Skifahrer Beat Feuz im Interview"Ich habe eine Kniebeuge gemacht und musste mich davon zwei, drei Tage erholen"

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Blickt auf eine lange Leidenszeit zurück: Abfahrts-Weltmeister Beat Feuz.
Blickt auf eine lange Leidenszeit zurück: Abfahrts-Weltmeister Beat Feuz. Philippe Desmazes/AFP

Abfahrts-Weltmeister Beat Feuz erklärt im SZ-Interview, warum er wieder Rennen gewinnen kann - obwohl seine Ärzte einst überlegten, ihm das Bein zu amputieren.

Interview von Matthias Schmid

Der Schweizer Beat Feuz blickt auf eine lange Verletzungsgeschichte zurück. Die schwerste Zeit erlebte der Abfahrts-Weltmeister im Herbst 2012 - nur wenige Monate, nachdem er den Gesamtweltcup knapp Marcel Hirscher hatte überlassen müssen. Feuz' Knieprobleme waren so massiv, dass die Ärzte in Bern ernsthaft überlegten, ihm sein Bein zu amputieren. Sie sahen keine andere Alternative mehr für das kaputte linke Gelenk, in dem sich ein Infekt eingenistet hatte. Viermal hatten Mediziner unter Vollnarkose vergeblich versucht, mit Kniespülungen die Blutungen zu stoppen. Die Ärzte machten ihm wenig Hoffnung, dass er jemals wieder seinen Beruf würde ausüben können; es gehe nur noch darum, später normal gehen zu können. Feuz gab nicht auf und kämpfte sich zurück in den Skisport.

SZ: Herr Feuz, Sie haben nach ihrem WM-Sieg in St. Moritz erklärt, dass Sie sich künftig zurücknehmen und sich auf wenige Großereignisse konzentrieren müssten, weil Ihr Knie Pausen beansprucht. Jetzt haben Sie 2018 aber auch den Abfahrtsweltcup gewonnen. Wie haben Sie das geschafft?

Ich trainiere viel bewusster, im Schnee absolviere ich zum Beispiel deutlich weniger Trainingsläufe als meine Teamkollegen. Die wenigen Läufe müssen dann halt zu 100 Prozent effektiv sein - das heißt, ich muss sie so nutzen, dass ich mich verbessere. So hangle ich mich von Jahr zu Jahr weiter. Mir geht es da eigentlich wie Roger Federer im Tennis, der sich bewusst viele Pausen gönnt. Auch ich fahre viel weniger als ein Rennläufer, der neu in den Weltcup kommt.

Wie sieht denn das Training bei Ihnen konkret aus: Müssen Sie sich zum Beispiel in der Vorbereitung im Sommer bewusst zurücknehmen?

Da darf ich eigentlich die wenigsten Abstriche machen.

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Das geht mit Ihrem maladen Knie?

Das geht von Jahr zur Jahr sogar besser. Vor drei, vier Jahren war ich wirklich weit weg beim Ausdauer- und beim Krafttraining. Mittlerweile kann alles wieder so machen, dass es auch Spaß macht. Davor hat es Zeiten gegeben, wo ich mir die Sinnfrage wirklich gestellt habe.

Aber jetzt können Sie wieder Radfahren und auch die Kniebeugen mit vielen Kilos an der Langhantel machen?

Das ist wieder möglich, ja, davor habe ich eine Kniebeuge gemacht und musste mich davon zwei, drei Tage erholen. Das Knie schwoll nach der Belastung sofort an und war richtig aufgebläht und schmerzte sehr.

Wie viele Kilos stemmen Sie wieder?

