicht gewertet, Slowenien verlor alle Chancen auf Gold oder überhaupt eine Medaille. Die Gedemütigten legten Protest ein, der aber von der Rennleitung um Sandro Pertile abgewiesen wurde. Das Regelwerk ist darin klar: Jeder Athlet ist für sein Equipment selbst verantwortlich, in Prevc’ Fall heißt das also: Eigenverschulden.

Genervter Blick nach oben: Domen Prevc.
Genervter Blick nach oben: Domen Prevc. Memmler/Eibner/Imago

Dann wurde es noch skurriler: Das Team um Prevc wollte im zweiten Durchgang gar nicht mehr antreten, was ihr erster Springer Timi Zajc aber nicht mitbekommen hatte. Der Slowene saß schon auf dem Balken, er verließ ihn dann, um ein paar Minuten später doch wieder dort zu sitzen – die Titelverteidiger hatten sich entschlossen, den Wettkampf doch weiterzuführen. So jedenfalls erzählt es Jürgen Winkler, einer der Material-Chefkontrolleure, am Montag am Telefon.

Am Ende landete Slowenien auf Platz sechs. Japan, der große Nutznießer, krönte sich zum ersten Mal in der Skifluggeschichte zum Teamweltmeister, knapp vor Österreich und Norwegen, die Deutschen wurden enttäuschte Vierte. Immerhin: Es gab keine Verletzten zu beklagen. Die Ski hätten auch die Helfer mit den Laubbläsern am Rande der Anlaufspur treffen oder unkontrolliert in den Zuschauerbereich fliegen können. „Es war absolut gefährlich. Wenn die Ski mit 70, 80 km/h da runterfahren, dann will man sie nicht an den Kopf bekommen“, sagt Winkler.

Die Geschichte ist hier aber nicht zu Ende, sie beginnt erst so richtig. Denn der slowenische Skiverband SAS kündigte am späten Montagnachmittag an, am Dienstag einen weiteren Protest bei der Fis einzureichen. Und zwar wegen „ernsthafter Bedenken hinsichtlich der Gleichheit der Bedingungen, der Konsistenz in der Anwendung der Regeln und der Transparenz der Entscheidungsfindung“, wie der Verband mitteilte. „Was oben auf der Schanze passiert ist, ist nicht im Sinne des Skispringens. Es muss sich etwas ändern“, hatte Sportdirektor Gorazd Pogorelcnik bereits am Sonntagabend im slowenischen Fernsehen gesagt. Auf SZ-Anfrage bestätigte ein Sprecher der Slowenen, dass ein Schreiben eines Zeugen, der die Szene mit den umfallenden Ski angeblich gesehen habe, zusammen mit der offiziellen Beschwerde an die Fis gesandt werde. Es gehe um: Fairplay.

Am WM-Ergebnis dürfte der Protest kaum mehr rütteln, aber Pogorelcnik erhofft sich durch die Diskussion mehr Kameras im Absprungbereich, um der Jury bei künftigen Fällen zu helfen. Denn am Montag war weiterhin die große Frage: Warum haben sich Prevc’ Ski selbständig gemacht? Und damit zur zweiten Version der Geschichte, mit der das slowenische Team seinen Protest begründen will. Demnach habe sich, wie Pogorelcnik es schilderte, ein freiwilliger Helfer mit einem, Achtung, Regenschirm im Schneetreiben umgedreht und die Ski berührt, die umfielen und sich Richtung Stillachtal aufmachten.

Der Slowene Prevc entschuldigte sich für das Chaos, das seine Ski angerichtet hatten

Es gibt aber bislang keine Videos, keine Bilder, nur den angeblichen Zeugen, den Slowenien auffährt. Möglich, dass hier bis in alle Ewigkeit Aussage gegen Aussage stehen wird. Und, um mit einem Missverständnis aufzuräumen, das durch die Medien geisterte: Es war auch kein klassisches Zelt, an dem die Ski lehnten. „Es ist eine Kontrollbox aus Holz oder Metall, die etwa eine Fläche von einem Meter mal 1,20 Meter hat. Manchmal ist sie mit einer Plane bespannt, wie in Oberstdorf“, sagt Chefkontrolleur Winkler, der beim Wettkampf die Nachkontrolle unten am Auslauf durchführte.

Sein Kollege Hubert Mathis, ein Schweizer, führte oben in der Box, die Winkler zufolge „fünf, sechs Meter oberhalb des Balkens auf den Stiegen steht“, die Anzugkontrolle durch. „Auch Hubert hat nichts gesehen“, sagt Winkler. Auch nicht, dass womöglich ein Helfer mit Regenschirm die Ski umgestoßen habe. Es könne natürlich sein, dass die Box, die kein starres Gebilde ist, gewackelt und die Ski zum Rutschen gebracht habe. Normalerweise stellen Springer ihre Ski in eine Halterung oder übergeben sie einem Helfer, der sie während der Kontrolle hält. Sicher ist nur: „Die Ski waren von außen an die Box gelehnt. Was ich dazu sagen kann: Das ist keine gute Idee“, sagt Winkler.

Es bleibt Eigenverschulden. Prevc hat schlichtweg seine Ski aus dem Blick verloren. Winkler berichtet, dass Prevc mit ihm selbst unten bei der Kontrolle nach dem zweiten Sprung sehr ruhig und fair umgegangen sei. „Er hat sich entschuldigt, dass so ein Chaos angerichtet wurde“, sagt Winkler.

Dennoch hat die Geschichte vom Skiflieger, der seine Ski fliegen ließ, in Slowenien die höchste politische Bühne erreicht. Staatspräsidentin Natasa Pirc Musar äußerte sich auf Instagram: „Das heutige Ergebnis habt ihr nicht verdient, leider gewinnt im Sport nicht immer Fairplay. Slowenien ist stolz auf euch, und die slowenischen Flaggen werden bei euren Sprüngen bis zum Ende der Saison und darüber hinaus hoch wehen.“ Es hilft nichts: Um das Bild vom verlorenen Ski zumindest ansatzweise zu verdrängen, benötigen Slowenien und vor allem Prevc nun Olympia-Gold.

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