Viele interessierte Beobachter des Skisports verbrachten den Mittwoch damit, auf einen Bildschirm zu starren. Die Internetseite des Weltverbands Fis war an diesem unscheinbaren Tag, einen Monat nach Ende der Rennsaison, von großem Interesse. Allerdings nicht wegen der von der hauseigenen Medienabteilung produzierten neuen Folge der „Fis Snow Stories“ (diesmal über einen jungen bosnischen Skifahrer). Sondern wegen der offiziellen Information, auf die die interessierten Beobachter seit einer Woche warten: Wer steht auf der finalen Kandidatenliste für die Wahlen zum Fis-Präsidenten am 11. Juni?
Es dauerte bis in die Abendstunden, dann veröffentlichte die Fis die Liste mit fünf Namen: Für die Wahl zum mächtigsten Menschen im Wintersport treten Alexander Ospelt aus Liechtenstein an, Anna Harboe Falkenberg aus Dänemark, Dexter Paine aus den USA, Victoria Gosling aus Großbritannien – und Johan Eliasch aus Georgien.
Moment mal: Johan Eliasch aus … Georgien?
Spektakulär ist diese Veröffentlichung primär aufgrund dieser Detailinformation. Der aktuelle Präsident der Fis, das ist ja schon seit 2021 jener Johan Eliasch, 64, gebürtiger Schwede, zudem Inhaber eines Passes aus Großbritannien, dem Land, in dem er die meiste Zeit seines Geschäfts- und Politiklebens verbracht hat. Und als dessen Vertreter er sich auch 2021 und erneut 2022 zum Fis-Präsidenten wählen ließ. Das ist der traditionelle, in den Statuten festgeschriebene Prozess bei der Fis: Ein Kandidat tritt immer als Vertreter eines Nationalverbandes an, der ihn nominieren muss.
Nun lautet die Frage: Hatte Eliasch zum Zeitpunkt des 11. oder 12. April bereits einen georgischen Pass?
Artikel 10.10. der Satzung ist eindeutig formuliert: Wer sich für das Amt des Präsidenten bewirbt „muss spätestens 60 Tage vor dem Wahlkongress von einem Mitgliedsverband vorgeschlagen werden“. Und: „Die Kandidaten müssen einen gültigen Pass besitzen mit der Nationalität jener Mitgliedsvereinigung, die sie nominiert.“ 2021 und 2022 erfüllte Eliasch all diese Kriterien, er wurde in den vergangenen vier Jahren routiniert als britisch-schwedischer Fis-Präsident vorgestellt. Nun aber ist er plötzlich ein georgischer Kandidat für den Posten. Eine Geschichte, die abermals von Eliaschs höchst eigenem Verständnis für die Regeln seines Verbandes zeugt.
Die waren eigentlich klar: Bis zum 12. April mussten die Kandidaten ihre Unterlagen bei einem entsprechenden Komitee einreichen, um sich in der Folge einem ersten Überprüfungsprozess zu stellen. Aber verlief dieser Prozess ordnungsgemäß? Hatte Eliasch am 12. April bereits einen georgischen Pass? Und falls das nicht der Fall sein sollte: Ist er überhaupt ein legitimer Kandidat für die Wiederwahl?
Letzteres fragen sich nach SZ-Informationen diverse Vertreter jener Nationalverbände, die zunehmend offen gegen Eliasch aufbegehren. Sie halten ihm eine Reihe von Vorwürfen entgegen, die von Fragen zur finanziellen Gesundheit des Verbandes bis zu Interessenkonflikten aufgrund seiner Doppelrolle als Präsident der Fis und Mehrheitseigner des Skiherstellers Head reichen. Vorwürfe hat Eliasch stets zurückgewiesen; unter anderem hat er auch stets auf die unter seiner Führung „gut kapitalisierte“ Fis verwiesen. Daran bestehen innerhalb des Führungsgremiums, des sogenannten Fis-Council, allerdings längst erhebliche Zweifel.
In Bezug auf seinen offenbar neuen georgischen Pass ist die Vermutung im Hintergrund, dass Eliasch die Regeln womöglich nicht eingehalten haben könnte. Neben dem britischen hatte auch der schwedische Verband nach SZ-Informationen bereits vor einigen Wochen beschlossen, andere Kandidaten zu nominieren, etwa Victoria Gosling, die Vorständin des britischen Verbandes. Eliasch soll die vergangenen Tage und Wochen jedenfalls damit verbracht haben, nach einem Nationalverband zu suchen, der ihn nominieren würde. Er selbst oder die Fis hatten sich dazu auf SZ-Anfrage nicht konkret äußern wollen. Nach übereinstimmenden Medienberichten war Armenien in den vergangenen Tagen ein ernsthafter Kandidat gewesen, am Ende wurde es Georgien.
Ein Vorgang, den der Präsident auf Anfrage nicht ausführlich erklären möchte. Ein Fis-Sprecher richtet nur aus: „Alle Kandidaten auf der veröffentlichten Liste erfüllen die in den Fis-Statuten festgelegten Kriterien.“ Dazu gehöre „unter anderem, dass sie im Besitz eines gültigen Reisepasses ihres jeweiligen nominierenden Mitgliedsverbandes sind“.
Verdächtig sei der Vorgang trotzdem, heißt es aus dem Lager der Eliasch-Kritiker. Noch am Mittwochabend hatten sie dem Vernehmen nach Anfragen an die Fis gestellt, versehen mit einem klaren Hinweis: dass bei vergangenen Präsidentschaftswahlen der Pass und alle anderen Dokumente der Kandidaten dem Council offengelegt worden seien.
Extern einsehbar sind auf der Fis-Website aber bisher nur die Präsentationen, die die Kandidatinnen und Kandidaten zur Verfügung gestellt haben. 42 Seiten finden sich dort unter dem Namen Johan Eliasch; es geht ausführlich um die angebliche Erfolgsgeschichte seiner vierjährigen Präsidentschaft. Das Land Georgien oder Eliaschs Bezug zu seinem neuen Nationalverband findet auf keiner der 42 Seiten Erwähnung.


