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Ski alpin:Herrscherin über den Weltcup

Sport Bilder des Tages Audi FIS Alpine Ski World Cup - Women s Slalom ZAGREB, CROATIA - JANUARY 03: Petra Vlhova of Slov

Unwiderstehlich im Rampenlicht: Petra Vlhova findet beim Weltcup-Slalom in Zagreb auch im zweiten Durchgang die beste Linie.

(Foto: Luka Stanzl/Imago Images)

Petra Vlhova stammt aus einer slowakischen Kleinstadt, lässt die Konkurrenz aus traditionellen Ski-Kraftzentren aber hinter sich - dank eines simplen wie unerbittlichen Plans.

Von Johannes Knuth, München

Den verbalen Slalomlauf beherrscht Petra Vlhova mittlerweile auch ganz ordentlich. "Ich habe schon Ziele", sagte sie vor Kurzem, nach ihrem Sieg beim Slalom in Zagreb, "aber die Ziele heißen: Schritt für Schritt. Ich versuche, nicht zu weit vorauszudenken."

Das war natürlich professionell geflunkert. Vlhova und ihr Umfeld denken längst an die Gesamtwertung im alpinen Weltcup, an die große Kristallkugel, woran sonst? Die 25-Jährige hat in diesem Winter schon wieder vier Rennen gewonnen, sie führt im Gesamtklassement mit 615 Punkten, die Schweizerin Michelle Gisin liegt schon 128 Zähler dahinter. In Zagreb setzten sie Vlhova bei der Siegerehrung eine Krone auf, die Erste wird dort jedes Jahr zur "Snow Queen" ausgerufen, aber man durfte dieses Siegergemälde durchaus in einem größeren Kontext deuten. Nicht mehr Mikaela Shiffrin, die langjährige Dauersiegerin, sondern Vlhova ist gerade die Herrscherin über den Weltcup, und wenn sie gesund bleibt, dürfte sich daran bis zum Ende dieses Winters nicht allzu viel ändern. Es wäre kaum überraschend und zugleich erstaunlich, in mancherlei Hinsicht.

Petra Vlhova kommt aus einer slowakischen Kleinstadt und hat sich bis an die Spitze der Ski-Welt gearbeitet.

(Foto: AFP)

Alpine Gesamtweltcupsieger stammen traditionell aus den Kraftzentren des Wintersports, aus Österreich, der Schweiz, Italien, Norwegen, manchmal auch aus Deutschland. Sie stammen eher nicht aus slowakischen Kleinstädten wie Liptovsky Mikulas, wo Vlhova aufwuchs, eine Fahrstunde von einem Gebirgszug der Niederen Tatra entfernt. Die große Kristallkugel für eine winzige Skination zu erringen, das haben bislang erst drei Athleten geschafft: Marc Girardelli, der aber nur für Luxemburg fuhr, weil sich der Vater mit dem österreichischen Verband überworfen hatte. Und Janica und Ivica Kostelic aus Kroatien, die der Vater früher schon mal die Hänge hinaufstapfen ließ, weil das Geld nicht für den Liftpass reichte.

Auch Vlhova musste früher jeden Cent zusammenkratzen, ihr Vater unterhielt früher zwei Firmen: eine Werkstatt und ein Privatteam für die Tochter, in das jeder Euro floss, den die Familie entbehren konnte. Denn mit dem klammen Nationalverband gab es oft Streit. Ohne die Werkstatt, hat Vlhova einmal der NZZ erzählt, "wäre meine Karriere vielleicht längst zu Ende". Und wie bei den Kostelics wurde Vlhova von einem Haudegen auf die schnellste Spur geführt: Livio Magoni, ein 57-jähriger Italiener mit leiser Stimme und schmächtiger Statur, der aber mit allen Wassern gewaschen ist, weil er die Konkurrenz schon mal offensiv beim Training filmt (was Shiffrin im Vorwinter mächtig ärgerte). Magoni führte einst die Slowenin Tina Maze zum Gesamtsieg im Weltcup, mit bis heute unerreichten 2414 Punkten, seit 2016 lenkt er Vlhovas Privatteam. Der Bauplan des Erfolgs ist der gleiche: Training, Training, Training, zudem fährt Vlhova seit diesem Winter alle Rennen. Ein brutales Programm.

