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Ski alpin:Streif-Sieger Dreßen: "Dein Körper ist deine Karosserie"

Kitzbühel (dpa) - Für die Rückkehr nach Kitzbühel unterbricht Thomas Dreßen seine Reha. Der Mann, der vor einem Jahr sensationell die legendäre Abfahrt auf der Streif gewonnen hat, kann am Samstag wegen seines Kreuzbandrisses nicht erneut am Start stehen.

Doch beim Interview der Deutschen Presse-Agentur in einem Hotel in Tirol mit Blick auf die Strecke wird klar: Von schlechter Laune ist der 25-Jährige weit entfernt.

Frage: Wie war das, hier im Winter nach Kitzbühel zu kommen und zu wissen: Am Samstag stehe ich nicht im Starthaus?

Thomas Dreßen: Komisch. Es hat schon ein bisschen wehgetan in der Magengrube. Aber ich freue mich auch sehr darauf, dass ich die Leute aus meinem Team wiedersehe. Und auch die ganzen anderen Athleten.

Frage: Am Sonntag, dem 20. Januar, war Ihr Sieg hier auf der Streif genau ein Jahr her...

Dreßen: ... das habe ich gar nicht gewusst. Ganz ehrlich, ich habe mir das Datum nicht gemerkt.

Frage: Welcher Moment ist ein Jahr danach noch besonders stark in Ihrer Erinnerung?

Dreßen: Der ganze Tag. Ich kann mich an relativ viel erinnern, was an dem Tag passiert ist. Aber am meisten an den Moment im Ziel, als ich mich gefreut habe. Den Moment werde ich hoffentlich lange nicht vergessen. Wenn man die Anzeigetafel sucht, jubelt und realisiert, dass man führt. Das war schon cool.

Frage: Hat die Siegertrophäe, die Gams, inzwischen ihren Platz?

Dreßen: Nein, die steht nach wie vor nur neben dem Fernseher. Meine Freundin und ich haben noch keinen anderen Platz gefunden. Aber die läuft zum Glück nicht weg, die steht da wie angewurzelt. Nur über Weihnachten habe ich sie aufs Fensterbrett stellen müssen, weil da natürlich der Christbaum gestanden ist auf dem Platz von der Gams. Ein Freund meinte dann, dass man die von der Hauptstraße aus sieht und hatte Sorge, dass jemand einbricht und sie klaut. Daran habe ich gar nicht gedacht. Wenn jemand einbricht, hoffe ich auf etwas Respekt. Alles können sie mir klauen, aber die Gams sollen sie stehen lassen.

Frage: Der FIS-Rennchef Markus Waldner sagte 2018, jeder, der auf der Streif gewinnt, ist eine Legende. Hat er Recht?

Dreßen: Ja. Die anderen schon. Also für mich. Aber ich bin keine Legende, ich bin immer noch der ganz normale Typ, der gerne Ski fährt. Keine Ahnung, ob sich andere selber als Legende sehen. Ich nicht. Für mich war es einfach von klein auf ein Traum, die Abfahrt in Kitzbühel zu gewinnen. Aber ich fühle mich nicht anders deswegen. Mir ist immer noch lieber, wenn mich jemand auf meine Harley anspricht und ich nicht auf den Sieg in Kitzbühel reduziert werde.

Frage: Wie lange hat es gedauert, Ihren Sturz Ende November in Beaver Creek zu verarbeiten?

Dreßen: Der erste Moment wieder auf den Abfahrtsski wird - glaube ich - komisch. Auch das erste Training in Beaver Creek wird mit etwas mehr Anspannung verlaufen. Aber ich habe den Sturz noch am gleichen Tag im Hotel angeschaut. Wirklich spektakulär sah es nicht aus. Aber das sind meistens die Stürze, wo dann was passiert. Aber daran kann man jetzt nichts mehr ändern und ich sehe es auch als Chance. Ich kann an Sachen arbeiten, für die bislang nicht so viel Zeit blieb.

Frage: Läuft in der Reha alles nach Plan?

