Ski alpin in Kitzbühel:Die Streif, relativ entspannt? Wie bitte?

Ski alpin in Kitzbühel: So ungefähr müssen sich die Hahnenkammrennen in den Fünfzigerjahren angefühlt haben: der einsame Zielraum der Streif beim ersten Abfahrtstraining am Mittwoch.

So ungefähr müssen sich die Hahnenkammrennen in den Fünfzigerjahren angefühlt haben: der einsame Zielraum der Streif beim ersten Abfahrtstraining am Mittwoch.

(Foto: AFP)

Keine Zuschauer, keine Promis, demütige Ausrichter: Die berüchtigte Kitzbüheler Abfahrt erinnert in diesem Winter an eine Reise zu den Ursprüngen.

Von Johannes Knuth, Kitzbühel

Josef Ferstl lächelt, er neigt den Kopf zur Seite, man spürt, wie seine Gedanken jetzt ganz schön kräftig hin und her wiegen; man dürfe ihn aber bitteschön nicht falsch verstehen, sagt er schließlich. Aber ja, es stimme schon: Die Streif-Abfahrt sei am Mittwoch, im ersten Trainingslauf, ein wenig einfacher als sonst zu zähmen gewesen, "relativ entspannt", findet Ferstl gar. Und der 32-Jährige muss es wissen, er hat hier in Kitzbühel vor zwei Jahren den Super-G gewonnen, als erster deutscher Skirennfahrer überhaupt.

Aber gut, Herr Ferstl, wie war das eben noch: die Streif, relativ entspannt? Wie bitte?

In den vergangenen Jahren hatten die Fahrer in Kitzbühel oft schon nach dem ersten Trainingslauf gestöhnt und geflucht, so eisig war das Geläuf gewesen, aber das sind Wortmeldungen, die sich die Veranstalter im alpinen Weltcup wie Ordensabzeichen anheften, vor allem in Kitzbühel. In den vergangenen Tagen hatte sich nun jedenfalls viel Schnee auf die Piste gelegt und sie aufgeweicht, am Mittwoch hatte es erneut Plusgrade, an diesem Wochenende weicht das Programm zudem vom gewohnten Skript ab: Statt einer Abfahrt, einem Super-G und einem Slalom sind diesmal nur schnelle Disziplinen angesetzt, zwei Abfahrten und ein Super-G - da können sie den Schnellfahrern nicht gleich die schwerste Prüfung zum Auftakt aufschnallen.

Auch die Streif-Woche stand bis zuletzt auf der Kippe

Der verhaltene Auftakt am Mittwoch fügte sich jedenfalls ins Bild. Kitzbühel, die schwerste Abfahrt mit dem größten "Halligalli", das Ferstls Teamkollege Romed Baumann am Mittwoch lobend erwähnt, weil es nun mal nicht so viele Wintersportorte gebe, "bei denen wir 50 000 Leute bei grausigem Wetter ins Freie locken" - das alles ist diesmal schwer heruntergepegelt. Die Zuschauer sind ausgesperrt, das autohausgroße Zelt für die Promis und Adabeis fehlt, der Zielbereich liegt ziemlich verloren am Fuß des Oberhausbergs, umringt von ein paar roten Plastikzäunen und Fahnenmasten, wie eine winzige Insel in einer großen, weißen See. So in etwa haben sich die Hahnenkammrennen wohl in den Fünfzigerjahren angefühlt, eine Reise zurück zu den Ursprüngen, aber die Fahrer haben sich damit längst angefreundet. "Wir sind einfach mega froh, dass wir die Rennen fahren können", sagt Andreas Sander, als Sechster bester Deutscher am Mittwoch, "es stand ja auch hier schon auf der Kippe."

Die Alpinen sind bislang sehr ordentlich durch den Corona-Winter gekommen, in den vergangenen Tagen hat sich das Zittern aber allmählich wieder im Tross eingenistet. Der Kanton Bern sagte den Weltcup in Wengen ab, zu viele Corona-Fälle. Die Kitzbüheler übernahmen spontan zwei der drei Schweizer Rennen, einen Slalom und eine Abfahrt, sie tüftelten ein gewagtes Programm aus: am vergangenen Wochenende zwei Slaloms, den Wengener und ihren eigenen, an diesem Wochenende zwei Abfahrten und einen Super-G. Dann ploppte im benachbarten Jochberg ein Cluster des mutierten Coronavirus auf, verantwortlich waren offenbar 18 britische Skilehrer-Kandidaten, die mitten in der Pandemie eingeflogen waren. Den Kitzbühelern blieb nichts anders übrig, als die beiden Slaloms nach Flachau weiterzureichen.

"Wenn die Rennen nicht stattfinden, fallen die Leute noch mehr in ein Loch", sagt der Präsident des Skiklubs

Als Michael Huber, der Präsident des Kitzbüheler Skiklubs, vor ein paar Tagen bei einer digitalen Pressekonferenz sprach, erlebte man den Chef des Kitzbüheler Organisationskomitees ungewohnt demütig. Es sei "eine Gnade, die Möglichkeit zu haben, die Rennen überhaupt planen zu können", sagte er. Man werde dieses Jahr wohl bestenfalls eine ausgeglichene Bilanz erwirtschaften, ganz ohne Zuschauer; sollten die restlichen Rennen auch der Pandemie zum Opfer fallen, stehe man vor einer "sehr komplexe Geschichte" - man sei zwar gegen alles Mögliche versichert, aber nicht gegen eine Pandemie. Allerdings, sagte Huber zuletzt, hätten sich die Einwohner im Umland zuletzt fast geschlossen testen lassen, ein "unglaubliches Zeichen der Solidarität" sei das. Von 4200 Tests waren zwar 41 positiv, aber in keinem sei das mutierte Virus aufgetreten - von daher, sagte der Tiroler Landeshauptmann Günther Platter, könne man zumindest die Rennen an diesem Wochenende ruhigen Gewissens ausrichten.

Peter Schröcksnadel, der Präsident des Österreichischen Skiverbandes, hatte am vergangenen Sonntag sogar geprahlt, dass bei den österreichischen Weltcups zuletzt kein Corona-Fall aufgetreten sei, so werde es auch künftig sein. Einen Tag später wurde Markus Waldner, der Rennchef des Ski-Weltverbandes Fis, in Flachau positiv getestet. Und nun?

Das größte Problem wird in den kommenden Tagen wohl weniger ein mutiertes Virus sein, sondern das ins Ungemütliche mutierende Wetter: Ab Freitag soll es wieder ordentlich schneien, allerdings, sagte Skiklub-Präsident Huber im Standard, habe man von den vergangenen 30 Rennen ohnehin nur sieben nach Plan ausgetragen. Und in einem moralischen Dilemma wähne man sich auch nicht: "Die Hahnenkammrennen sind nationales Kulturgut, ein Fixpunkt. Wenn sie nicht stattfinden, fallen die Leute noch mehr in ein Loch."

Zumindest was die am Mittwoch noch halbwegs entspannte Piste betreffe, waren sich die Fahrer einig: Bis zur ersten Abfahrt am Freitag werden 60 Fahrer und 50 Helfer den Schnee festfahren, sagte Romed Baumann, "dann wird das sicher noch 'ne knackige Geschichte".

© SZ/klef/pps
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