Ski alpin Ruhe im Kopf

„Obwohl sie extrem fokussiert arbeitet, kann sie loslassen“: Kira Weidle bezwingt den Steilhang.

(Foto: Francis Bompard/Agence Zoom/Getty Images)

Kira Weidle beeindruckt weiter: Beim alpinen Weltcup im italienischen Cortina d'Ampezzo festigt die 22-Jährige ihre Stellung als beste deutsche Abfahrerin des bisherigen Winters.

Von Johannes Knuth, Cortina d’Ampezzo

Wer jemals die Gelegenheit haben sollte, einem Skirennen in Italien beizuwohnen, dem sei ein Besuch herzlich empfohlen. Allein die Durchsagen der Stadionsprecher: Alles schwingt und vibriert, weil sie selbst aus sperrigen Namen lautmalerische Gemälde erschaffen. Viktoria Rebensburg: wird zu Wiiktohriarebensburgäää. Ramona Siebenhofer: Rrramona Sibbenhoffäärääh. Letztere riefen sie in Cortina d'Ampezzo sehr oft auf, die Österreicherin gewann am Wochenende gleich beide Abfahrten. Sibbenhoffäärräh, das klang natürlich nicht ganz so beschwingt wie bei den heimischen Fahrerinnen, bei Federica Brignone, Francesca Marsaglia oder auch bei der Schweizerin Michelle Gisin. Der machten die Sprecher in Cortina nicht nur sportfachliche Komplimente: "Michälle, che bellezza", welch Schönheit!

Kira Weidle vom SC Starnberg fand am Wochenende übrigens auch recht oft Erwähnung: Zum einen, weil die Sprecher sie am Samstag zunächst mit der Schweizerin Joana Hählen verwechselten. Kurz darauf war die Deutsche tatsächlich an der Reihe ("Now the real Kira Weidle"), wobei die Sprecher auch nicht Weidle sagten, was eher so putzig-schwäbisch klingt, sondern Waideläääh! Das klang schwungvoller, ein bisschen sogar nach Abenteuer.

So war Kira Weidle jedenfalls auch in Cortina wieder unterwegs: schwungvoll, mutig, im unteren Streckenteil wurde sie sogar als Schnellste geblitzt. Sie wurde Vierte in der Abfahrt am Samstag, vor starken Mitbewerberinnen wie Tina Weirather oder Lindsey Vonn. Die Amerikanerin überlegte am Sonntag sogar unter Tränen (und großen Knieschmerzen), ihre Karriere vielleicht schon in den kommenden Tagen stillzulegen; ursprünglich hatte sie den November 2019 als Schlusspunkt avisiert.

Weidle steht in ihrer Sportlerbiografie da noch am entgegengesetzten Pol, in der rasantesten aller alpinen Disziplinen: Beim Saisonauftakt in Lake Louise wurde sie Dritte - ihr bislang bester Ertrag - es folgten die Ränge elf, acht, acht und nun vier in Cortina. Dazu Rang 19 im Super-G am Sonntag. Sie war in diesem Winter stets die flinkste Deutsche in der Abfahrt (nur nicht in Gröden, wo Michaela Wenig Fünfte wurde) - das fällt auf, nicht nur im deutschen Verband. Weidle sei gerade "on fire", sagte Viktoria Rebensburg, die prominente Teamkollegin, die sich als Fünfte in der Abfahrt zurückmeldete und am Sonntag, beim Sieg der Amerikanerin Mikaela Shiffrin, Neunte im Super-G wurde. Wenn Weidle so fortfahre, befand Rebensburg jedenfalls, "kann sie schon zu einer Geheimfavoritin bei der WM werden".

Geheimfavoritin?

Lindsey Vonn überlegt, ob sie ihre Karriere schon in den kommenden Tagen beenden soll

Kira Weidle ist 22 Jahre alt, das ist kein Alter für eine Abfahrerin, aber sie war den Zeitplänen oft ein wenig voraus. Sie stammt aus Stuttgart, ihre Familie zog später nach Starnberg. Matthias Pohlus, Trainer des örtlichen Skiclubs, erlebte sie früh als sehr zielstrebig und mutig; er hat schon öfters die Geschichte erzählt, wie Weidle den Auslauf einer Sprungschanze in der Hocke herunterschoss. Da war sie neun Jahre alt. Sie debütierte mit 19 im Weltcup, nutzte die ersten Lehrjahre, um die tückischen Abfahrten kennenzulernen, fuhr die WM in St. Moritz, vor eineinhalb Jahren wurde sie Neunte in Lake Louise. Viele horchten auf, aber Jürgen Graller, ihr Trainer, nahm sie damals für eine einstündige Unterredung beiseite: "Ich habe ihr gratuliert, aber zu anderen Sachen habe ich ihr gar nicht gratuliert", erinnerte sich Graller in Cortina. Frei übersetzt: Weidle war etwas vom Übermut beseelt. Was Graller wiederum imponierte, waren die Monate danach: "Sie kann ja auch mal spinnen, aber sie akzeptiert Kritik sehr offen. Seit dem Gespräch läuft es wirklich Weltklasse."

Graller ist seit zwei Jahren im Verband, unter seiner Führung hat sich einiges bewegt bei den Frauen, nicht nur bei Weidle. Er pflegt eine direkte Ansprache, im Guten wie im weniger Guten, und wie er in Cortina über Weidle redete, vertiefte er sich mit jedem Satz mehr in seine Freude. "Die Kira, die will einfach nicht verlieren", sagte er. "Wenn du darüber diskutierst, was einen Champion ausmacht - das ist einer der wichtigsten Faktoren." Sie sei körperlich in guter Verfassung, technisch versiert, "und obwohl sie extrem fokussiert arbeitet, kann sie loslassen", hat Graller beobachtet, "die hat genug Freiraum im Kopf." Weidle habe sich auch viel bei Rebensburg abgeschaut, der Olympiasiegerin und 16-maligen Weltcupsiegerin. "Das habe ich alles so, in dem Alter, selten erlebt", sagte Graller. Und der Österreicher hat in seiner Heimat einige Begabungen angelernt, Nicole Schmidhofer etwa, die derzeit beste Abfahrerin. Am wichtigsten sei ihm freilich, dass Weidle eines beherzige: dass jetzt, da sie immer häufiger in der Weltspitze hospitiert, die Arbeit erst beginne.

Weltspitze? "Ganz angekommen bin ich sicher noch nicht", beteuerte Weidle in Cortina. Aber der dritte Platz in Lake Louise habe ihr "viel Selbstvertrauen" gespendet, seitdem sei sie "in einem ganz guten Flow". Sie traue sich immer häufiger, unter wechselnden Bedingungen ihr Können abzurufen, "man darf das alles nur nicht zu etwas Besonderem machen", sagte sie. Und für die WM, die in zwei Wochen in Are anbricht, sehe sie sich nicht als Favoritin, geheim oder nicht, eher als Außenseiterin. Aus vierten Plätzen im Januar können beim Großereignis, in der umkämpften Weltspitze, ja schnell mal achte oder zehnte werden, im DSV kennen sie sich damit aus. Andererseits: Der Nervenkitzel einer Großveranstaltung, "der ist auf alle Fälle was Cooles", findet Weidle, sie hat das zuletzt bei den Winterspielen in Südkorea erlebt.

Und noch eine Erkenntnis nahm sie damals mit: "Großereignisse", sagte Weidle in Cortina, "sind ja gerne mal etwas für Außenseiter."

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