Ski alpin Warum die deutschen Abfahrer wieder schnell sind

Abfahrer Thomas Dreßen ist in dieser Saison in die Weltspitze gefahren.

(Foto: dpa)

Die deutschen Schnellfahrer gehören plötzlich wieder in die Weltspitze - nach Jahren chronischer Erfolglosigkeit. Techniktrainer Christian Schwaiger erklärt den Aufstieg.

Von Johannes Knuth

Christian Schwaiger erinnert sich noch gut an das erste Treffen, es war vor knapp vier Jahren in Garmisch, Schwaiger hatte gerade die deutsche Abfahrtsmannschaft übernommen. Es war eine Auswahl, die in chronischer Erfolglosigkeit steckte. Kein Fahrer hatte sich für die just beendeten Winterspiele in Sotschi qualifiziert, und im Deutschen Skiverband (DSV) dachten sie offen darüber nach, ob sie die Sparte weiter fördern sollten. Aber Schwaiger sah gar nicht ein, sich von dem Pessimismus anstecken zu lassen.

Er hatte einst die britische Mannschaft in die Elite geführt, war für die Erfolge der DSV-Frauen verantwortlich gewesen - warum sollte es jetzt nicht mit den Schnellfahrern klappen? Er habe immer das Ziel, in die Weltspitze zu kommen, sagt Schwaiger im Interview mit der Süddeutschen Zeitung: "Ich gehe nirgendwo hin und akzeptiere eine vorhandene Situation." Auch wenn manche Kollegen Schwaigers damals wohl dachten: "Was macht der denn jetzt bei denen?"

Knapp vier Jahre später haben sich die deutschen Abfahrer in der Weltspitze etabliert. Thomas Dreßen beendete im vergangenen November als Dritter in Beaver Creek eine siebenjährige Podestflaute, Josef Ferstl gewann kurz darauf seinen ersten Weltcup, den Super-G von Gröden. Auch beim Hahnenkamm-Wochenende in Kitzbühel, das an diesem Freitag mit dem Super-G der Männer beginnt (ab 13 Uhr), zählen Ferstl, Dreßen und Andreas Sander zu den Herausforderern.

"Wenn es ein Problem gibt, wird das sofort besprochen"

Daran hat der 49 Jahre alte Schwaiger großen Anteil, wie Cheftrainer Mathias Berthold, der Schwaiger vor knapp vier Jahren bei den Abfahrern installierte. "So ein Kaliber wie den Aksel Svindal haben wir nicht", sagt Schwaiger, er pausiert kurz, "noch nicht. Aber wenn uns eine Abfahrt passt, können wir die ganz Großen ärgern." Kitzbühel, sagt er, passe seinen Fahrern ganz gut, mittlerweile. Auch bei den Olympischen Winterspielen trauen sie sich eine Medaille zu, warum denn nicht?

Schwaiger gilt als Trainer, der großen Wert auf die Skitechnik legt, und als er bei den deutschen Männern anfing, musste er der Auswahl erst mal eine neue Philosophie vermitteln. "Die Tendenz damals war: Riesenslalom fahren wir, wenn schlechtes Wetter ist. Das geht bei mir nicht. Wir fahren Riesenslalom, auch bei tollem Wetter", sagt Schwaiger.

Nur wer in der Abfahrt gut um die Kurve kommt, dank eines guten Riesenslalomschwungs, entwickelt Routine, und nur aus dieser Routine kann die mentale Robustheit wachsen, dass ein Fahrer sich bei Tempo 150 in der Abfahrt an sein Limit tastet. So sieht Schwaiger das. Er pflege, zusammen mit Berthold, auch eine klare Ansprache: "Wenn es ein Problem gibt, wird das sofort besprochen. Das ist oft unangenehm, aber es wissen alle: Danach ist die Sache erledigt, niemand ist beleidigt oder sauer." Letztlich habe freilich jeder Fahrer sein Vertrauen, das war in der Vergangenheit im DSV nicht immer so. "Das musst du auch sehen: Dass du in diesem Sport immer eine Chance hast", sagt Schwaiger.

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Süddeutsche Zeitung Sport "In diesem Sport hast du immer eine Chance"

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"In diesem Sport hast du immer eine Chance"

Als Christian Schwaiger 2014 die deutschen Abfahrer übernahm, war die Sparte am Boden. Mit ihm sind sie in die Weltspitze aufgestiegen. Ein Gespräch über Angst und Beharrlichkeit.   Interview von Johannes Knuth