Ich bin nicht mehr derjenige, der sich 200 Kilogramm auf den Buckel lädt, ich mache alles mit weniger Gewicht, körperfreundlicher. Würde ich an meine Maximalleistung herangehen, wäre mein Knie sofort wieder kaputt. Aber bis 120, 130 Kilo kann ich schon wieder stemmen, mit ein paar Wiederholungen. Als 30-Jähriger weiß ich ganz genau, was mir gut tut und was nicht. Das kann ich als 20-Jähriger noch nicht so gut einschätzen. Als junger Fahrer denkst du dir, ich mache alles mit, obwohl dir vielleicht ein paar Dinge sogar mehr schaden als dir helfen.

Wie haben Sie es denn geschafft, dass Ihr Knie wieder so stabil ist, dass es den maximalen Belastungen im Rennen standhält?

Da spielen verschiedene Faktoren zusammen. Ich habe einen privaten Konditionstrainer engagiert, der mir ein Programm extra fürs Knie erstellt. Ich lasse viele Trainingseinheiten im Schnee einfach aus, um in der Zwischenzeit Übungen für mein Knie zu machen. Und meine Freundin ist Physiotherapeutin, sie hat mir zuhause viel geholfen.

Kommt sie zu jedem Rennen mit, um Sie zu behandeln?

(lacht) Nein, während der Rennen sind wir gut versorgt vom Verband. Aber zu Hause ist es natürlich schön, wenn ich direkt vom Sofa aus zur Massageliege wandern kann. Wir haben dafür ein eigenes Zimmer eingerichtet, das ist sehr praktisch, wenn man sich da die Autofahrt zum Physio sparen und die Zeit so sinnvoller nutzen kann.

Abfahrts-Olympiasieger Aksel Svindal plagen ähnliche Probleme wie Sie. Im Rennen müssen Sie an ihre körperlichen Grenzen gehen oder diese sogar überschreiten. Nehmen Sie das bewusst in Kauf, dass die nächste Fahrt auch die letzte sein kann, weil das Knie dann endgültig kaputt ist?

Wir minimieren das Risiko, indem wir viel mehr abwägen als andere Fahrer. Das hat man bei Aksel im vergangenen Winter in Gröden gesehen. Er hat die Abfahrt souverän mit einer Sekunde Vorsprung gewonnen, obwohl er im Training immer hinterhergefahren ist. Er hat den Zielsprung jedes Mal bewusst ausgelassen, ist stets ein Bogen darum gefahren, um sich für das Rennen zu schonen. Es war eine flache Landung, überhaupt nicht knieschonend, er wusste genau, wenn er nun drei Tage in Folge drüberspringt, funktioniert das am Renntag nicht mehr so gut. In seinem Alter ist er halt clever genug und lässt einfach ein paar Dinge weg und hat dafür keine Knieschmerzen. Im Rennen ist er uns dann um die Ohren gefahren.

Und das versuchen Sie nachzumachen?

Mein Knie hält mittlerweile wieder so gut, dass ich alle Trainingsfahrten uneingeschränkt mitmachen kann. Aber in Kitzbühel zum Beispiel war es vergangenes Jahr im ersten Abfahrtstraining ziemlich eisig und die Sprünge gingen weit, ich habe deshalb vor den Sprüngen abgebremst und das Tempo rausgenommen. Ich muss zugeben, dass das schon komisch ausschaut, wenn Svindal und Feuz im Training jeweils nur 35. und 45. werden; aber dafür sind wir dann am Renntag fit und können ans Limit gehen.

Wie sieht es nach dem Rennen mit dem Knie aus? Svindal erzählte, dass er sich sofort danach im Ziel aufs Rad setzt.

Das mache ich genauso, um gleich mit der Regeneration zu beginnen. Das war in der vergangenen Saison teilweise sehr lustig, wenn wir gemeinsam auf die Siegerehrung warteten und uns gegenseitig fragten, wie es denn dem Knie gehe und uns dann im nächsten Moment Schnee aufs Gelenk gelegt haben, um es zu kühlen. Wenn die Zuschauer da jedes Mal hinter die Kulissen schauen könnten, gäbe es sehr ulkige Bilder zu sehen.

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