Dreßen: Ich bin immer voll im Zeitplan von dem, was die Therapeuten sagen. Für mich ist es meine erste schwere Knieverletzung, ich kenne mich deswegen nicht aus und kann nur von meinem Gefühl ausgehen. Und das ist super.

Frage: Welche Auswirkungen auf die Reha hat die Ende des Monats geplante Operation an der beim Sturz ebenfalls verletzten Schulter?

Dreßen: Wir sind gerade in einer Phase, in der es nicht verkehrt ist, wenn das Knie etwas Ruhe bekommt.

Frage: Wie sicher ist Skisport grundsätzlich?

Dreßen: Skisport ist nie sicher. Immer nur begrenzt. Man kann Zäune aufstellen, einen Airbag anziehen. Aber deswegen ist es trotzdem immer noch eine Risikosportart. Du hast keinen Puffer um dich. Dein Körper ist deine Karosserie. Aber wir machen das nicht wegen dem Adrenalin, also ich zumindest nicht, sondern weil es Spaß macht. Wenn ich den nicht mehr habe, werde ich definitiv aufhören.

Frage: Wo gibt es noch Potenzial für mehr Sicherheit?

Dreßen: Man könnte die Anzüge wieder etwas dicker machen. Und diese Schnittschutzanzüge sind auch eine gute Sache. Aber das hilft beides nicht gegen eine Knieverletzung - man kann viel machen, aber das Risiko, sich zu verletzen, kannst du bei unserem Sport nie zu 100 Prozent ausschalten. Das ist aber auch nicht die Aufgabe. Jeder am Start kennt das Risiko und weiß, dass etwas passieren kann. Niemand wird gezwungen. Rückblickend muss ich zu meinem Sturz in Beaver Creek auch sagen: Vielleicht war das einfach ein bisschen zu viel.

Frage: Sie tragen freiwillig den Airbag. Sollte das Pflicht sein?

Dreßen: Nein. Für mich persönlich gibt es keine Diskussion, ich würde nie wieder ohne Airbag fahren. Der hat bei mir schon zwei, drei Mal geholfen, sicher auch in Beaver Creek. Ich bin mit 125 Stundenkilometern in das Netz eingeschlagen. Ich würde nie wieder ohne fahren, aber deswegen sage ich trotzdem nicht: Jeder muss mit fahren. Wenn einer nicht will, ist das auch okay.

Frage: Waren Sie schon mal als Zuschauer bei den Hahnenkammrennen?

Dreßen: Nein, das ist das erste Mal. Ich freue mich drauf.

Frage: Wer ist Ihr Favorit für die Abfahrt?

Dreßen: Da gibt es so viele. Dominik Paris, Aksel Lund Svindal, Beat Feuz - die ersten 20 der Weltrangliste kommen alle infrage.

Frage: Und wenn Sie sich entscheiden müssen? Wer gewinnt?

Dreßen: Ich tippe auf Paris. Weil er hier schon zweimal gewonnen hat, der weiß, wie es geht. Und Bormio war auch zäh. Ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass der Mottl (Matthias Mayer, Anm.) gewinnt.

Frage: Eine der wichtigsten Fragen zum Schluss: Wie hoch ist die Chance, dass Sie im Frühjahr wieder Motorrad fahren können?

Dreßen: Sehr hoch. Das lasse ich mir nicht nehmen. Beim Harley-Fahren ist das Risiko auch da, aber viel kleiner als auf einer Abfahrt. Und bis der ganze Schnee weg und das Salz von der Straße ist und man die Maschine ohne Sorgen aus der Garage holt, bis dahin ist auch das Knie so gut, dass ich wieder fahren kann.

ZUR PERSON: Thomas Dreßen (25) hat vor zwölf Monaten als erster Deutscher nach 39 Jahren die Abfahrt auf der Streif gewonnen. Die Strecke ist eine der gefährlichsten der Welt. Am 30. November 2018 stürzte er in Beaver Creek und verletzte sich an Knie und Schulter.