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Ski alpin:Ein Team für funkelnde Momente

FIS World Ski Championships - Women's Downhill

Schöne Aussichten: Vor WM-Silbergewinnerin Kira Weidle, 25, liegt eine vielversprechende Zukunft.

(Foto: Alexis Boichard/Getty)

Die deutschen Alpinen ziehen eine positive Saisonbilanz: vor allem dank der WM-Erfolge. Allerdings geben nicht alle Entwicklungen Anlass zur Freude.

Von Johannes Knuth

Wer fand, dass der zurückliegende Alpinwinter ein bisschen zu harmonisch verlaufen sei, wurde in den vergangenen Tagen in Lenzerheide noch mal entschädigt. Schneefall und Nebel fegten die Abfahrten und Super-G aus dem Programm. Die Schweizer Marco Odermatt und Lara Gut-Behrami, denen so die Chancen im Kampf um die Gesamtwertung entglitten, haderten. Reto Nydegger, der Schweizer Abfahrtstrainer, machte auch die Ausrichter für die Ausfälle haftbar, die mit der Präparierung der Piste zu spät angefangen hätten - die Angeklagten wiesen das zurück. Später entschuldigte sich sogar der Schweizer Verband für Nydeggers Wortmeldung. Während des Teamevents streikten dann die österreichischen Ski-Ausrüster: Sie protestierten dagegen, dass der Ski-Weltverband Fis sie ungebührlich behandele, ihnen etwa minderwertige Unterkünfte bereitstelle. Die Fis ließ die inhaltliche Kritik unkommentiert. Und sonst so?

Die deutschen Alpinen verhielten sich bei all dem recht unauffällig, man konnte das auch als Ausweis jener Disziplin werten, mit der sie sich schon durch diesen komplizierten Pandemiewinter manövriert hatten. Sie nahmen die Speed-Absagen hin - wer seine Ziele schon erreicht hat, blickt ja durch gütigere Augen -, und auch ihre letzten Auftritte, die nicht alle berauschend ausfielen, jagten ihnen keine gewaltigen Sorgen ein: Die besten Erträge in Lenzerheide waren Rang zwei im Teamevent, Platz zehn von Stefan Luitz im Riesenslalom und Rang neun von Linus Straßer im Slalom. Trotzdem, befand Wolfgang Maier, der Alpindirektor im Deutschen Skiverband, könne man "auf eine positive Saison zurückblicken". Wobei es sich auch nicht so verhält, dass sie im DSV jetzt völlig berauscht in den kommenden Olympiawinter ziehen, im Gegenteil.

Ein Sieg, fünf Podiumsbesuche, 28 Einträge in den besten Zehn: So sparsam waren die deutschen Alpinen zuletzt 2006 in der Weltcup-Spitze vertreten. Das wurde nun allerdings von vielen funkelnden Momenten verdeckt, für die vor allem ein Ressort zuständig war, dem nicht viele vor einigen Jahren einen solchen Auftrag hätten zukommen lassen: die Speed-Gruppe der Männer. Die wurde erst von Christian Schwaiger und seit zwei Jahren von Andreas Evers aufgepäppelt, begleitet von dem hübschen Leitgedanken: Wer dem anderen hilft, hilft auch sich selbst. Andreas Sander und Romed Baumann gewann bei der WM jeweils Silber in der Abfahrt und im Super-G; Dominik Schwaiger und Simon Jocher, 24, stellten sich immer wieder in der Weltspitze vor, Jocher verzierte sein WM-Debüt sogar mit Platz fünf in der Kombination. Auch die Technik-Experten ließen Symptome der Besserung erkennen: Linus Straßer gewann in Zagreb seinen ersten Slalom-Weltcup, Alexander Schmid wurde Dritter im Parallel-Event in Lech/Zürs - wobei Schmid im Riesenslalom einige Chancen vergab, vor allem bei der WM, als er im Finale auf dem Medaillenpfad unterwegs war - und ausschied.

Die Trainingsverbote im Nachwuchs hält der Sportvorstand für "weder nachvollziehbar noch akzeptabel"

Bei den Frauen gab Kira Weidle, phasenweise die Alleinunterhalterin, mit starken Abfahrtsleistungen und WM-Silber. Wie groß die Ansprüche der 25-Jährigen längst sind, bewies ihr Saisonfazit: Sie sei "soweit ganz zufrieden", sagte sie - der erste Sieg bei den Erwachsenen fehlt halt noch im Briefkopf. Ansonsten flackerten nur selten Hoffnungsschimmer auf, Lena Dürr überzeugte mit vierten und fünften Rängen in Are sowie Platz sechs im Weltcup-Ranking, Andrea Filser und Emma Aicher, 17, gewannen WM-Bronze mit dem Team. Ansonsten hatten viele Krankmeldungen die ohnehin schmale Belegschaft ausgedünnt, auch im Nachwuchs. Cheftrainer Jürgen Graller hält viel von Martina Willibald, die eine Kreuzbandverletzung auskuriert: Die 21-Jährige war 2020 Fünfte der Junioren-WM im Riesenslalom, in jener Kerndisziplin also, in der bei den Frauen gerade die größte Lücke klafft.

Alles in allem durfte es der gesamte Alpintross schon als Erfolg werten, dass er den letzten Sammelpunkt in Lenzerheide erreicht hatte. Graller und Schwaiger, die DSV-Cheftrainer, hatten zuletzt oft gelobt, wie diszipliniert sich die Athleten auf der Tournee monatelang isoliert hatten, indem sie sich etwa in Apartments selbst verpflegten und auf Heimatbesuche meist verzichteten. Alpinchef Maier bemängelte allerdings, dass der Nachwuchs jenseits der Kader kaum oder gar nicht trainieren durfte, "für mich persönlich ist das weder nachvollziehbar noch akzeptabel", sagte er. Andere Länder hätten kontaktlosen Sport in der Natur besser ermöglicht, und tatsächlich war es im Alpintross zu wenigen - zumindest öffentlich dokumentierten - Störfällen gekommen.

Die "restriktive Verbotspolitik", kritisierte Maier, habe jedenfalls "massive Konsequenzen", nicht nur im Skisport: "Wir sehen deutlich rückläufige Mitgliederzahlen in den Landessportverbänden." Junge Menschen bräuchten aber "den Sport als Lebensraum, junge Menschen sind unsere Zukunft". Der ehemalige Skiprofi Felix Neureuther stimmte in der Sportschau jetzt in denselben Chor ein: "Dann dürfen wir nach Mallorca fliegen, aber dürfen nicht in unserer Heimat draußen Sport machen?" Der Bayerische Skiverband hatte vor einer Woche vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof gegen den Trainingsstopp im Nachwuchs geklagt, das bayerische Gesundheitsministerium ermöglichte kurz darauf einige Ausnahmegenehmigungen. Ein kleiner Erfolg, immerhin.

Auch wenn der Winter nun ja fast schon vorbei ist.

© SZ/klef
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