Süddeutsche Zeitung

Ski alpin: Männer:"Heute hat's mich echt geschüttelt"

  • Felix Neureuther weint nach seinem dritten Platz im WM-Slalom von St. Moritz.
  • Die Medaille zeigt erneut seine große Fähigkeit, nach Rückschlägen und Verletzungen zurückzukommen.
  • Der deutsche Skiverband würdigt bereits das Lebenswerk des 32-Jährigen.

Unten alles rot, weiß und blau, das habe er noch gesehen, sagte Felix Neureuther, die Schweizer Fahnen, der unverschämt schöne Himmel. Da habe er kurz innegehalten im Starthaus, in das er gerade gekrochen war, und sich gefragt: "Hey, was machst du dir eigentlich so einen Stress?" Gut, es gab den einen oder anderen schwer verdaulichen Gedanken, die Schmerzen, die ihm am Dienstag im Team-Event in den Rücken geschossen waren, Platz 16 im Riesenslalom, die Teamkollegen, die bis zum Sonntag keine Medaillen erstanden hatten, der Slalomhang von St. Moritz, der ihm nicht so recht lag, Platz zehn nach dem ersten Lauf. "Du denkst, es verschwört sich alles so ein bisschen gegen dich", erinnerte sich Neureuther später, aber es half ja nichts, vor ihm lag jetzt nur noch dieser eine Durchgang. Und plötzlich, sagte Neureuther, "hab ich's irgendwie genossen".

Dann fuhr Felix Neureuther, 32, los und trug die Erwartungen schwer wie das Matterhorn, als gäbe es nichts Leichteres.

Das Finale im Slalom von St. Moritz war eines, das sie sich nicht schöner hätten malen können zum Abschluss dieser WM. Am Ende war es fast schon zu kitschig. Wie Neureuther im Ziel die Bestzeit erschuf, wie er ahnte, dass es nicht reichen konnte, weil er kurz vor dem Ziel einen Fehler eingebaut hatte. Oder reichte es doch? Die Hoffnung, sie ist eine unbelehrbare Anarchistin. Die Mitbewerber arbeiteten sich an seiner Zeit ab, der spätere Zweite Manuel Feller überbot ihn.

Neureuther stolperte in zarten Frust. Dann waren sie wieder langsamer: Dave Ryding, der fünfmalige Saisonsieger Henrik Kristoffersen, auch Marco Schwarz. Das war die letzte Laune dieser WM: dass Neureuther in seinem wohl letzten WM-Rennen Dritter wurde, hinter Weltmeister Marcel Hirscher sowie Feller, beide Österreich. "Ich weine ja nicht so schnell", sagte Neureuther später, aber am Sonntag heulten sie alle, Sportdirektoren, Eltern, Trainer. "Heute hat's mich echt geschüttelt", sagte Neureuther, dampfend vor Erleichterung.

Er hielt kurz inne, lächelte, dann sagte er: "Vor allem stehen wir im Medaillenspiegel jetzt vor Iran, das ist auch wichtig."

St. Moritz war Neureuthers achte und wohl letzte WM, und sie war auch deshalb so emotional, weil sie ein wenig das nacherzählte, was ihm in den 14 Jahren zuvor widerfahren war, seit seiner ersten WM in St. Moritz: große Hoffnungen, aber auch Tiefschläge, an die er wiederum bemerkenswerte Erfolge knüpfte. Neureuther war angeschlagen, das Knie verletzt, das Set-Up passte nicht. Dann die Verletzung im Teamwettbewerb. "Es hätte bis zum Slalom am Sonntag eigentlich nicht schlechter laufen können", sagte Neureuther; er habe auch gespürt, dass man angefangen habe, "ihn abzuschreiben". Das, sagte er, "hat meine Motivation sehr geweckt".

Das ist vielleicht das bemerkenswerteste an Neureuthers Oeuvre: Wie er Jahre der vermeintlichen Unvollendung konterte, indem er auf den großen Bühnen meistens seine beste Leistung aufführte. Und dass er aus einem manchmal kleinen Reservoir an Möglichkeiten, ob nun selbst verschuldet oder nicht, mehr erschuf, als ihm viele zutrauten. Zum Beispiel, als er vor den Winterspielen 2014 in eine Leitplanke rauschte, trotzdem Achter im Riesenslalom wurde. Oder vor zwei Jahren, als er als bester Slalompilot des Winters zur WM nach Vail reiste - und Bronze gewann, obwohl der Rücken so sehr schmerzte, dass sie später in der Saison oft nicht wussten, ob Neureuther es noch zum Frühstück schaffen würde. Oder als er im aktuellen Winter - nach einer Übergangssaison, in der er den Körper heilen ließ und ein neues Trainingsprogramm aufspielte -, erst Schmerzen, dann Materialprobleme abschüttelte. Ehe er sich in St. Moritz im letzten Rennen aufs Podium hob. Erfolge, auch sportliche, sind ja erst so richtig intensiv im Beisein von Kummer, schöne Momente bekommen dann noch größere Bedeutung. Die Medaille, sagte Neureuther unter Tränen, gehöre auch "der Miri", seiner nicht für die Biathlon-WM nominierten Freundin Miriam Gössner. "Der geht es zu Hause nicht so gut."

Einen Winter will Neureuther noch fahren, St. Moritz war wohl die letzte WM. Auch wenn er sich am Sonntag eine Hintertür offen hielt. Alpindirektor Wolfgang Maier formulierte schon Mal eine kleine Würdigung, "außer den zwei Goldmedaillen von Markus Wasmeier", sagte er, bei Olympia 1994, reiche bei deutschen Alpin-Männern nichts an Neureuthers Lebenswerk heran: drei WM-Medaillen im Slalom in Serie, als zweiter Skifahrer überhaupt, Gold und Bronze im Team-Event, zwölf Weltcup-Siege, mehr als 50 Podiumsbesuche. "Er ist die Nummer eins", sagte Maier. Wohl auch, weil Neureuther nicht exklusiv fürs Skifahren steht, wie manche Kollegen, sondern eine Haltung vertritt, wie mit seiner Stiftung, die Kinder wieder zu Bewegung ermutigen soll.

Maier wollte aber nicht über die ansonsten lauwarme deutsche Bilanz in St. Moritz hinweggehen, "auch die Medaille von Felix wird nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir über viele Dinge nachdenken müssen. Es fehlt uns ein bisschen Nachwuchs und an Typen, die diesen Rennsport wirklich als Rennsport betreiben wollen". Typen wie Neureuther also, der immer wieder die Erwartungen trägt, als gäbe es nichts Leichteres.

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Quelle:
SZ vom 20.02.2017/schm
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