Ski alpin Die deutschen Alpinen stehen vor einer Zäsur

Eindrücke aus erfolgreicheren Zeiten: Felix Neureuther, seit einer Woche Ruheständler, carvt im WM-Slalom 2017 zu Bronze.

(Foto: Alexis Boichard/Getty Images)
  • Nicht nur Felix Neureuther, sondern auch Cheftrainer Mathias Berthold haben ihre Karriere beendet.
  • Die Zäsur im deutschen Alpin-Team dürfte jedoch auch Gutes hervorbringen: Die Nachfolger sind vielversprechend.
Von Johannes Knuth

Ein Blick. Und Mathias Berthold ahnte es schon. Dass er den Athleten, den er gerade vor sich hatte, ein wenig bremsen musste. Oder anstacheln. Oder trösten. Ein Blickkontakt, hat der Skirennfahrer Thomas Dreßen einmal erzählt, und Berthold wusste, zu welchem Werkzeug er in seinem Trainerkoffer greifen musste. "Das macht ihn so gut", sagte Dreßen, "dass er sich in die Athleten hineinversetzen kann." Und Bertholds Eingriffe fruchteten zwar nicht immer sofort, aber irgendwann taten sie es doch, und nicht nur im Deutschen Skiverband staunten sie immer wieder, wie der Österreicher das am Ende wieder herbeigeführt hatte.

Mathias Berthold, 53, hat nie eine große Sache daraus gemacht: dass er als Chefcoach die deutsche Männer-Sparte vitalisierte, die vor seiner Ankunft schon erfolgreich war, die teilweise aber auch in einem Tal der Ratlosigkeit steckte. Berthold wusste ja, wie er mit jedem umzugehen hatte - mit dem strebsamen, anfangs aber etwas übermotivierten Dreßen, dem Spitzbub Josef Ferstl, dem hochbegabten und nicht immer hochdisziplinierten Felix Neureuther, den Grüblern Andreas Sander und Fritz Dopfer. Und nun hat nicht nur Neureuther seine Karriere beendet, die Überfigur, auch Berthold will nicht mehr Nationaltrainer sein, wie er jetzt verkündete, nach sieben Jahren bei den deutschen Frauen und fünf bei den DSV-Männern. Eine große Zäsur, zweifellos, aber auch eine, aus der etwas Neues wachsen kann?

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Felix Neureuther

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Eine große Karriere endet mit einem Freudestrahlen: Felix Neureuther zeigt in Andorra in seinem letzten Rennen einen starken zweiten Lauf, verpasst das Podium knapp - wird aber trotzdem geduscht.

An Bertholds Wirken konnte man immer studieren, was passiert, wenn ein guter Lehrer an eine lernwillige Klasse gerät. Stefan Luitz etwa, der hochveranlagte Riesenslalom-Experte: Leistete sich oft schwere Pannen, war vor zwei Jahren fast so weit, sich mit seiner Unvollkommenheit abzufinden. Aber Berthold sah das gar nicht ein. Er redete Luitz oft bis kurz vor dem Start zu, schaffte es so, dass der sich auf den Moment konzentrierte, nicht auf eine Passage, die fünf Tore später lauerte. Im vergangenen Dezember, gleich nach seinem Kreuzbandriss-Comeback, gewann Luitz dann tatsächlich seinen ersten Weltcup. Und auch wenn es bis zur vergangenen Woche dauerte, ehe das Internationale Sportgericht den Erfolg bestätigte, nach Luitz' umstrittener Sauerstoff-Inhalation - er ist jetzt Inhaber eines Weltcup-Erfolgs. Und er wäre nicht der Erste, bei dem das frische Kräfte freisetzt.

