Wäre man gehässig, würde man den Skirennläufer Antoine Azzolin als Experten bezeichnen, als Experten im Ausscheiden. Beim Slalom in Gurgl verfehlte der Franzose im neunten Anlauf zum neunten Mal Weltcuppunkte, er musste in Durchgang eins nach einem Fahrfehler aufgeben. Und doch ist der 22-Jährige eine ganz ungehässige Erwähnung wert: Weil er sich in der Tiroler Sonne den inoffiziellen Titel für den vielleicht formschönsten Abgang der alpinen Skigeschichte verdient hat.
Azzolin war im Stangenwald von Gurgl auf dem Innenski weggerutscht und aus der Spur geschlittert. Fernab des Kurses gewann er dann die Kontrolle zurück und nahm ganz offensichtlich eine Rampe im Schnee wahr, die er als Sprungschanze per eleganter Körperdrehung überwand. Ein „360“, wie man bei den Freestyle-Kollegen sagen würde. Nur dass es dafür in der Disziplin Slalom eben keine Weltcuppunkte gibt.

Materialwechsel bei Skifahrern:„Der neue Ski hat mehr Fehler verziehen“
Ein Skiprofi wechselt den Skihersteller: Bringt einen das nicht aus dem Konzept? Felix Neureuther, der selbst einst eine richtungsweisende Umstellung vornahm, erklärt die Entscheidung von Slalom-Ass Linus Straßer.
Hierfür erwies sich am Samstag Azzolins Teamkollege Paco Rassat hauptamtlich zuständig: Der 27-Jährige zeigte nach einem unauffälligen ersten Lauf eine verblüffend flüssige Fahrt im Finaldurchgang. Er rauschte so rasant über den Steilhang, dass ihn niemand mehr stoppen konnte. 13 Slalomkünstler scheiterten trotz bisweilen deutlicher Zeitvorsprünge beim Versuch, den Franzosen zu knacken; darunter auch Linus Straßer, der sich als einziger Deutscher für Lauf zwei qualifiziert hatte. Straßer, zuletzt in Levi nach viertschnellster Zeit im ersten Lauf am Ende auf Rang 15 gelandet, fiel diesmal von Rang fünf auf acht, also deutlich weicher zurück und schaffte die teaminterne Olympia-Qualifikation. Der 33-Jährige erklärte, dass er sich nach seinem Materialwechsel vor der Saison „auf einem richtig guten Weg“ befinde. Rassat holte seinen ersten Weltcupsieg knapp vor dem Belgier Armand (+0,07 Sekunden) Marchant und Atle Lie McGrath aus Norwegen (+0,09).
Neue Namen im Männerslalom, ganz anders als bei den Frauen, wo Mikaela Shiffrin mit 30 Jahren auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft wirkt. Nachdem der US-Amerikanerin in Finnland in beiden Läufen die schnellste Einzelzeit gelungen war, wiederholte sie dieses Kunststück am Sonntag in Gurgl und ließ ihren 103. Weltcupsieg ähnlich spielerisch leicht aussehen wie Azzolins „360“. Die erst 19 Jahre alte Lara Colturi, Albanien, hatte als Tageszweite 1,23 Sekunden Rückstand auf Shiffrin, Camille Rast aus der Schweiz (+1,41) wurde Dritte. Die deutschen Starterinnen Lena Dürr und Emma Aicher, in Levi noch auf Rang vier und drei gelegen, landeten in Gurgl auf den Rängen sieben und neun.
Dürr, 34, Fünfte nach Lauf eins, wurde im Finale zum Verhängnis, dass ihr eine Kippstange auf die Skier knallte und zu einem Fahrfehler zwang. „Ärgerlich, aber zumindest oben hatte ich im zweiten Durchgang das Gefühl, dass ich mal richtig Gas gegeben hab’, das hat mir zuletzt gefehlt“, sagte Dürr in der ARD. Aicher, 22, hatte ihre Skier sicher und sauber durch die Tore gelenkt, allerdings Risikoschwünge vermieden und somit Zeit verloren. „Skifahrtechnisch bin ich heute nicht wirklich ins Fahren gekommen“, erklärte Aicher. „Irgendwas fand ich heute schwierig, ich kann nur nicht genau sagen, was.“
Für Nachforschungen bleibt wenig Zeit, da am kommenden Wochenende die nächsten Rennen bevorstehen: Riesenslalom und Slalom in Copper Mountain, USA, wo Shiffrin obendrein Heimvorteil hat.

