Süddeutsche Zeitung

Ski Alpin:Weniger ist weniger

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Die deutschen Skirennfahrer verpatzen in Kitzbühel ihre Generalprobe vor den Olympischen Spielen. Die Hoffnung auf eine Trendwende ist noch überschaubar.

Von Johannes Knuth, Kitzbühel

Das Blut auf der Nase war schon angetrocknet, doch das Lächeln des Versehrten verriet, dass es ihm den Umständen nach passabel ging. Unter der Woche hatte der Skirennfahrer Josef Ferstl im Training die Ausfahrt des Steilhangs leichtsinnig passiert und die Begrenzung touchiert, nun schleppte er bei beiden Abfahrten auf der Kitzbüheler Streif ein paar Andenken mit sich herum. Der Rücken sei "ziemlich mitgenommen", sagte Ferstl, er leide an Prellungen, Muskelzerrungen, nehme Schmerztabletten zu sich. Das stoische Resümee eines Abfahrers: "Es ist überschaubar." Aber es stimmte ja: Das übliche Bulletin nach solchen Vorfällen inkludiert gerne Knöchelbrüche, Bänderrisse, lange Krankenstände. "Am Ende", sagte Ferstl, "hatte ich sauber Glück."

Dass das so ziemlich die beste Nachricht des Wochenendes war für das Alpin-Ressort des Deutschen Skiverbands (DSV), erzählte einiges über die restlichen Leistungen. Der beste Ertrag der Abfahrer war Dominik Schwaigers 14. Platz vom Freitag, Linus Straßer reichte im Slalom das gleiche Resultat ein.

Doch auf die Aussicht, dass eine windschiefe Generalprobe von einer großartigen Aufführung kündet, bei den nahenden Winterspielen in Peking, wollte sich DSV-Sportvorstand Wolfgang Maier wenig überraschend nicht berufen. Man sei vor einem Jahr "relativ entspannt zur WM gegangen", als Außenseiter, der dann vier Medaillen gewannen. Aber, so Maier, man dürfe nicht denken, "dass man eine Serie daraus machen kann". Er bezweifele gerade, ob seine Athleten wissen, dass sie sich schon ein wenig häufiger an die Leistungsgrenze herantrauen dürfen.

Einer, der vor seinem Silber-Gewinn vor einem Jahr eine schlechte Kleiderprobe aufgeführt hatte, ist Andreas Sander. Vor diesem Winter, sagte Sander nun, seien die Erwartungen "natürlich gewachsen". Bis auf Platz vier im Super-G von Beaver Creek knüpfte er bislang aber kaum an seine funkelnde Vorsaison an - ungewöhnlich für einen Freund der Konstanz. "Zuletzt war ich wirklich verkrampft", räumte Sander ein, so habe er auch einen technischen Fehler erworben, den er zuletzt während einer Auszeit ablegen wollte.

Platz 23 am Freitag wertete er als Fortschritt, Rang 30 am Sonntag ließ ihn wieder ratlos zurück. So blieb fürs Erste nur die Hoffnung, dass beim nächsten Auftritt, der Olympia-Abfahrt am 6. Februar, "komplett andere Verhältnisse" herrschen. Darauf beriefen sich, mehr oder weniger, auch die Kollegen: Romed Baumann als Fünfzehnter am Sonntag, Ferstl (20.), Schwaiger (22.) und Simon Jocher (33.), die sich alle für Peking qualifiziert haben.

Der Abstand zum Sieger war jedenfalls gewaltig: Der Schweizer Beat Feuz gewann seine dritte Streif-Abfahrt, nachdem sie in Kitzbühel über zwei Nächte bis zu einen Meter Neuschnee aus der Piste geschaufelt hatten.

Und Linus Straßer? Auch der war in Kitzbühel weiter mit der beliebten Aufgabe beschäftigt, seine starke Form in den Wettkampf zu übersetzen, das Rennen nicht größer zu machen, als es ohnehin sei, wie er zuletzt gesagt hatte: "Man muss gar nicht immer die 100 Prozent fahren, manchmal ist weniger mehr." Straßer zeigte auf dem Ganslernhang dann aber noch weniger als weniger. Er habe "zu viel rausgenommen", nach seinem Ausscheiden in Wengen habe er erst mal wieder "das Ziel sehen" wollen. Dem 29-Jährigen bleibt immerhin noch ein Rennen: der Slalom am Dienstag in Schladming, seine Generalprobe vor dem Abflug nach Peking.

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