Vlhova wird auch im Januar wohl kein Rennen auslassen

Die Allrounder sind im Weltcup fast ausgestorben, die Spezialisten sind längst zu stark, die Kalender prall gefüllt. Und Vlhova? Beim Saisonauftakt in Sölden wurde sie Dritte im Riesenslalom, sie gewann beide Weltcups in Levi, auch den Parallelevent in Lech/Zürs. Weiter ging's nach Courchevel, Platz drei im Riesenslalom, Rang 26 und 33 dann in Val d'Isère in der Abfahrt, mit der sie noch fremdelt, aber dann schon wieder: Platz sechs im Super-G. Kurze Weihnachtspause, Training, Training, Training, Vierte im Slalom in Semmering, Sieg in Zagreb im neuen Jahr. Auch im Januar wird Vlhova wohl überall antreten, in St. Anton an diesem Wochenende, Flachau, Maribor, Crans-Montana, Kronplatz, Garmisch-Partenkirchen ...

Vlhova hat ihr Winterquartier mittlerweile nach Sterzing in Südtirol verlegt, dort ist es ruhiger als in der Heimat, wo ihr die Fans schon mal bis auf die Rastplatz-Toilette folgen. Zum anderen liegen viele Weltcup-Orte in der Nachbarschaft, Magoni kennt sich auch bestens aus in der Region, er kann jederzeit eine Trainingspiste präparieren. Vlhova hatte schon immer viel Kraft, sie presst ihre Skikanten gerne kurz und kräftig ins Eis, um ihren Schwung schnell zu beenden. Aber sie kann mittlerweile auch feinfühliger fahren; in Zagreb gewann sie, obwohl der Schnee weich war und Vlhova im Schlusshang fast aus dem Kurs purzelte. "Ich hatte so viele Fehler", sagte sie, "aber du musst bis zum Ende kämpfen."

Training, Rennen, Kampf, immer wieder: Wie lange das gut geht? Es ist ein Experiment mit offenem Ausgang, gibt Magoni zu. Nicht nur Maze war von seinem Programm und der Hatz nach der großen Kugel irgendwann ermattet. Vlhova, das hatte Magoni freilich schon im Vorwinter im Gespräch gesagt, habe sich fast alle ihre Erfolge mit ihrem jetzigen Team erarbeitet, 18 Tagessiege im Weltcup, WM-Gold im Riesenslalom 2019, zwei kleine Kugeln im Slalom und im Parallel-Weltcup im Vorwinter, die allerersten für die Slowakei. "Das hat ihr Vertrauen in mich sehr gestärkt", sagt Magoni. Auch sonst wirkt Vlhovas Arbeitseifer ungebrochen, auch wegen der Investitionen, die ihre Familie einst leistete. Wobei ihre Sponsoren längst das Budget ihres Teams stemmen, knapp 400 000 Euro pro Saison.

"Petra ist unglaublich stark", sagte Shiffrin zuletzt, "es wäre nicht schlau, gegen sie zu wetten." Die Amerikanerin hat sich nach dem Unfalltod ihres Vaters und ihrem Trainingsrückstand in diesem Winter nicht dem Gesamtweltcup verschrieben, und so zerrt die Last der Erwartungen erst einmal an Vlhova. Petra, fragte ein Reporter in Zagreb, was war da eigentlich in Semmering los? Nur Platz vier? "Es ist nicht immer einfach, ständig Erste zu sein", sagte sie, "aber heute bin ich wieder oben und so, so happy." Als sie das sagte, klang sie ein wenig müde.

© SZ/klef/tbr
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