Ski alpin:Mehr als rote und blaue Tore

AUT, FIS Weltcup Ski Alpin, Flachau 12.01.2021, Hermann Maier Weltcupstrecke, Flachau, AUT, FIS Weltcup Ski Alpin, Slalo

Besonderer Moment: Mikaela Shiffrin geht nach dem Sieg in sich.

(Foto: Sammy Minkoff/Imago)

Mikaela Shiffrin gewinnt seit über einem Jahr wieder einen Slalom - und reagiert im Anschluss ungewohnt emotional. Die 25-Jährige hat allerdings längst nicht mehr nur ihren eigenen Erfolg im Blick.

Von Johannes Knuth, Flachau/München

Ein wenig wirkte so, als hatte sich Mikaela Shiffrin alles für diesen Moment aufgespart: die Zweifel, den Frust, die Energie und auch die Freude, die sich zuletzt aufgestaut hatten und die Shiffrin nun im Ziel von Flachau in einen lauten Schrei packte. "Ich habe mich einfach lebendig gefühlt", sagte sie, die ihre Siege meist mit buddhistischer Mönchsruhe hinnimmt, "ich wünschte, ich könnte es erklären." Nun, zur Auswahl stünden: der Unfalltod ihres Vaters im vergangenen Februar, zehn Monate Rennpause, eine Rückenverletzung, das Weltcup-Comeback, der Sieg im Riesenslalom vor einem Monat in Courchevel, nun also ihr erster Sieg seit über einem Jahr im Slalom, in dem sie schon Olympiasiegerin und viermalige Weltmeisterin war, 0,19 Sekunden vor der Österreicherin Katharina Liensberger, der Schweizerin Wendy Holdener und der starken Slowakin Petra Vlhova.

Die eine Botschaft dahinter war klar: Die Konkurrenz kann sich allmählich wieder warm anziehen.

Eine andere schlummerte in den Bestmarken, die die 25-Jährige seit Jahren routiniert zertrümmert. Flachau war Shiffrins 68. Erfolg im Weltcup, nur Ingemar Stenmark (86) und Landsfrau Lindsey Vonn (82) waren noch erfolgreicher. Shiffrin stand zudem zum 100. Mal auf dem Podium, das haben auch erst sieben Athleten in der 54-jährigen Historie des Weltcups vollbracht. Wobei Shiffrin dieses Rekordezählen gar nicht so gerne hört. Sie freue es viel mehr, wie gut sie wieder durch die Tore getanzt war, sagte sie. Am Abend vor dem Rennen hatte sie zudem stolz verkündet, dass ihre Stiftung, die sie nach dem Tod ihres Vaters in dessen Namen gegründet hatte, binnen vier Monaten drei Millionen US-Dollar eingesammelt hat, aus 19 Ländern und 39 US-Staaten. Das erzählt auch einiges darüber, wie sich der Alpintross in der Pandemie gerade über Wasser hält, beziehungsweise auf der Piste.

Shiffrins Stiftung federt viele wunde Stellen im Verbandsbudget ab

Der amerikanische Ski- und Snowboardverband (USSA), das muss man dazu wissen, finanziert sich und seine 30 000 Mitglieder vor allem über Spenden; hauptsächlich dank reicher, wintersportbegeisterter Mäzene. Im Budget des Verbandes von mehr als 30 Millionen Dollar hatten sich während der Pandemie zuletzt dann aber doch einige Lücken aufgetan. Da kommt Shiffrins Stiftung ins Spiel, die sie auf Anregung mancher Mäzene im September gegründet hatte. Das Geld dichte viele wunde Stellen ab, bestätigt der US-Verband auf Anfrage: Trainingscamps bis zu den Winterspielen 2022, von den Alpinen bis zu den Langläufern; Reisebudgets, die wegen der Corona-Verordnungen massiv gestiegen sind; es federe auch Einsparungen ab, die man sonst im Betreuerstab hätte durchdrücken müssen.

Für die US-Alpinen kommt die Hilfe zu einer neuralgischen Zeit. 2013, bei der WM in Schladming, waren die Amerikaner noch die erfolgreichste Nation, vier Mal Gold, ein Mal Bronze, Österreichs Überfahrer Marcel Hirscher sagte: "Die USA haben uns längst überholt." Die damals - meist österreichischen - US-Trainer schwärmten tatsächlich von finanziellen Mitteln und geografischen Bedingungen, allein das Speed-Center in Copper Mountain mit seinen Weltcup-tauglichen Abfahrten, auf denen sich die Weltelite Jahr für Jahr einbucht: hach! Das alles konnte irgendwann freilich nicht mehr kaschieren, dass es eine kleine, goldene Generation war, die lange die Lücken in der Breite überdeckte, Überfiguren wie Lindsey Vonn, Julia Mancuso, Ted Ligety und Bode Miller. Bei der WM 2019 lag es schon an Shiffrin, drei der vier US-Medaillen zu gewinnen, zwei Mal Gold, ein Mal Bronze. Und jetzt?

Einige US-Athleten sind auf Zweitjobs angewiesen, die in den USA von der Pandemie bedroht werden

Ausgerechnet im komplizierten Corona-Winter stoßen viele Athleten wieder an die Spitze, auch wenn die schwere Verletzung von Tommy Ford die Stimmung zuletzt herunterdimmte. Ryan Cochran-Siegle gewann zuletzt in Bormio in seinem 101. Rennen seinen ersten Weltcup, Breezy Johnson stand in drei Abfahrten auf dem Podest, Paula Moltzan und Nina O'Brien überzeugten im Slalom, in dem Shiffrin über Jahre intern unangefochten war. Sie alle, sagte Shiffrin zuletzt, hätten sich nach Jahren voller Verletzungen und Mühen endlich belohnt. Allerdings sei sie "unglaublich besorgt" darüber, wie sehr die Pandemie die Förderströme bedrohe, die vielen US-Athleten zugute kommen.

Viele Wintersportler, selbst in den Weltcup-Kadern, finanzieren ihr Leben im Sommer mit Zweitjobs, als Barista im familieneigenen Kaffeehaus etwa oder als Rafting-Trainer wie Paula Moltzan - manche Athleten hätten diese Jobs zuletzt verloren, sagte Shiffrin. Allein von Preisgeldern kann mittlerweile aber selbst bei den Alpinen nur noch eine schmelzende Elite leben, und Sponsoren lassen sich auf dem US-Markt für Wintersportler schwer auftreiben, zumindest jenseits der Mäzene. Auch da wird Shiffrins Stiftung wohl bald etwas Linderungen schaffen. Wohl dem Verband, dessen Athleten nicht nur an rote und blaue Slalomtore denken.

© SZ/klef
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