Spricht man mit Wolfgang Maier, dem DSV-Alpinchef, über Bertholds, dann sagt er: "Ein Trainer polarisiert ja immer ein bisschen." Jeder Einzelsportler buhle um die Gunst seines Vorgesetzten, da entwickeln sich gute Verhältnisse und weniger gute. Berthold aber schaffte es stets, "jeden Athleten zu 100 Prozent hinter sich zu holen", sagt Maier, was wohl auch daran lag, dass Berthold sich immer zu 100 Prozent vor die Athleten stellte - egal wie ein Rennen gelaufen war. Sein Abgang wiegt da mindestens genauso schwer wie Neureuthers Rücktritt; der DSV verliert ja einen, der eine ganze Mannschaft anschob.

Das müsse man halt auch sehen, hatte Christian Schwaiger, der deutsche Abfahrtstrainer, einmal im Gespräch gesagt: "Dass du in diesem Sport immer eine Chance hast. Und die gibt Mathias seinen Fahrern. Das ist nicht selbstverständlich." Schwaiger hatte vor fünf Jahren auch Angebote aus anderen Nationen vorliegen, doch als er hörte, dass Berthold die DSV-Männer übernehmen würde, heuerte er als Disziplinchef bei den bis dahin erfolglosen Abfahrern an. Fünf Jahre später stellt die Auswahl zwei Kitzbühel-Sieger (Dreßen 2018, Ferstl 2019) und ein Team, das fast geschlossen in die Weltelite gerückt ist. Da überrascht es kaum, dass Maier sich Schwaiger als Bertholds Nachfolger ausgeguckt hat, wie er auf Nachfrage bestätigt. Allerdings nur, wenn er einen adäquaten Nachfolger für Schwaiger findet; der Umbau soll bis April abgeschlossen sein.

Das ist vielleicht die größte Chance, die in Bertholds Abgang liegt: dass er Platz schafft für einen seiner größten Vertrauten. Auch Schwaiger pflegt eine klare Ansprache ("Das ist oft unangenehm, aber es wissen alle: Danach ist die Sache erledigt"). Er arbeitet sehr individuell mit den Fahrern, und was die Lehre der Skitechnik angeht, also wie man schnell um die Kurve kommt: "Da halte ich ihn für einen der besten Trainer der Welt", sagt Berthold am Telefon. Man sieht das schon daran, wie alle Athleten mitzogen, die Schwaiger bislang betreute: die Briten, die DSV-Frauen um Maria Höfl-Riesch und Viktoria Rebensburg, die unter dem Österreicher zu Olympiasiegerinnen reiften; zuletzt die Abfahrer. Schwaiger ist ein bisschen wie das schicke weiße Hemd im Schrank: Es passt zu allem, ob zur Jeans oder zum Anzug. Das dürfte auch den deutschen Technikern helfen, die im vergangenen Winter in ein veritables Tief geschlittert waren. Und jetzt?

DSV-Frauen blicken auf einen vielversprechenden Winter zurück

Als Neureuther vor 16 Jahren in seine große Karriere eintauchte, war er eine der wenigen Attraktionen bei den deutschen Männern. Jetzt kann der neue Cheftrainer aus einem ungleich tieferen Talentpool schöpfen, allein bei den Technikern: Da sind Stefan Luitz und der zuletzt stark verbesserte Alexander Schmid im Riesenslalom, viele Slalom-Begabungen, die zuletzt aber stagnierten. Nur: Wenn einer weiß, wie man gegen Krisensymptome rebelliert, dann Schwaiger. Und auch die DSV-Frauen blicken auf einen vielversprechenden Winter zurück; hinter Viktoria Rebensburg, der WM-Zweiten von Are, hat Cheftrainer Jürgen Graller ein kleines, feines Team aufgebaut.

Und Berthold? Der hat vor Kurzem eine Sportpsychologie-Ausbildung abgeschlossen, er will fortan als Mentalcoach arbeiten, einzelne Spitzensportler begleiten, das habe ihn schon länger gereizt, sagt er. Er hat schon einige Anfragen, natürlich aus dem Alpinsport, aber auch dem Eishockey, Golf, Fußball. Und wenn ein deutscher Skirennfahrer bald auf ihn zukommen sollte - dann könne er sich eine Kooperation natürlich vorstellen. Seine ehemaligen Schützlinge wissen ja, wie das ist: Wenn oft ein Blick genügt.

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